13. Bericht von Thierry Wilhelm

 

Für den Grenzübergang nach Malaysia wähle ich den kleinen Übergang „Wangprachang“ in der Provinz Satun, denn ich verspreche mir weniger Verkehr und schnellere Abfertigung. Es ist, von Norden her gesehen, der westlichste Übergang. Wie erhofft, herrscht kaum Verkehr und ich werde sofort und zügig bedient. Alles easy...

 

Ich fahre noch bis Kangar, der ersten Stadt nach der Grenze. Es sind lediglich ca. 60 km. Ich habe keine Eile, denn Malaysia ist nicht so gross und in einem Tag können auf den ausgezeichneten Strassen relativ grosse Distanzen zurückgelegt werden. Mein erstes Ziel ist Kuala Lumpur, die Hauptstadt. Ich will so schnell wie möglich zum BMW-Händler. Ich hatte Email-Kontakt mit ihm, denn mein Benzinfilter scheint verstopft zu sein. Da dies ein dermassen intelligent gebautes Teil ist, lässt es sich nicht reinigen, sondern muss ersetzt werden. Eigentlich wundert es mich, dass er so lange durchgehalten hat. Wenn ich bedenke, was für Benzinqualitäten ich in Pakistan, Indien oder Nepal getankt hatte, ist es ziemlich erstaunlich. Ich realisierte erstmals auf schnellen Abschnitten in Thailand, dass der Durchzug bei höherer Geschwindigkeit fehlte und dass ich kaum über 105 km/h hinauskam. Ein Besuch bei BMW Phuket förderte die Erklärung zu Tage. Aber ein Ersatzfilter hatten sie nicht, sondern verwiesen mich an BMW Malaysia. Da es noch ca. 2 Wochen hin war, bis ich in Kuala Lumpur sein sollte, nahm ich Kontakt auf und bestellte das Teil. Ich wusste in der Zwischenzeit, dass der Filter auf mich wartete...

 

Von einem Facebook-Freund wurde ich mit einem Motorradfahrer in Kuala Lumpur verkuppelt. Ich nahm Kontakt mit ihm auf und nun wartete er auf mich. Es ist immer praktisch, aber auch schön, wenn irgendwo jemand auf dich wartet. Es vereinfacht manche Dinge, aber das Wichtigste und Schönste ist, dass man, wenn die Chemie stimmt, neue Freunde gewinnt. Die ersten Kommentare in Facebook tönten viel versprechend und ich freute mich, ihn kennen zu lernen...

 

Also fuhr ich erst mal ohne zu Hetzen aber auf direktem Weg nach Kuala Lumpur. Ich übernachtete nochmals in Ipoh, ca. 150 km vor Kuala Lumpur, um dann am folgenden Tag relativ früh die Stadt zu erreichen. Ich hatte von zwei Motorradreisenden aus Holland, die ich Chiang Mai kennengelernt hatte, eine Adresse eines Guesthouses, das „Tropical Inn“, erhalten. Schon zwei Wochen zuvor hatte ich ein Zimmer über Facebook reserviert. Ich hatte mir die Koordinaten in mein GPS einprogrammiert und so fand ich die kleine und süsse Herberge ohne Probleme. Jennifer, eine Malaiin und Eigentümerin, ist eine Powerfrau in den 40igern. Sie ist eine Partynudel und hat immer einen Spruch auf der Lippe. Die Herberge ist eine Erfolgsstory, denn sie ist mit viel Liebe zum Detail eingerichtet und sehr beliebt bei den Traveller. Sie hat zwar nur etwa 8 Zimmer, aber überaus viel Atmosphäre. Zudem ist sie in Gehdistanz zum Zentrum der Stadt, sprich die Petronas-Twin-Towers und der berühmte Fernsehturm sind in ca. 20 Min. zu  Fuss zu erreichen. Zudem sind die Einkaufsmeile und das Chinesenviertel mit ausserordentlich vielen Restaurants in unmittelbarer Umgebung. Eine super Lage für ein Basislager. Die folgenden 4 Tage verbrachte ich in Kuala Lumpur. Gleich am ersten Abend kam Harris, der Facebook-Kontakt, vorbei und holte mich zusammen mit seiner Frau ab. Er brachte mich zu einem Motorradladen, der an diesem Tag seine Eröffnung feierte. Dort gab es haufenweise zu essen und ich lernte einige seiner Motorradfahrerkumpels kennen. Wir verstanden uns prächtig und verbrachten einen super Abend. Was ein toller Einstieg in Malaysia und speziell Kuala Lumpur. Den folgenden Tag verbrachte ich mit Sightseeing. Selbstverständlich schaute ich mir Kuala Lumpur von oben an, in dem ich auf den hohen Fernsehturm ging. Von dort oben hat man die perfekte Sicht auf die beeindruckende Metropole und vorallem auf die genialen Petronas-Zwillingstürme. Überhaupt, ich verbringe viel Zeit in und um diese zwei Türme. Ich bin total fasziniert von dieser Architektur. Für mich ohne Zweifel die zwei schönsten Bürotürme der Welt!

 

Für den morgigen Tag hatte ich mich mit Harris verabredet. Er zeigte mir den Weg zum BMW-Händler. Er brachte noch einen Freund mit, der ebenfalls reiseerfahren war. Er reiste als erster Malay solo von Kuala Lumpur nach London – auf einer 128er-Maschine! So fachsimpelten wir stundenlang und tauschten Erlebnisse miteinander aus, während wir auf mein Motorrad warteten. Eine sehr spannende Begegnung mit einem interessanten Menschen...

 

Ich legte zusammen mit Harris eine Route durch Malaysia fest. In ungefähr 10 Tagen wollte ich die Halbinsel umrunden um dann von Kuala Lumpur nach Sarawak zu fliegen. Sarawak und Sabah sind die zwei Provinzen, die auf Borneo liegen. Borneo ist eine zweigeteilte Insel, halb Malaysia und halb Indonesien. Dazu liegt noch der Zwergstaat Brunei zwischen Sarawak und Sabah.

 

Als erstes wollte ich wieder nordwärts fahren um dann auf die Cameron Highlands abzubiegen. Die Cameron Highlands liegen auf dem Gebirgszug „Banjaran Titiwangas“, dessen höchste Erhebungen ca. 2'100 M.ü.M. erreichen. Er liegt zwischen der West- und Ostküste und erstreckt sich ca. 350 km von Nord nach Süd. Man bewegt sich meistens auf zwischen 1'200 und 1'700 Meter. Eine sehr angenehme Höhenlage an den heissen Sommertagen. Ebenfalls eine perfekte Höhe für die berühmten Tee- und Erdbeerplantagen von Cameron Highlands. Es waren natürlich einmal mehr die Briten, die, wie in Indien, diese Plantagen einführten und ihre Sommerresidenzen dort erstellten als sie das Land kolonialisierten. Es ist eine wunderschöne Gegend, saftig und grün. Und eben, klimatisch ausserordentlich angenehm. Ich genoss ein paar Tage auf diesen Highlands, besuchte Teefabriken und Erdbeerplantagen und fuhr einfach ein bisschen herum und schaute mir die Natur an.

Ich bekam eines Morgens eine SMS von Harris der mir mitteilte, dass in Terengganu am kommenden Wochenende eine grosse „Bike-Week“, ein Motorradfestival, stattfinden würde und empfahl mir wärmstens, daran teilzunehmen. Es passte wunderbar in meinen Zeitplan, den ich wollte sowieso nach Terengganu. Ich war vor 9 Jahren schon mal da, denn vor Terengganu sind die Inseln von Pulau Redang vorgelagert. Dort hatte ich meine bisher schönsten Tauchgänge erlebt und ich wollte wieder hin.

 

Ich konnte Terengganu von Cameron aus in einem Tag erreichen, wenn ich genügend früh abfahren würde. Es war eine wirklich sehr schöne Fahrt wieder runter ins Tal. Ich sah auf der Karte, dass die Hauptstrasse einen ziemlich grossen Umweg machen würde. Aber da war auch noch eine kleine Drittklassstrasse, die ziemlich direkt auf Terengganu zuhielt und erst noch an einem sehr grossen See vorbeiführen würde. Klarer Fall, ich würde es wagen...

 

Die Strasse erwies sich anfangs als Schotter- und Erdstrasse. Schöne Gegend, kein Verkehr. Herrlich! Auf halber Strecke aber, begann plötzlich eine nigelnagelneue Strasse! Vierspurig! Wow, was für ein krasser Wechsel! Sie bauen also eine neue Strasse, die die Westküste mit der Ostküste besser verbindet. Eigentlich logisch. Die Strasse führt am besagten See vorbei. Eine sehr schöne Gegend. Der See wurde zur Stromproduktion aufgestaut und ist der grösste See in Malaysia. Er ist weit verzweigt und entsprechend führt die Strasse einen Moment lang dem See entlang um sich dann wieder über einen Hügel und Täler zu entfernen. Eine sehr schöne Fahrt. Es erweist sich als glücklich, dass die Strasse so viel besser geworden ist, denn nun komme ich schneller voran. Es war nötig, denn der Tag neigt sich bereits dem Ende zu und Terengganu ist immer noch ein gutes Stück entfernt. Zudem fängt es einmal mehr heftig zu regnen an. Das passiert beinahe täglich in Malaysia. Praktisch jeden Nachmittag beginnt es an zu schütten. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass sich die Wolken jeden Tag kräftig entleeren. Man kann fast die Uhr danach stellen: morgens ist das Wetter noch schön, jedoch um ca. drei Uhr nachmittags beginnt es zu regnen. Ich stelle mich darauf ein, dass ich an Reistagen spätestens um Vier am Zielort eintreffen sollte...

 

Gegen 18 Uhr komme ich in Terengganu an. Ich weiss aus dem Internet, wo das Motorradfestival stattfinden soll und so steure ich als Erstes dorthin. Nach ein wenig suchen, entdecke ich plötzlich Festzelte und hunderte von Motorrädern am Strand. Ich fahre durch die Hauptzufahrt ins Festgelände und parkiere in der langen Reihe von Motorrädern. Vollgepackt, schmutziges Motorrad, ausländische Kennzeichen und offensichtlich ein Ausländer, ziehe ich sogleich die Aufmerksamkeit auf mich. Sofort bin ich in Gespräche verwickelt, Fotos werden geschossen. Schon bald erreicht die Nachricht den Veranstalter. Es ist ein wirklich grosser Anlass. Eine richtig tolle und grosse Bühne wurde aufgestellt. Alles erscheint sehr professionell organisiert. Es stehen bestimmt mehrere Hundert grosse Motorräder herum. Harleys, neue und ältere Japanische Modelle, Aprilias, ja sogar Ducatis. Eigentlich fast alles, was man sich vorstellen kann. Ich bin sehr überrascht. Malaysia ist ganz offensichtlich das reichste Land in Südostasien, denn in keinem anderen Land habe ich so viele schwere Motorräder gesehen. Auch sind die meisten Leute in modernen und teuren Motorradklamotten gekleidet.

 

Plötzlich kommt einer der zahlreichen Helfer zu mir und bittet mich mitzukommen. Ich bin etwas überrascht und folge ihm. Ich höre die zwei Moderatoren, die schon eine Weile auf der grossen Bühne irgendwas auf Malaiisch erzählen, wie sie plötzlich auf Englisch umschalten und, nun für mich verständlich, einen ausländischen Reisenden ankündigen: Der vom am Weitesten angereisten Teilnehmer des Festivals! Der Helfer schubst mich in Richtung Bühne. Schluck... da komme ich wohl nicht drum herum. Mit einem kräftigen Kribbeln im Bauch erklimme ich die Bühne und schaue in eine grosse Menge, die mir applaudiert. Wow, was ein Gefühl! Die beiden  Moderatoren nehmen mich in die Zange und fragen mich über meine Reise aus. Nach Überwindung der anfänglichen Nervosität, gebe ich brav Auskunft. Es ist eigentlich Routine für mich, denn es sind die immer gleichen Fragen, die mir schon Hundert mal auf der bisherigen Reise gestellt wurden. Und so finde ich schnell Tritt und geniesse den Auftritt. Am Ende brandet ein grosser Applaus auf und ich bin wieder entlassen. Ich gehe zurück zu meinem Motorrad, das immer noch von mehreren Bikern begutachtet und fotografiert wird. Ich geselle mich zu ihnen und plaudere über Gott und die Welt. Es stellt sich heraus, dass die meisten ein ausgezeichnetes Englisch sprechen. Offensichtlich gut ausgebildete Menschen in guten Berufen, denn wie könnten sie sich ein solch teures Hobby leisten? Plötzlich sehe ich, wie eine Traube von Menschen mit grossen Foto- und Videoausrüstungen sich langsam in meine Richtung bewegt. Offenbar Journalisten, aber auch Festivlateilnehmer. Die Leute umringen ein Paar, das immer wieder stehen bleibt um hier und da ein paar Worte zu wechseln. Ich frage meinen aktuellen Gesprächspartner, um wen es sich da handelt. „Oh“, sagt der Mann, „dass ist unser Prinz mit seiner Gattin“. Wow, ein leibhaftiger Prinz! Er sei der jüngere Bruder des aktuellen Sultans, also dem König, der Provinz Terengganu (Anmerkung: jede der neun Provinzen in Malaysia hat seinen eigenen Sultan). Die Veranstaltung stehe unter seinem Patronat. Er selbst habe die gesamte Verpflegung gesponsert. Zudem sei er ebenfalls ein begeisterter Motorradfahrer und werde an der morgigen Ausfahrt an der Spitze mitfahren. Aha, das ist ja spannend, denke ich für mich...

 

Irgendjemand hat dem Prinzen die Nachricht von meiner Anwesenheit gesteckt. Er hält nämlich direkt auf mich zu und tatsächlich, er begrüsst mich mit Handschlag. Sogar seine Gattin streckt mir ihre Hand entgegen. Wow, ich bin überrascht, denn die Menschen hier sind Moslems und Terengganu, so sagte mir Harris in Kuala Lumpur, sei einiges strikter als anderswo. Normalerweise berührt man keine Frau in islamischen Ländern, aber offenbar sind der Prinz und seine Gattin ziemlich modern und liberal eingestellt. Sie zeigt sich nämlich auch ohne Kopftuch, sondern mit langem und blond gefärbtem Haar. Der Prinz zeigt sich erfreut über meine Anwesenheit und heisst mich willkommen. Er stellt mir ein paar Fragen über meine Reise und übergibt mir dann - im Blitzlichtgewitter - eine kleine Tragtasche, in der ein T-Shirt, Schlüsselanhänger- und Baseballkappe, alles jeweils mit Festivalaufdruck, sowie eine paar Snacks drin sind.

 

 

Der Prinz von Terengganu

 

 

Da ich offensichtlich soeben angekommen war, da das Motorrad voll bepackt und ich in voller Montur dastand, fragte mich der Prinz, ob ich schon eine Übernachtungsmöglichkeit hätte. Als ich verneinte, winkte er sofort jemanden zu sich und erteilte ein paar Anweisungen auf Malaiisch. Aber ich konnte mir denken, was es war. Und so war es dann auch. Nachdem wir noch Hände schüttelnd für ein paar Fotos posierten und er dann weitergezogen war, kam der Typ zu mir und meinte, ich solle ihm mit dem Motorrad folgen. Er würde mich in ein Hotel eskortieren. Super praktisch. Er fuhr auf seinem Motorrad vor und ich folgte ihm in ein etwas nobleres Hotel, das nicht allzu weit vom Gelände entfernt war. Es sah so aus, als wäre das ganze Hotel nur von Festivalteilnehmern in Beschlag genommen worden, denn auf dem Vorplatz standen mindestens 100 Motorräder! Das Hotel lag normalerweise ausserhalb meiner Kategorie, aber ich konnte in dieser Situation natürlich nicht ablehnen. Das Zimmer kostete um die sFr. 80.00 pro Nacht, was ich auf der ganzen Reise nie ausgegeben hatte. Aber was soll’s, es sieht nach einem ganz speziellen Wochenende aus. Der Anfang war schon ziemlich spektakulär und so soll auch die Übernachtung für einmal überaus gediegen sein. Ich staunte allerdings ob all der Motorradfahrer, die sich ebenfalls dieses teure Hotel leisteten. Keine Frage, die schwere Motorräder fahrende Klasse, gehört zur Oberschicht. Vermutlich viele Minister- und hohe Beamtensöhne dabei, aber auch erfolgreiche Geschäftsleute. Egal, ich habe das ganze Wochenende durchwegs angenehme, lustige und respektvolle Begegnungen gehabt. Überhaupt ist mir aufgefallen, wie anständig, höflich, witzig und immer respektvoll alle miteinander umgegangen sind. Ebenfalls aufgefallen ist mir, dass überraschen viele Frauen dabei waren. Einige sind sogar selber gefahren. Und erstaunlicherweise trugen manche Frauen kein Kopftuch. Aber sie waren klar in der Minderheit. Offenbar kein Problem im moslemischen Staat Malaysia. Überhaupt erweist sich die Gesellschaft als ziemlich tolerant, das glaube ich eigentlich überall auf der Reise durch das Land zu sehen und zu spüren. Aber ich sehe als Durchreisender ja nur die Oberfläche. Wie es im Mikrokosmos zu und her geht, entgeht mir selbstverständlich. Malaysia zeigt sich für mich aber als tolles Beispiel, wie eine tolerante Gesellschaft, die verschiedene Glaubensrichtungen und Ethnien aufweist, friedlich nebeneinander leben kann. Die Gespräche mit Harris, seiner Frau Rita und weiteren Bekanntschaften bestätigen mir diesen Eindruck.

 

Die Gesamtbevölkerung von gut 28 Millionen Menschen setzt sich aus etwa 50% Malaien, etwa 24% Chinesen, etwa 11% indigene Völker und knapp 8% andere (vorallem Inder) zusammen. Der Islam ist die Staatsreligion. Etwa 60% der Gesamtbevölkerung bekennen sich dazu. Etwa 20% sind Buddhisten, ca. 3% bekennen sich zu chinesischen Religionen wie Daoismus und Konfuzianismus. Die Inder sind natürlich vorwiegend Hindus, was ca. 6% ausmacht. Christen kommen in allen ethnischen Gruppen vor und stellen etwa 9%. Da kommt doch einiges zusammen und birgt viel Spannungspotential. Und trotzdem funktioniert es, wie es scheint, ziemlich gut. Ich habe mich immer sehr wohl und sicher gefühlt. Und ich bin geneigt zu sagen, dass einmal mehr in einem islamisch dominiertem Land die Gastfreundschaft sehr ausgeprägt war. Es ist halt schon irgendwie bezeichnend und macht einem doch nachdenklich. Der Respekt, die Höflichkeit und die Gastfreundschaft haben sich wie ein roter Faden durch alle islamischen Länder gezogen, die ich durchreist habe, und waren in diesen Ländern am höchsten. Sehr bemerkenswert...

 

Zurück zur Bike-Week. Nachdem ich eingecheckt hatte, ging ich zurück auf’s Festgelände, wo noch Aufführungen auf der Bühne dargeboten wurden und ein grosses Buffet zum Essen einlud. Um ca. Mitternacht war dann Schluss. Am Samstagmorgen um 09:00 war dann Besammlung für eine grosse, gemeinsame Ausfahrt. Es war eindrücklich zu sehen, wie sich Hunderte von Bikes aufstellten. Zum Schluss sollen etwa 1'200 Motorräder an der Ausfahrt teilgenommen haben! Eine Wahnsinnszahl! Ich kann die Zahl natürlich nicht bestätigen, aber die Kolonne war endlos. Viele so genannte Marschalls (Hilfskräfte) und auch viel Polizei begleiteten den Tross und sicherten Zufahrtsstrassen ab. Der Prinz fuhr mit seiner Honda Goldwing vorne weg, eine Polizeieskorte machte den Weg frei. Es war eindrücklich, wie perfekt organisiert die Ausfahrt war. Nach ca. 20 Min. wurde unterwegs in einem Altersheim ein Zwischenstopp eingelegt. Der Prinz setzte dort symbolisch einen Baum. Keine Ahnung was der Hintergrund dieses Besuchs war. Vielleicht ist ein königliches Mitglied in diesem Altersheim untergebracht? Lustig zu erwähnen ist, dass ich und ein Engländer, der zufällig auch noch dazu gestossen war, immer auch auf die Fotos mussten. Ich fühlte mich wie ein exotisches Ornament, mit dem sich der Prinz schmücken wollte. Oder es war eine Ehrbezeugung an uns Ausländer, keine Ahnung. Ich wurde auf jeden Fall immer wieder hierher und dorthin gezerrt und musste dann mit den anderen V.I.P.’s um die Wette strahlen. Amüsant war’s...

 

Dann ging’s weiter zum Stausee, den ich auf der Anfahrt nach Terengganu bereits gesehen hatte. Dort gibt es einen schön angelegten Park, wo man normalerweise einen gemütlichen Familienausflug geniessen kann. Nur an diesem Tag war nix mit romantischem Ausflug den da kamen über 1000 Motorräder angeknattert und veranstalteten einen Riesenkrawall. Für 90 Minuten war der Park am See von Bikern belagert! Wiederum wartete ein grosses Buffet auf uns. Mittagessen. Danach ging’s geordnet, in Zweierreihen fahrend, wieder nach Terengganu zurück. Am Abend fanden wiederum Darbietungen satt. Reden wurden geschwungen und die Auflösung einer Lotterie bekannt gegeben. Und selbstverständlich gab’s wieder ein üppiges Nachtessen. Bis um Mitternacht ging’s noch so weiter, dann war die „Bike-Week“ vorbei. Bemerkenswert ist noch, dass es während der ganzen Veranstaltung keinen Tropfen Alkohol gab und die Stimmung trotzdem hervorragend und ausgelassen war. Es geht also auch ohne Alkohol...! Es war ein super Anlass und ich bin glücklich zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Ich lernte viele tolle Menschen kennen, führte spannende Gespräche und gewann neue Freunde, mit denen ich über Facebook Kontakt halten will.

 

 

 

 

Eigentlich hatte ich ja vor, von Terengganu aus zur Insel Pulau Redang überzusetzen und ein wenig Tauchen zu gehen. Leider hatte ich mich etwas erkältet und hatte eine blockierte Nase. Zudem hatte ich in Koh Tao schlechte Erfahrungen mit einem blockierten Ohr gemacht. Ich konnte damals nicht tiefer als 6 Meter tauchen und es tat höllisch weh. So liess ich es schweren Herzens sein und sagte mir, dass ich dann in Borneo nochmals Gelegenheit zum Tauchen haben werde. Dort plante ich nach Mabul/Sipadan zu gehen. Es wird gesagt, dass es sich dabei um einen Weltklasse-Tauchspot handeln soll. Freunde von mir, die dort schon getaucht hatten, bestätigten es mir. So vertröstete ich mich auf später.

 

So verliess ich nach diesem tollen Weekend Terengganu wieder und reiste Südwärts, alles der Küste nach in Richtung Singapur. Allerdings würde ich nicht bis ganz runter fahren, sondern die letzte mögliche Querverbindung von Ost nach West nehmen. Die Fahrt war nicht sonderlich spektakulär. Alles flach und gerade aus. Ab und zu eine Stadt, bzw. Städtchen oder ein Dorf. Manchmal etwas Küste und Sicht auf’s Meer. Aber alles in allem ziemlich langweilig. Und so tuckerte ich in 3 Tagen von Terengganu unten durch und wieder rüber an die Westküste. Da war eindeutig viel mehr los. Grössere Städte, mehr Verkehr, aber auch mehr Historisches. Denn die Westküste stösst an die „Strasse von Malaga“. Diese Meerenge zwischen der malaiischen Halbinsel und der indonesischen Insel Sumatra war schon seit jeher zwingende Durchfahrt für die Handelsschifffahrt zwischen Indien und China. Hier segelten schon vor Hunderten von Jahren die Chinesen, Araber, Inder und Europäer durch und betrieben regen Handel in Malacca, oder Melakka, wie es heute heisst. Melakka bietet einen natürlichen Hafen, der von einem Ring von kleinen Inseln vor Stürmen geschützt ist. Diese historische Stadt gehört zum UNESCO Weltkulturerbe und war eines meiner Ziele. Ich verbrachte 3 Tage in der Stadt. Es gibt noch ein - leider nur noch kleines – historisches Quartier. Dieses ist aber ausgesprochen süss und ausgezeichnet renoviert. Zudem gibt’s noch ein paar Reste der portugiesischen Festung „A Famosa“, ein paar historische Kirchen und Moscheen, aber auch alte chinesische Bauten zu besichtigen.

 

Malacca wurde ursprünglich von den Chinesen gegründet und bildete bis ins 15. Jahrhundert einen chinesischen Brückenkopf zum indischen Ozean hin. Dann kamen 1511 die Portugiesen und eroberten die Stadt. Ab 1641 gehörte die Stadt den Niederländern und von 1824 an bis zur Unabhängigkeit 1957 den Briten. Eine wechselhafte und reiche Geschichte also und entsprechend gibt es heute auch noch manch geschichtlich Relevantes zu besichtigen. Sehr spannend...

 

Von Melakka aus konnte ich Kuala Lumpur locker in einem Tag erreichen. Ich hatte mich wieder mit Harris und Rita verabredet. Er half mir dabei, das Motorrad und mich rüber nach Borneo zu senden. Die beste und günstigste Variante war das Flugzeug. Harris organisierte mir alles. Einfach super! Er gab mir die Koordinaten seines kleinen Motorradshops an, wo wir uns treffen sollten. Mit den Koordinaten in meinem GPS gespeichert, war es überhaupt kein Problem seinen neuen Laden zu finden. Er befindet sich etwas ausserhalb in einem Vorort von KL, aber dafür näher am Inlandflughafen gelegen. Während meiner Rundreise hatte mich ein Franzose, der mit seiner BMW GS 1150 Probleme hatte, über Facebook angeschrieben, da er gesehen hatte, dass ich mich gerade in Malaysia befand. Er suchte eine Werkstatt, wo er sein Motorrad wieder in Stand setzen konnte. Ich verbandelte ihn mit Harris und als ich bei ihm ankam, war der Franzose auch schon dort. Harris erlaubte ihm, sein Motorrad in seiner Werkstatt zu reparieren und so wohnte Laurent bereits seit einigen Tagen bei ihm. Er schlief auf der Couch in der Werkstatt. Wir verbrachten einen lustigen letzten Abend zusammen, assen ein tolles Nachtessen, das Harris spendierte und auch ich schlief diese Nacht in der Werkstatt. Am nächsten Morgen fuhren wir zum nahe gelegenen Flughafen, um mein Motorrad einzuchecken. Harris erledigte alles. Ich stand nur, verstand Bahnhof und machte einfach, was mir geheissen wurde. Papiere ausfüllen, Fracht bezahlen und immer schön lächeln. Nach ca. 1 Std. hiess es, ich solle nun das Motorrad die Rampe hoch und in die Frachthalle fahren. Dort stand in der Mitte der ansonsten fast leeren Halle ein grosses Metallpalett mit einem Auto drauf. Ein Arbeiter fuhr das Auto vom Palett runter und ich hoch. Dann wurde das Motorrad einfach mit Zurrgurten runtergebunden und mit Klarsichtplastikfolie eingewickelt – mit allem Gepäck am Motorrad, wie es gerade da stand. Hääää??? Ich staunte nicht schlecht. Ansonsten muss man immer so Platz sparend wie möglich einpacken. Bis auf einmal musste ich bisher das Motorrad immer in eine Holzkiste verstauen und das Gepäch um und auf dem Motorrad verstauen. Nicht hier. Das Palett war breit und offensichtlich für das Flugzeug genormt. Da war ja vorher ein Auto drauf, also hatte ich Platz zum versauen. Auch wurde nicht verlangt, dass ich die Batterie abklemme, Benzin ablasse oder Luft aus den Reifen lasse. So locker habe ich bisher noch nie ein Motorrad per Flugzeug verschickt! Super, nichts dagegen...! Nach ca. 2 Std. ist alles erledigt und Harris bringt mich zum internationalen Flughafen, wo am späten Nachmittag mein Flug startet. Wir haben noch genügend Zeit und essen deshalb noch gemütlich einen verspäteten Lunch. Harris bringt mich noch bis zum Schalter der Fluggesellschaft und schaut, dass ich mein Ticket bekomme. Er ist wirklich rührend, wie er sich um mich kümmert. Ich habe wirklich gar nix zu tun, alles ist organisiert. Das nenne ich Gastfreundschaft! Wir umarmen uns und verabschieden uns herzlich und geloben, über Facebook in Kontakt zu bleiben und sich, wenn immer möglich, eines Tages wieder zu sehen. Kein Zweifel, ich habe zwei tolle neue Freunde gewonnen...

 

Harris hatte mich mit befreundeten Bikern aus Kutchin, der Hauptstadt der Provinz Sarawak, kurzgeschlossen. Sein Freund Afiq wartete bereits am Flughafen auf mich, als ich abends um 21:00 Uhr ankam. Er nahm mich in Empfang und führte mich gleich in ein Lokal, wo weitere Motorrad-Kumpels warteten. Ich wurde herzlich willkommen geheissen und wir redeten noch bis nach Mitternacht. Am nächsten Morgen holte mich Afiq um 10:00 Uhr morgens vom Hotel ab und brachte mich zum Frachtflughafen, wo ich ohne Probleme mein Motorrad in Empfang nehmen konnte. Er zeigte mir den Rest des Tages noch ein paar touristisch interessante Gebäude und Plätze. Kutchin heisst übersetzt „Katze“. Entsprechend sind überall in der Stadt Katzendenkmäler aufgestellt. Eine lustige Besonderheit der Stadt. Nachdem wir uns verabschiedet und für den nächsten Tag verabredet haben, stiefle ich noch etwas im Zentrum herum und schiesse Fotos. Kutchin ist eine Stadt mit über 600'000 Einwohnern und damit die grösste Stadt Borneos. Im Zentrum geht es lebhaft zu und her, entsprechend interessant ist es zu spazieren und Fotos zu schiessen. Zudem fliesst ein recht grosser Fluss mitten  durch die Stadt. Dadurch hat die Stadt eine schöne „Waterfront“, ein Uferpromenade mit Park. Sehr schön und gemütlich.

 

Am nächsten Tag steht eine Ausfahrt mit dem lokalen Motorradclub auf dem Programm. Afiq holt mich im Hotel ab und führt mich zum Treffpunkt. Mit grossem Hallo werde ich begrüsst und sogleich mit vielen Fragen eingedeckt. Auch hier sind die Biker höflich, lustig und interessiert. Wir fahren mit etwa 25 Motorrädern zur Stadt raus und auf eine neu erstellte Autobahn, die aber zum meinem Erstaunen völlig leer  ist. Die Jungs toben sich aus und brausen mit ihren schweren Motorrädern mit Vollgas davon. Ich sehe nur noch die Rücklichter! Über 200 seien sie gedonnert, hier können sie das machen. Bald erkenne ich auch den Grund, warum die Autobahn leer ist: es sind nämlich erst etwa 20 Kilometer gebaut. Am Ende macht die Fahrbahn nämlich eine Spitzkehre und führt auf der Gegenseite wieder zurück. Es gibt keine Ahnzeichen dafür, dass hier weitergebaut würde. Die Autobahn ist brandneu und mit allem ausgebaut, was eine Autobahn normalerweise mit sich bringt. Ein richtig tolles Testgelände um seine Maschine voll auszufahren. Komische Geschichte. Eine Fehlplanung? Geld ausgegangen? Politisch gestoppt? Keine Ahnung... Auf jeden Fall haben die Jungs ihre helle Freude daran. Wahrscheinlich toben sie sich jedes Wochenende darauf aus. Sie haben heute noch einen Fotografen dabei, der Gruppen- und Actionfotos schiesst. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich. Nach dem Fotoshooting geht’s in ein Kaffee, wo gevespert wird. Es werden noch viele Fotos gegenseitig geschossen und schon geht’s zu meiner Überraschung schon wieder ans Verabschieden. Was war das denn für eine Ausfahrt? Die trafen sich doch tatsächlich nur, um auf der unvollendeten Autobahn Vollgas zu geben und ein paar Fotos zu schiessen. In einer Woche wollten sie sich aber wieder treffen, um in die nächste, etwa 200 km entfernte Stadt zu fahren, dort zu übernachten und dann wieder zurück zu fahren. Die Jungs haben leider keine grosse Auswahl. Es gibt nicht sehr viele Strassen, ja eigentlich nur eine richtige Hauptstrasse auf Sarawak. Für ihre schweren Strassenmaschinen kommt eigentlich nur diese Strasse in Frage. Für die restlichen Strassen und Pfade, müsste man Cross- oder mindestens Enduromaschinen haben, denn es sind in erster Linie Erdstrassen vorhanden. Die Infrastruktur ausserhalb Kutchins ist doch eher dürftig. Sarawak besteht nämlich zur Hauptsache aus Urwald! Aber nein, die wollen lieber schnittige und schnelle Strassenrenner haben. Na ja, die müssen wissen...

 

Für den folgenden Tag sind zwei Hochzeiten angesagt. Freunde von Clubmitglieder heiraten und haben den Club zum Essen eingeladen. Es gibt kein Abendessen, wie bei uns, sondern Mittagessen. Die Hochzeit findet am Morgen statt und dann trifft sich die Hochzeitgesellschaft für das Festessen. Je nach Budget spielen Musikgruppen, treten traditionelle Künstler auf und fällt das Essen mehr oder weniger üppig aus. Jedoch wird immer Karaoke gesungen. Das ist fast Pflicht in Asien (leider)! Wir haben jeweils einen spektakulären Auftritt, wenn wir mit den schweren und lauten Motorrädern einfahren. Dann werden wir durchgefüttert, noch etwas geschwatzt, ein paar Fotos und los geht’s zur nächsten Hochzeit. Das Ganze dauert etwa 3 Stunden. Es ist nicht sonderlich spektakulär, denn die eigentliche Hochzeit hatte bereits am früheren Morgen stattgefunden. Es ging hier lediglich ums Essen. Aber es ist für mich trotzdem schön, das Brautpaar in den Hochzeitskleidern und die Festgemeinde herausgeputzt zu sehen. Auch hier erhalte ich grosse Aufmerksamkeit, denn es ist aussergewöhnlich, dass ein Weisser an der Hochzeit auftaucht. Gemäss den gastfreundschaftlichen Gebräuchen, werde ich sogleich freundlich umsorgt. Es war spannend, ein wenig in ihre Hochzeitstraditionen hinein zu schnuppern.

 

Am Abend verabschiede ich mich von Afiq und ein paar von seinen Freunden mit einem guten Nachtessen, denn tagsdarauf werde ich wieder weiterziehen.

 

Ich will zur nächsten Stadt, Sri Aman, fahren. Es ist eine gemütliche Fahrt, denn es sind ja nur etwas mehr als 200 km zu fahren. Unterwegs halte ich noch bei einer Krokodilfarm an. Sie erweist sich als riesig. Sie beherbergt viele verschiedene Krokodilarten, aber auch verschiedenste Vögel und auch Affen. Sehr interessant. Locker vor Sonnenuntergang erreiche ich die wesentlich kleinere Stadt. Nachdem ich kleines, aber gemütliches Hotel gefunden und eingecheckt habe, schlendere ich noch durch die Stadt. Sie liegt an einem breiten Fluss und als ich so der Promenade entlang schlendere, werde ich darauf angesprochen, ob ich wegen der Welle hier sei. Welle? Was für eine Welle? Keine Ahnung, was gemeint war. Es wurde mir daraufhin erklärt, dass immer an Vollmondtagen, aber speziell im März und April, eine Welle den Fluss herauf floss. Sie sei mehrere Meter hoch und es könne darauf gesurft werden. Wie bitte? Davon hatte ich noch nie gehört. Ich schlug später im Google nach und las, dass es sich dabei um eine Gezeitenwelle handelt, die nur an wenigen Orten der Welt auftaucht. Nämlich dort, wo die Gezeiten besonders hoch sind. Dabei wird bei Flut Wasser in eine Flussmündung hereingedrückt. Durch den Kanaleffekt entsteht eine Welle, die flussaufwärts gedrückt wird. Und Sri Aman war also solch ein Ort! Ich fragte, wann denn diese Welle erscheinen sollte. „Um ca. 18:00 Uhr“, hiess es. Es war jetzt 17 Uhr. Ich war wieder mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Fantastisch. Ich war gespannt auf das Schauspiel. Es fanden sich tatsächlich ein paar weisse Surfer ein, die sich nun auf die Welle vorbereiteten. Halb sechs, offenbar war die Nachricht gekommen, dass die Welle im Anmarsch sei, denn kleine Boote nahmen Kurs flussabwärts. Immer mehr Leute versammelten sich am Ufer. Offenbar alles Einheimische, denn ich sah ausser den 3 Surfer und mir keine weiteren Weissen. Plötzlich macht sich Unruhe breit. Es tut sich was. Ich versuche einen guten Platz zu ergattern, um ein paar Fotos zu schiessen und vorallem ein kleines Video zu drehen. Und da kam sie! Tatsächlich rollte da eine Welle flussaufwärts, nicht sehr hoch, aber immerhin. Sie war aber immerhin so hoch, dass die Surfer darauf surfen konnten. Die Leute jolten. Als die Welle noch ca 100 Meter vor meinem Standort war, fiel ein Surfer nach dem anderen in den Fluss und die Menge schrie jedes Mal auf. Nun war die Welle da. Der Fluss wurde laut und die Welle schrammte der Böschung entlang. Danach war der Fluss immer noch in Aufruhr, denn offenbar folgten auf die „Frontwelle“ noch mehrere kleinere Wellen. Ein super und vorallem aussergewöhnliches Schauspiel der Natur! Da habe ich es wieder mal voll getroffen, denn es war absoluter Zufall, dass ich ausgerechnet an diesem Tag hier war. Ich wusste nichts von der Welle...

 

Hier ein Bild der Welle:

 

 

 

Da es ausser Urwald nicht viel mehr zu sehen gibt in Sarawak, hielt ich ziemlich direkt auf Brunei zu, einem kleinen islamischen Sultanat, eingeklemmt zwischen Sarawak und Sabah. Ich wurde von Afiq bereits bei seinen Motorradkumpels aus Brunei angekündigt. Auch sie erwarteten mich bereits. Ich machte noch einmal einen Zwischenstopp in Miri, kurz vor der Grenze zu Brunei, damit ich dann am Morgen die Grenze überschreiten konnte. Miri ist die zweitgrösste Stadt von Sarawak und bietet touristisch gesehen nicht viel. Ich übernachte also nur einmal in der Stadt und fahre gleich am nächsten Morgen früh an die Grenze...

 

 

 

Brunei Darussalam

 

 

Ich bin gespannt auf Brunei, weiss ich doch nicht sehr viel über dieses winzige Land. Ich weiss nur, dass es islamisch und ein Sultanat ist. An der Grenze machen die Beamten grosse Augen, als ich mit meinem Motorrad anrolle. Äusserst freundlich werde ich willkommen geheissen. Erst werden viele Fragen über meine Reise gestellt, vorallem wie um Himmels Willen ich ausgerechnet nach Brunei kommen würde. Sie sagen mir, dass sie im Jahr höchstens 2 bis 3 ausländische Nummernschilder zu Gesicht bekämen, malaiische mal ausgenommen. Dieses Jahr wäre ich der erste überhaupt! Es sind nur wenige Fahrzeuge, die die Grenze passieren. Offenbar besteht ein vereinfachtes Grenzübergangsverfahren mit Malaysia, denn die Automobilisten zeigen jeweils nur eine Karte und werden dann durchgewunken. Sehr speditiv! Die Zöllner sind fast arbeitslos. Auf jeden Fall haben sie einen äusserst lockeren Job. Da bin ich natürlich eine willkommene Abwechslung. Ich hätte viel schneller über die Grenze kommen können, doch zog sich der Schwatz in die Länge. Kein Problem, es war erst kurz vor Mittag und wenn man will, dann durchfährt man Brunei in 2 bis 3 Stunden. Es ist auf der Strasse lediglich ca. 130 km lang! Die Gesamtlänge der Grenze zum einzigen Nachbarn Malaysia beträgt 381 km, die Küstenlinie beträgt 161 km.

Ich wollte also nicht „husch-husch“ durch das Land brausen. Anstatt sofort in die Hauptstadt zu fahren, wo mich die Biker erwarteten, hielt ich in Seria, der ersten Stadt nach der Grenze, an um dort zu übernachten. Ich fand ein angenehmes, nicht zu teures Hotel und duschte erst mal ausgiebig. Dann brach ich zu einem Bummel durch die Stadt auf. Es war eher enttäuschend. Es gab eigentlich nichts sehr spannendes. Hier eine Moschee, dort eine Ölförderpumpe. Die Leute staunten ob meiner Anwesenheit, waren aber sehr freundlich und eher zurückhaltend. Auf der Karte entdeckte ich eine Seitenstrasse, die in den Dschungel führte. An dessen Ende war ein Dorf der „Iban“ eines der Eingeborenen-Völker auf Borneo. Sie leben hauptsächlich in Sarawak und Brunei. Das spannende ist, dass sie noch heute in ihren traditionellen Langhäusern wohnen. Ich sah bereits welche auf meiner Fahrt durch Sarawak, wollte mir aber nun mal solche Häuser aus der Nähe anschauen. Zudem hatte ich ja bei diesen kurzen Entfernungen haufenweise Zeit. Diese Seitenstrasse war bis zu ihrem Ende lediglich 60 km lang. Sie war zu meiner Überraschung durchwegs asphaltiert und in hervorragendem Zustand. Aber sie war kurvenreich und super zum gemütlich durch den Wald zu tuckern. Eine sehr schöne Gegend. Die Strasse führte etwas aufwärts und so hatte ich zwischendurch immer wieder mal einen Weitblick. Ich sah einen durch ein paar Dörfer und landwirtschaftliche Anbauflächen verstümmelten Primärwald. Ein weites Blätterdach mit vielen Narben drin. Auf den letzten Kilometer sah ich immer mehr von diesen Langhäusern. Sie waren relativ einfach mit Holzplanken zusammengezimmert. Früher hatten sie wohl  Strohdächer, doch heute haben sie alle rostige und hässliche Wellblechdächer. Tja, der Fortschritt! Trotzdem, es war interessant, diese Häuser mal aus der Nähe zu sehen. Ich verstehe diese Wohnform allerdings nicht ganz, denn Privatsphäre haben die kaum, so nahe beieinander wie sie wohnen. Aber man spart zweifellos Baumaterial, fallen doch zwei Wände weg...

 

Ich geniesse die 60 km zurück zur Hauptstrasse. Ich bin fast alleine. Nur eine Gruppe von Velorennfahrer ist unterwegs und vereinzelt mal ein Auto. Als ich eine Pause bei einem schönen See mache, hält die Gruppe Velofahrer ebenfalls an. Die Gruppe entpuppt sich als eine Polizeieinheit, denn der Chef der Gruppe kommt zu mir und beginnt ein Gespräch. Er fragt mich, ob ich Thierry und auf dem Weg zu „Zaj Skydiver“ (der Biker) in Bandar Seri Begawan sei? Ich staunte nicht schlecht. Er sei auch ein Biker und habe es über Facebook erfahren, wo ich angekündigt wurde. Tja, und so viele Motorradreisende sind in Brunei nicht unterwegs... Lustige Episode. Später sollte ich ihn dann nochmals in Bandar, der Hauptstadt, zusammen mit den anderen Biker treffen.

 

Bevor ich in die Bandar Seri Begawan einfahre, mache ich noch einen Umweg an das äusserste Kap, eine Landzunge, die ins Meer ragt. Allerdings gibt’s nicht viel zu sehen. Ein grosser Hafen, Industrieanlagen aber auch ein kilometerlangen, leeren Sandstrand. An den Weekends ist hier wohl einiges los, denn es gibt’s einen grossen Park mit vielen Buden, die jetzt aber alle geschlossen sind. Ich mache ein paar Fotos und mache mich nach Bandar auf. Obwohl die Haupstadt, erscheint sie mir nicht allzu gross zu sein. Ok, die Gesamtbevölkerung beträgt ja nur etwa 380'000 Einwohner. Ich google später nach und siehe da, sie hat lediglich 33'000 Einwohner. Ein Kleinstadt also. Entsprechend übersichtlich ist sie, das Zentrum ist schnell gefunden. Ich suche und finde rasch ein passendes Hotel. Ich verabrede mich mit Zaj Skydiver, der mir von Afiq vermittelte Motorradfahrer, für den Abend. Er holt mich mit 2 Kumpels ab und wir fahren in ein Lokal und geniessen ein feines Nachtessen. Wiederum sehr sympathische und freundliche Kerle. Sie freuen sich sichtlich, einen europäischen Motorradreisenden zu Gast zu haben. Sie laden mich ein, morgen Samstag an einem Motorradtreffen teilzunehmen. Wow, schon wieder, denke ich, das ist ja der Hammer, so viele Motorradtreffen erleben zu dürfen. Offenbar finden die jedes Wochenende statt.

 

Zaj und 3 seiner Kumpels holen mich am nächsten Morgen im Hotel ab. Wir fahren etwa 30 Kilometer zum Treffpunkt. Ich staune nicht schlecht, denn da sind bereits etwa 50 Motorräder. Ein grosses Hallo, viele Fragen. Viele Fotos. Wie immer. Es ist auch diesmal äusserst herzlich, höflich und respektvoll. Das Treffen findet auf einem grossen Parkplatz eines Warenhauses statt, dass offenbar seine Eröffnung feiert. Wir werden mit Trinken und Essen versorgt. Auch eine Show mit aufgemotzten Autos findet statt. Ich realisiere, dass es sich gleichzeitig um ein Treffen verschiedener  Motorradclubs handelt. Es findet eine Versammlung unter einem grossem Partyzelt statt. Der Bruder von Zaj, der einer der Clubpräsidenten ist, hält eine kurze Rede und dann wird gemeinsam gebetet. Wow! Das habe ich an einem Motorradtreffen noch nie erlebt. Man stelle sich das in Europa vor... Danach werden diverse Ehrungen vorgenommen und Auszeichnungen überreicht. Ich habe natürlich nichts verstanden und darum keine Ahnung um was es ging. Aber plötzlich wechselt er auf Englisch um und stellt mich vor. Ich werde nach vorne gebeten und werde mit kleinen Geschenken richtiggehend überschüttet. Ein Wimpel, ein Pin, ein Notizheft mit Kuli, verschiedene Sticker der Brunei-Flagge in gross und in klein sowie der diversen Clubs. Unglaublich! Ich bin verlegen ob so viel Aufmerksamkeit.

 

Mitglieder der Pemoda-Motorradclub-Vereinigung

 

 

Nach der Versammlung wird Mittag gegessen und während des Essens kommen immer wieder Leute vorbei und stellen Fragen über die Reise. Sie sind schwer beeindruckt und können es sich kaum vorstellen, eine solch lange Reise zu unternehmen. Einige räumen zwar ein, dass es für sie sicherlich ein Traum wäre, aber keine Chance hätten, es zu verwirklichen. Es ist immer wieder lustig zu beobachten, wie Menschen teilweise reagieren, wenn sie für einmal jemanden leibhaftig vor sich haben, der so was durchzieht. Einige werden nachdenklich, einige entschuldigen sich beinahe, dass sie es nicht machen können, wiederum andere beginnen an zu träumen und weitere kommen nicht mehr aus der Fragerei raus. Egal was, eine Reaktion löst es bei den Meisten aus – erst recht bei Motorradfahrer...

 

Nach etwa 3 Stunden verlassen wir das Gelände wieder und fahren zurück nach Bandar. Nachdem sich die Gruppe  langsam aufgelöst hat, zeigen mir Zaj und drei seiner Kumpel noch die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Bandar. In erster Linie sind das zwei wunderschöne Moscheen. Sehr beeindruckende Gebäude. Dann gibt es noch das „Wasserdorf“ zu erwähnen. Bandar wird von einem grossen Fluss durchflossen und auf der einen Seite liegt das Wasserdorf. Es ist eine eindrückliche Front von Häuser, die auf Stelzen im Wasser stehen. Sieht super aus, ich bin beeindruckt. Ich will danach die ganze Gruppe zu einem Abschiedsnachtessen einladen, aber ich habe keine Chance damit. Denn umgekehrt, wollen SIE mich zu einem Nachtessen einladen, an dem ich die lokalen Spezialitäten kennen lernen soll. Wir gehen in kleines Lokal, wo man scheint’s ausgezeichnet essen könne. Sie bestellen eine Menge verschieden Sachen und lassen es mich kosten. Da sind Meeresfrüchte, Fische, ein Huhngericht, selbstverständlich Reis, diverse Saucen und eine weisse, klebrige Masse, die man mit zwei Stäbchen aufrollt und in die Saucen tunkt. Die Masse hat eigentlich keinen eigenen Geschmack, es ist die Kombination mit den Saucen, die es ausmacht. Zu meiner Überraschung ist es ziemlich lecker. Sie amüsieren sich köstlich, als ich Schwierigkeiten habe, die Masse richtig aufzurollen. Wir verbringen einen tollen und lustigen Abend. Bezahlen darf ich einmal mehr nicht. Da nützt alles drängen nichts, es kommt ganz einfach nicht in Frage! Überhaupt habe ich bei meinem Aufenthalt in Bandar lediglich für mein Hotel bezahlt. Ansonsten wurde ich immer eingeladen und nie durfte ich mich revanchieren. Es sei eine Ehre und gehöre zur Gastfreundschaft. Punkt! Keine Diskussion!

 

Morgen will ich weiterziehen. Zaj und ein Freund von ihm offerieren mir, dass sie mich bis an die Grenze begleiten. Sie telefonieren noch mit einem weiteren Motorradkumpel und bitten ihn, mich auf der anderen Seite der Grenze in Empfang zu nehmen. Einfach rührend, wie sie sich um mich kümmern. Tatsächlich läuft es am nächsten Tag genau so ab. Zaj holte mich pünktlich zur vereinbarten Zeit ab und brachte mich bis zur Grenze. Dort wartete bereits der Freund. Nun gilt es noch zu erwähnen, dass das Territorium von Brunei etwas kompliziert ist. Obwohl ein solch kleines Land, ist es trotzdem in zwei Teile geteilt. Nach Durchquerung des ersten, grösseren Teils, kommt man wieder durch einen Streifen Malaysia, das immer noch zu Sarawak gehört. Dieser Streifen ist in etwa 20 Min. durchquert und schon steht man wieder an einer Grenze. Allerdings muss man nun einen Grenzfluss mit einer Fähre überqueren. Danach steht man wieder in Brunei und zwar in der Provinz Temburon.  Auf der anderen Seite des Flusses sind die Grenzformalitäten zu erledigen. Dieser Teil Bruneis ist in etwa einer halben Stunde durchquert und dann steht man schon an der Grenze zu Malaysia. Allerdings beginnt hier Sabah, die östlichste Provinz Malaysias. Wenn man also den Weg über Brunei nimmt, muss man in kürzester Zeit vier (4!) mal eine Grenze überqueren und sage und schreibe acht (8!) mal Papiere erledigen! Zum Glück ist der Verkehr sehr spärlich und die Beamten oberfreundlich. Es ist alles kein Problem, man braucht jeweils keine 20 Minuten. Es macht sogar Spass wenn man sieht, wie ungläubig aber äusserst freundlich man von den Beamten abgefertigt wird. Alles sehr entspannt. Der dazugehörende Schwatz braucht jeweils mehr Zeit als der Papierkram! Der Kollege von Zaj, dessen Name ich leider nicht mehr weiss, begleitet mich über alle Grenzen und fährt mit mir noch bis zur ersten Stadt in Sabah. Er hat bereits organisiert, dass wir in Temburon, dem letzten Stück von Brunei, von drei weiteren Motorradfahrer in Empfang genommen werden. Und so fahren wir zu fünft ein paar Kilometer bis zur ersten Stadt, wo wir zusammen Mittag essen. Einfach herrlich. Ich komme mir vor wie ein kleiner Star, so wie ich von einem Motorradfahrer zum nächsten weitergereicht werde und wie sie mich alle freudig und voller Respekt  in Empfang nehmen. Es sind wirklich sehr schöne Erfahrungen, die ich in Malaysia und Brunei machen darf.

 

 

 

Zurück in Malaysia

 

 

Nach dem Mittagessen, das ich wieder nicht bezahlen durfte, begleiten die anderen drei uns noch bis zur letzten Grenze. Danach fahren wir noch zu zweit bis nach Sipitang, der ersten Stadt in Sabah, etwa 25km von der Grenze entfernt. Dort erst verabschiede ich mich von meinem letzten Begleiter und nach mehreren Tagen bin ich wieder mal alleine unterwegs. Es war eine super Entscheidung, Brunei zu durchqueren. Auch dort sind die Menschen, und in meinem Fall speziell die Motorradfahrer, äusserst freundliche und hervorragende Gastgeber. Mit einem schönen Gefühl im Bauch gebe ich Gas und fahre die Hauptstrasse weiter. Ich will heute noch bis nach Kota Kinabalu, oder kurz KK, wie es alle nennen, kommen. KK ist die Hauptstadt von Sabah. Und dreimal dürft ihr raten... ich werde bereits erwartet!

 

Kamarul ist ein weiterer guter Freund von Harris (dem Biker aus Kuala Lumpur). Er hatte  ihm telefoniert und mich angekündigt. Kamarul sollte eine ganz wichtige Bekanntschaft werden, denn er hat Erfahrung mit Reisen auf die Philippinen und weiss alles übers Wo, Wann und Wieviel. Es gibt nämlich nur eine einzige Fährverbindung zu den Philippinen. Per Schiff kommt man nur von Borneo aus rüber,  Indonesien unterhält keine Fährverbindung.

Selbstverständlich ist auch Kamarul Fahrer von grossen Bikes. Zurzeit fährt er eine BMW GS 1200. Er war schon mehrmals mit Bikergruppen auf den Philippinen und weiss deshalb genau, wie alles abläuft. Sehr nützlich...

 

Auf dem Weg nach KK fahre ich in eine weitere Gewitterwand, die dermassen gewaltig ist, dass ich mich unter einen verlassenen Strassenverkaufsstand flüchte. Er giesst aus allen Kübeln und Blitze schlagen in unmittelbarer Umgebung ein. Ich bin mitten im Auge des Gewittersturms. Erfahrungsgemäss ziehen die Gewitter relativ schnell weiter und nach max. 30 Min. ist alles wieder vorbei. Doch dieses Gewitter ist massiv. Ich verharre anderthalb Stunden und beginne mir langsam Sorgen zu machen, ob ich KK wohl noch bei Tageslicht erreichen kann. Ich beschliesse mich halt wohl oder übel doch in die Regenklamotten zu schmeissen und loszufahren. Es ist wirklich heftig. Ich kann kaum was sehen, so stark regnet es immer wieder. Nicht mehr lustig! So schleiche ich über die Strasse und die Zeit läuft mir davon. Natürlich schaffe ich es nicht mehr bei Tag, aber es ist eigentlich egal, denn die Strasse ist ausgezeichnet. Endlich angekommen suche ich mir einen Unterstand und rufe Kamarul an und teile ihm meine Ankunft mit. Schon bald kommt er in seinem Auto angefahren. Da ich zufälligerweise bei einem Burger King angehalten hatte, setzen wir uns rein und lernen uns kennen. Er ist ungefähr in meinem Alter und auch er ist sehr nett und freut sich, mich kennen zu lernen. Wir machen einen Reiseplan für meinen Aufenthalt in Sabah und legen dann den Abreisetag aus Malaysia fest, damit er die Fähre reservieren kann. Die Fähre fährt nämlich nur dienstags und freitags ab. Danach hilft er mir, ein geeignetes Hotel im Zentrum zu finden. Wir klappern ein paar ab, bis wir ein geeignetes gefunden haben und verabreden uns für den nächsten Tag. Er holt mich ab und er bringt mich in ein nettes Lokal, wo wir zu Mittag assen. Er holt ein Blatt Papier aus seiner Tasche, worauf fein säuberlich alle wichtigen Fakten per Computer aufgelistet waren. Fährgesellschaft, Kontaktperson im Büro der Fährgesellschaft, Preise, Abfahrtzeit, Kontaktnummer seines Freundes Paul in Sandakan (wo die Fähre ausläuft), der sich dann um mich kümmern wird sowie ein Hotel in Zamboanga (Philippinen), wo die Fähre ankommen wird. Alles schon reserviert und eingefädelt! Der gute Mann hatte den halben Morgen herumtelefoniert und alles gefixt. Unglaublich! Ich staunte nicht schlecht und wusste gar nicht, wie ich ihm danken sollte. Selbstverständlich wollte ich für das Mittagessen bezahlen, aber nein, auch er liess das partout nicht zu. Moslemische Gastfreundschaft!

 

Als wir meinen Reiseplan besprachen, sagte ich ihm, dass ich sehr gerne noch ein paar Tage in Sipadan tauchen gehen würde. Er meinte, dass das im Allgemeinen nicht so leicht sei, wenn man nicht lange vorher reservieren würde, denn die Anzahl Taucher sei auf 120 Leute pro Tag limitiert. Aber er habe einen guten Freund, der ebenfalls Biker sei und in einem der Tauchressorts arbeiten würde. Er würde mal mit ihm reden...

 

Kamarul empfahl mir noch, dass ich einen Tag für eine Fahrt ans Nordkap – „the northtip of Borneo“ – investieren sollte. Er ist der nördlichste Teil des Festlandes von Borneo (obwohl ja Borneo selber auch eine Insel ist). Es sei eine schöne Fahrt und mit ca. 400 km (von KK aus, hin- und zurück) gut in einem Tag machbar. Das war eine gute Idee und bereits am nächsten Tag setzte ich sie um.

 

Es war tatsächlich eine herrliche Fahrt. Ohne jegliches Gepäck brauste ich auf einer meistens guten Strasse durch eine schöne, grüne Landschaft auf das Kap zu. Noch vor der Mittagszeit erreichte ich das Denkmal. Es ist nicht nur die geografische Nordspitze Borneos, es ist auch ein geschichtsträchtiger Ort, denn der berühmte portugiesische Seefahrer Magellan strandete hier bei seiner Weltumsegelung und blieb 42 Tage am Strand um seine Schiffe zu reparieren, die in einen schweren Sturm geraten waren. Ein weiteres Denkmal erinnert daran.

 

 

 

Die nördlichste Spitze Borneos

 

 

Gegen Abend bin ich nach gemütlicher Fahrt wieder zurück in KK. Ich treffe mich wieder mit Kamarul. Wir gehen wieder in ein tolles Restaurant und essen hervorragend zu Nacht. Während wir aus unseren Leben berichten, realisiere ich, dass er ein ziemlich wichtiger Mann ist. Ursprünglich Rechtsanwalt, arbeitet er heute als unabhängiger Berater für die Regierung und zwar im speziellen, wenn es um Wasserrechte geht. Er war nämlich derjenige, der die ursprüngliche Gesetze über Wassergewinnung, - nutzung und –verbreitung, die noch von den Briten eingeführt wurden, als Malaysia noch eine Kolonie des British Empire war, neu geschrieben hatte! Hoppla, das ist nun was wirklich Wichtiges und von enormer Tragweite. Der Mann hatte offensichtlich einiges auf dem Kasten. Heute ist er ein gemachter Mann und arbeitet selbstständig als Anwalt oder eben, wenn es irgendwelche Probleme rund ums Wasser gibt, als Berater für die Regierung. Er ist schliesslich derjenige, der die Gesetze am besten kennt, da er sie ja geschrieben hat...! Ich bin kurz sprachlos. Wenn man so vor ihm sitzt, würde man nie und nimmer denken, dass dies ein so erfolgreicher und wichtiger Mann ist. Er gibt sich völlig normal, ist in Jeans gekleidet, benimmt sich total bescheiden und ist super nett. Einzig sein teurer Mercedes verrät, dass er Geld hat. Seine Aufforderung an mich, wenn immer ich irgendein Problem hätte, solle ich ihn anrufen, denn er hätte ein grosses Beziehungsnetz, bekam mit dieser Erkenntnis einen massiv tieferen Sinn. Diese Einladung oder Aufforderung, wurde mir schon mehrmals und in fast allen Ländern angeboten, aber meistens vermutete ich lediglich Höflichkeit oder auch Angeberei dahinter. Doch bei diesem Mann wusste ich, dass das Angebot 100% stimmen würde! Super Sache und beruhigend. Zum Glück musste ich nie auf sein Angebot zurückkommen. Interessant ist noch zu erwähnen, dass dieser wichtige und sehr beschäftigte Mann mir fast an jedem 2 Tag ein SMS schickte um zu fragen, wo ich gerade sei und ob alles in Ordnung sei. Was für eine Gastfreundschaft, bzw. Sorge um seine Gäste. Einmal mehr bin ich beeindruckt...

 

Ich verliess am nächsten Morgen Kota Kinabalu in Richtung Mount Kinabalu. Die Hauptstrasse führt praktisch daran vorbei und ich erhoffe mir, einen Blick auf den mit 4'101 M.ü.M. höchsten Berg von ganz Südostasien erhaschen zu können. Tatsächlich habe ich gelesen, dass er die höchste Erhebung zwischen den Himmalayas und Papa Neu Guinea sein soll. Leider habe ich Pech, offenbar komme ich bereits zu spät vorbei, obwohl es erst 10 Uhr morgens ist. Der Berg verhüllt sich in eine dichte Wolkendecke und rund um den Berg regnet es. Vorher und Nachher habe ich schönstes Wetter. So schade... Die Fahrt ist trotzdem super schön. Viele Kurven und kleinere Pässe führen mich bis nach Telupid. Danach verlässt man die bergige Region wieder und kommt runter ins Flachland. Dort ist die Landschaft, wie der ganze Osten von Sabah, von Palmölplantagen dominiert. Kilometerlang fährt man an Ölpalmen vorbei. Erst schön, dann irgendwann langweilig.

 

Ich bin auf dem Weg nach Sandakan, wo ich nur Übernachten will auf meinem Weg nach Semporna. Von Semporna aus würde ich, wenn’s denn klappen sollte, tauchen gehen und dann wieder zurück nach Sandakan fahren, denn hier legt die Fähre nach den Philippinen ab. Ich checke in einem neueren Hotel etwas ausserhalb der eigentlichen Stadt ein und rufe dann Paul an, der ja in Sandakan ist und auf meine Ankunft wartet. Ich erkläre ihm meine weiteren Pläne und dass ich in einer Woche wieder hier sein werde – zwei Tage bevor die Fähre ablegen würde.

 

Die restlichen ca. 280 km bis nach Semporna legte ich in zwei Tagen zurück, denn ich wollte einen Zwischenstopp in Lahad Datu machen, einer Kleinstadt an der Küste. Kaum hatte ich in einem Hotel in Lahad eingecheckt, bekam ich einen Anruf von einem Motorradfahrer. Er sagte mir, dass er ein Freund von Paul und Kamarul sei und dass er zusammen mit ein paar weiteren Kumpels ebenfalls auf dem Weg nach Semporna seien. Paul habe ihm gesteckt, dass ich auch nach Semporna unterwegs sei. Ob wir nicht zusammen fahren wollen? „Aber klar doch, machen wir“, sagte ich ihm. Wir treffen uns am Abend und essen zu Nacht mit einer Gruppe von 8 Bikern. Ein weiterer lustiger Abend in Bikergesellschaft! Am nächsten Morgen warten wir auf eine weitere Motorradgruppe, die von Sandakan herkommend zu uns stossen wollen. Sie seien morgens um 5 Uhr losgefahren und sollten ca. um 9 Uhr eintreffen. Sie wollen alle zusammen nach Semporna fahren, denn da findet am Wochenende ein Fest statt. Wir treffen uns alle in einem Kaffee und frühstücken gemeinsam. Wieder ist eine lustige Truppe zusammen. Alle mit grossen Bikes. Wir fahren dann ungefähr zu zwanzig die ca. 130 km bis nach Semporna. Dort werden wir bereits vor den Toren der Stadt von einer weiteren Motorradgang in Empfang genommen und im Konvoi fahren wir ins Zentrum. Ein ziemliches Spektakel, denn es herrscht wegen dem Fest ein ziemliches Verkehrschaos. Die Biker sind aber eindeutig die Chefs auf der Strasse. Da blockiert der erste eine Zufahrt und der Verkehr wartet bis wir alle durch sind. So kommen wir relativ locker an unser Ziel, einem Restaurant im Zentrum und gleich gegenüber der Motorradwerkstätte von einem Freund von Kamarul. Bei ihm kann ich mein Motorrad und Ausrüstung lassen, solange ich am Tauchen bin. Wieder etwas, dass Kamarul für mich eingefädelt hatte. Zudem treffe ich nun auch Faisal, ein weiterer Freund von Kamarul, der das Marketing für ein Tauchressort macht. Er ist auch einer der Biker der Gruppe, die auf uns gewartet hatte. Faisal wurde ja von Kamarul bereits von anderthalb Wochen mit meinem Wunsch nach tauchen kontaktiert und hatte deshalb Zeit etwas zu organisieren. Tatsächlich konnte er mich in eine Warteliste mischeln, die drauf wartete, dass Absagen erfolgen würden. Und so kam es, dass ich für jemanden, der abgesagt hatte, drei Tage auf das Ressort konnte. Ich konnte in der Folge 2 Tage in Mabul und einen Tag in Sipadan tauchen gehen. Es hatte geklappt! Dank Kamarul und Faisal! Ich war und bin ihnen total dankbar dafür, denn ich war mich nicht bewusst, dass es so schwer sei, nach Sipadan tauchen zu gehen. Ohne deren Hilfe hätte ich es mir abschminken können. Wow, was für ein Glück ich doch hatte!

 

Kaum angekommen, drängte plötzlich die Zeit. Ich musste in 1 Std. bereit sein. Ein Auto würde mich abholen kommen und zum Pier bringen, wo ein Boot auf mich warten würde. Hoppla, plötzlich Stress. Ich wusste ja bis dato noch nicht, ob es überhaupt klappen würde und nun würde ich in einer Stunde bereits unterwegs auf die Insel sein. Wahnsinn! Ich durfte mein Motorrad in der Werkstatt parkieren und musste nun noch schnell die paar Sachen aus dem Gepäck holen, die ich mitnehmen wollte. Umziehen, Gepäck im Büro der Werkstatt verstauen, noch schnell was mit den Jungs trinken, ein Abschiedsfoto und schon ging’s los.

 

Wie angekündigt, holte mich ein Auto ab und brachte mich mit zwei weiteren Gästen ans Pier, wo bereits in kleines Tauchboot wartete. Es brachte uns ins Ressort „Billabong Scuba Backpackers“ auf der Insel Pulau Mabul. Es sah dort so aus, dass sich ein Ressort ans nächste reihte. Wobei das Wort „Ressort“ etwas hochgegriffen ist. Es sind eigentlich fast alles kleine Bungalows, die auf Stelzen vor das Ufer gebaut sind. Sehr einfach, aber auch sehr gemütlich. Wir werden herzlich willkommen geheissen. Mir wird ein Bungalows zugewiesen und nach dem einchecken, mache ich mich sogleich auf, die kleine Insel zu erforschen. Es hat ein kleines, sehr ärmliches Dorf und wie gesagt, viele Tauchressorts auf der Insel. Man sagt mir später, dass sich die Einwohner die hier äusserst dürftig leben, illegal auf der Insel niedergelassen hätten. Sie würden aber vorerst toleriert. Die Holzhäuser sind sehr einfach zusammengezimmert und stehen entweder am Ufer oder ebenfalls auf Stelzen im Wasser. Viele Kinder rennen und spielen herum. Die Menschen begrüssen mich freundlich, als ich so durch ihr Dorf stiefle. Es gibt haufenweise schöne und interessante Motive zum fotografieren, was ich natürlich auch ausgiebig mache. Es gibt auch ein paar sehr schöne  und luxuriöse Ressorts, die ein krasser Gegensatz zum ärmlichen Dorf darstellen. Das verrückteste Ressort ist eine Plattform, die etwa 200 Meter vom Ufer entfernt im Meer steht. Sie sieht aus wie eine Ölplattform. So was habe ich noch nie gesehen. Von der Plattform  aus kann man direkt tauchen gehen, denn um die Stützpfeiler herum hat sich ein tolles Meeresleben gebildet. Ich sollte es bei einem späteren Tauchgang selbst sehen. Aber ansonsten ist man auf der Plattform ziemlich gefangen. Da gefällt es mir auf der Insel besser, mehr Auslauf...

 

Gleich am nächsten Tag bin ich auf der Liste derjeniger, die nach Sipadan tauchen gehen. Ich freue mich tierisch, denn verschiedene Leute haben mir gesagt, dass es ein weltklasse Tauchgebiet sei. Es sind drei Tauchgänge angesagt. Wenn man auf der etwa 30 Fahrminuten entfernte Insel ankommt, muss man sich erst mal bei der Polizeistation eintragen. Dort wird der Name mit den angemeldeten Namen verglichen und erst dann bekommt man grünes Licht, um zu tauchen. Ich muss mich mit falschem Namen eintragen, nämlich mit demjenigen, der kurzfristig abgesagt hatte. Es ist gut, dass sich die Regierung um eine intakte Unterwasserwelt kümmert und verhindert, dass es zu einer Massentauchdestination verkommt. Auf der Insel darf seit 2004 nicht mehr übernachtet werden und nur eine begrenzte Anzahl (120 Taucher) darf tagsüber tauchen. Dadurch wird die Umwelt geschont und eine schöne Tauchdestination bleibt in gutem Zustand erhalten. Gut für die Tourismusindustrie, gut für den Ruf der Regierung, gut für die Tierwelt und letztlich auch gut für den Gast. Tatsächlich erlebe ich drei wirklich superschöne Tauchgänge, wie ich sie teilweise noch nie zuvor erlebt hatte. Es ist schwer zu sagen, ob es die schönsten je erlebten Tauchgänge waren oder nicht, denn ich habe auf anderen Tauchgängen ebenfalls sensationelles gesehen oder erlebt. Aber was die Vielfalt und Menge an Fischen betrifft, so gehört dieser Tauchspot ganz klar zu den Top 3, die ich persönlich gesehen habe. Leider waren auch diesmal keine Mantas oder Walhaie dabei – auf die warte ich schon seit immer und werde wohl noch viele, viele Tauchgänge länger warten müssen. Dafür habe ich noch nie eine so grosse Schule von Büffelkopf-Papageienfischen gesehen. Das sind ziemlich grosse Fische die einen sehr eindrücklichen Kopf mit grossen Zähnen haben. Und wenn man diese dann noch zu zwanzig oder mehr sieht, ist das schwer beeindruckend. Dazu enorme Schulen von „Jackfish“, bzw. gemäss Recherche im Internet zu Deutsch: Makrelen. Dazu sahen wir eine grosse Schule von Barracudas und Schildkröten ohne Ende. Natürlich auch verschiedenste Korallenarten mit all ihren kleinen Bewohnern. Faszinierend! Ein wunderschöner Moment war, als wir uns mit unserer Gruppe in einem Höhleneingang befanden und zurück ins offene Meer schauten. Vor der Höhle kreiste eine grosse Schule von Jackfischen spiralförmig mit einem Durchmesser von etwa 10 bis 15 Metern, dahinter patrouillierten 3 Weisspitzen-Riffhaie hin und her. Das ganze Szenario wurde von Sonnenstrahlen beleuchtet. Ein superschönes Schauspiel zudem noch mit einer prächtigen Sicht! Auf der Rückfahrt nach Mabul sassen alle nachdenklich, aber mit leuchtenden Augen im Boot. Es war wirklich ein bemerkenswerter Tag und ich war glücklich, dass ich es tatsächlich nach Sipadan geschafft hatte.

 

Die zwei weiteren Tage tauchte ich noch rund um Mabul. Die Tauchgänge waren, wie soll ich sagen, ganz nett. Die Sicht war mittelprächtig bis schlecht, die Vielfalt wesentlich weniger als bei Sipadan. Es wurden viele künstliche Riffe geschaffen mit versenkten, kleinen Schiffen, Holzkisten, Lastwagenreifen und Netzkonstruktionen aus Seilen. Oder eben diese Ressortplattform mit ihren massiven Metall-Pfählen, die ich vorher angesprochen hatte. Aber leider auch mit Müll, wie Metallschrott, haufenweise Glasflaschen, eine alte Toilette oder Keramiktassen. Aber was soll man sagen, wenn man am Tag zuvor in Sipadan getaucht hat und immer noch und dessen Eindruck stand. Da wird’s für manch anderen Tauchplatz schwer!

Egal, ich erlebte drei wundervolle Tage, lernte nette Menschen kennen, hatte es lustig und genoss die Abwechslung zum Motorradfahren in vollen Zügen.

 

Wieder zurück in Semporna, durfte ich die Nacht im Büro des Ressorts verbringen. Dort haben sie zwei Zimmer für Notfälle. Faisal hatte mir auch dies organisiert. Am nächsten Tag traf ich mich mit Faisal beim Motorradmechaniker, wo meine Sachen eingelagert waren. Ich schmiss mich wieder in die Motorradklamotten und packte mein Motorrad. Nach einem gemeinsamen Frühstück verabschiedete ich mich herzlich von Faisal und dankte ihm tausend Mal für das Ermöglichen dieses tollen Taucherlebnisses. Wir versprachen uns gegenseitig, über Facebook in Kontakt zu bleiben.

 

Nun galt es wieder zurück nach Sandakan zu fahren und mich dieses Mal mit Paul zu treffen. Wir verabredeten uns beim Hotel, wo ich letztes Mal abgestiegen war. Er erwartete mich bereits, als ich dort eintraf. Er eskortierte mich ins Stadtzentrum, nicht weit vom Hafen entfernt. Er brachte mich in ein günstiges Hotel, das von Chinesen geführt wurde. Meistens eine gute Wahl. Die Hotels, die von Chinesen geführt werden sind meistens einfach, etwas runtergekommen, aber in der Regel sauber. Dazu günstig. Wenn man nicht allzu hohe Ansprüche hat, eine gute Wahl um sein Budget im Griff zu behalten. Ich hatte noch zwei Tage Zeit, bis das Schiff auslaufen sollte. Den morgigen Tag wollte ich für einen Besuch in der etwa 40 km entfernten Orang-Utan Auffangstation nutzen. Das war noch der letzte Wunsch auf meiner Liste für Sabah. Ich fuhr also am nächsten Morgen nach Sepilok. So hiess die Auffang- und Pflegestation. Ich war ja ziemlich gespannt, wie das Ganze aufgezogen war. Nach bezahlen des Eintrittpreises, muss man seine Tasche und auch sein Mobiltelefon in ein Schliessfach abgeben. Es heisst, dass das Risiko recht gross sei, dass einem das Telefon durch die Affen gestohlen werden könne. Hmmm, kommt man denn so nahe an die Affen heran, fragte ich mich? Als weiteres wird man in einen Vorführraum geführt wo in meinem Fall eine junge englische Volontärin über die Station und die Affen aufklärt. Danach wird eine ca. 20-minütige Dokumentation gezeigt. Ein schöner Film, der das Leben der Affen sowie die Arbeit der Station näher bringt. Dann ist man entlassen und wird an einen Futterplatz geschickt. Dort wird  zweimal täglich Essen für die Orang-Utans ausgelegt. Da die Station gegen den Urwald völlig offen ist, weiss man nie, ob und welcher Affe gerade in der Nähe ist. Es kann sein, dass kein einziger auftaucht oder man hat das Glück – wie ich – dass gerade ein altes Prachtsexemplar in der Nähe ist. Ein Boss sozusagen. Denn in seiner Entourage kommen auch noch ein paar Weibchen mit, zwei führen sogar ein Baby mit! Ich habe wirklich Glück, denn es zeigen sich etwa 8 Orang-Utans, die etwa 20 Besucher sind begeistert. Es wurden Seile von den Bäumen zum Futterplatz, der etwa 30 Meter von der Beobachtungsplattform entfernt ist, gespannt und die Affen hangeln sich elegant bis zum Platz. Es sind beeindruckende Tiere. Beinahe so gross wie ein Mensch, werden sie auch die „Waldmenschen“ genannt. Es kommen noch zwei andere, kleinere Affen vorbei. Diese warten aber, bis die Luft rein ist und kein Orang-Utan auf der Plattform ist. Schnell klettern sie hoch, raffen was zusammen und verduften ganz schnell wieder, bevor die nächsten Orang-Utans kommen. Offenbar haben sie einen grossen Respekt vor den viel grösseren Affen. Das Schauspiel dauert etwa eine halbe Stunde. Aber ganz aus der Nähe habe ich keinen gesehen, ein allfälliges Telefon am Ohr wäre wohl nicht gefährdet gewesen. Es gibt lediglich zwei Wege durch den Dschungel, die im Moment gerade offen waren. Man läuft auf Holzstegen zum Futterplatz und dann wieder zurück. Etwas enttäuschend, ich wäre gerne noch etwas tiefer in den Dschungel rein. Es gäbe noch weitere Wege und einen weiteren Futterplatz, aber offenbar werden die wohl gerade in Stand gestellt. Na ja, ich habe die Orang-Utans ja gesehen, das ist was ich wollte. Diese Station ist eine wichtige Einrichtung für die gefährdeten Affen. Hier werden sie gesund gepflegt, wenn lokale Bauern mal ein verletztes Exemplar finden und hoffentlich hierher bringen. Oder wenn ein Baby ausgestossen wurde, wird es hier grossgezogen und auf die Freiheit vorbereitet. Das sind dann allerdings diejenigen Exemplare, die sich dann meistens in der Nähe der Futterplätze aufhalten. Ist ja schliesslich bequemer... Aber sind sie frei und können ganz in den Dschungel verschwinden. Es gibt keine Gehege. Eine gute Sache, wie ich finde.

 

Ich fahre zurück in die Stadt und treffe mich wieder mit Paul zum Mittagessen. Paul sieht aus wie ein richtig böser Junge: Glatze, Kinnbärtchen, tätowiert und gut mit Muskeln bepackt. Ungefähr der Typ, den man nicht in der Nacht in einer dunklen Gasse begegnen möchte. Aber ein total freundlicher und höflicher Kerl. Er lacht viel und ist sehr aufmerksam. Er lädt mich zum hiesigen Yachtclub ein, bei dem er Mitglied ist. Ziemlich exklusiver Laden, wie Yachtclubs halt so sind. Bei ein paar Bierchen erzählt er mir von seiner Tätigkeit. So war er 20 Jahre lang bei einer Spezialeinheit der Polizei, die die härteste aller S.W.A.T.-Teams war. Die Jungs für die gefährlichsten und härtesten Einsätze eben. Die Truppe für’s Grobe. Was er mir erzählte, tönte wie nach einem Hollywood-Film. So bekamen sie vom Geheimdienst die nötigen Informationen, wo sich die Gangster befanden und er und seine Truppe stürmten das Lokal, das Camp oder wo sich die Kriminellen eben versteckten. Und wenn seine Truppe eingreifen musste, dann war es nicht das Ziel, Gefangene zu machen. Schluck... das sass ein Rambo neben mir! Er habe in seinem Leben und bei seinen Einsätzen total 28 Menschen umgebracht. Sei es durch erschiessen oder durch sprengen. Sprengstoffspezialist war er nämlich auch noch. Ein ganz harter Hund. Ein Episode, die er mir erzählte, möchte ich hier festhalten, denn es ist eine filmreife Story:

 

Alle Welt kennt mittlerweile die philippinische Terroristengruppe Abu Sajaf, die schon wiederholt Touristen aus Ressorts in den Philippinen und Malaysia entführt hat um dann Lösegeld zu erpressen. Im Jahr 2000 wurden Touristen von der Insel Sipadan entführt und nach Jolo in den Philippinen verschleppt. Da die Entführung in Malaysia geschehen war, musste die malaiische Regierung aktiv werden. Offiziell wurde verhandelt, aber hinter den Kulissen erhielt Paul und seine Truppe den Auftrag, die Geiseln aus dem Terroristen Camp rauszuholen. Eine Lösegeldforderung lag bereits auf dem Tisch und Paul sollte das Lösegeld mitnehmen und so tun, als würde er das Geld überbringen. Dabei sollten sie einen Überraschungsschlag ausführen. Nun war die Insel Jolo ziemlich weit weg und man brauchte ein super-Schnellboot um möglichst schnell rüber zu kommen und genügend Zeit zu haben und den Schlag vorzubereiten. Nur war kein so schnelles Boot in Sandakan verfügbar, also musste aus dem etwa 80 km entfernten Tawau entsprechende Motoren herbeigebracht werden, damit man ein Boot schnell schnell umbauen konnte. Als das Boot fertig war fuhr die Truppe, die von Paul kommandiert wurde, in der Nacht Richtung Jolo um ein geheimes Rambo-Manöver durchzuführen. Da aber die Insel Jolo von der philippinischen Navy umzingelt war, konnten sie ihre illegale Aktion nicht durchführen und mussten abrechen. Sie fuhren ans Festland um zu tanken und dann gleich wieder zurück nach Malaysia. Die Mission war abgebrochen, denn Malaysia wollte nicht eine Missstimmung mir den Philippinen riskieren, wenn sie erwischt würden. Schade, denn es ist eine spannende Story und es hätte mich interessiert, wie sie ausgegangen wäre. Übrigens, die 22 Geiseln wurden durch eine Lösegeldzahlung von rund US$ 25 Millionen, bezahlt durch von Muammar Al Gaddafi - jawohl der getötete Libyen-Präsident - wieder freigelassen...

 

Ich war total aufgeregt, ob der spannenden Stories, die mir Paul erzählte. Ich glaubte ihm, was er mir erzählte, denn er machte einen glaubwürdigen Eindruck auf mich. Ausserdem ist er ein guter Freund von Kamarul - und dieser Mann achtet ganz bestimmt darauf, wer seine Freunde sind!

Paul erzählte weiter, dass es ihn fast zwei Jahre kostete, bis ihn die Polizei tatsächlich gehen liess. Offenbar kündigte er mehrmals, aber jedes Mal wurde das Gesuch abgelehnt, weil er zu wichtig war. Er führte nämlich nicht nur die geheimen Operationen, er bildete auch aus. Irgendwann sahen die Oberen dann ein, dass man ihn nicht länger halten konnte. Heute ist er Berater für Sicherheitsfragen bei grossen Firmen. Er schlägt Sicherheitskonzepte vor, die Grösse des Wachpersonals und macht auch gleich noch die Ausbildung. Das sei aber nur ein Nebenerwerb. Zur Hauptsache sei er heute... Bauer! Er habe sich nämlich zusammen mit einem Freund eine grosse Anbaufläche gekauft und betreibt Landwirtschaft. Leider habe ich vergessen, was es ist, das er züchtet. Desweiteren liegt ihm Umweltschutz sehr am Herzen und er ist daran, die Regierung zu überzeugen, dass man Gewässer mit natürlichen Bakterien reinigen könne. Er ist daran, die nötigen Bakterien zu züchten. Erstaunlich, dieser Mann. Vom knallharten Rambo zum Umweltaktivist und Bauer gewandelt... Auf jeden Fall eine total spannende Bekanntschaft!

 

Mitte Nachmittag verabschieden wir uns wieder. Er hat noch was zu erledigen, aber wir wollen uns noch mit einem würdigen Nachtessen im Yachtclub verabschieden, denn morgen geht meine Fähre los. Mein letzter Abend in Malaysia!

 

Als ich zurück in Hotel komme, seht da neben meinem Motorrad eine BMW GS 1200 mit spanischen Kennzeichen. Das muss Miquel sein. Ich habe von ihm bereits  in Kuala Lumpur gehört. Auch er hatte Harris kennengelernt, aber er war ein paar Wochen vor mir in KL. Er sei nach Indonesien weitergereist. Nun ist er offenbar über Indonesien nach Borneo gekommen und nimmt die gleiche Fähre zu den Philippinen. Wir treffen uns im Hotel und gehen gleich mal ein Bier trinken und unsere Geschichten austauschen. Er ist Journalist und reist mit dem Motorrad um die Welt um die spanischen Spuren zu verfolgen. Überall wo die Spanier mal waren, will er hin und auf ihren Spuren wandeln. Das ist auch der Grund, warum er auf die Philippinen will, denn die Spanier waren dort 300 Jahre lang Besatzungsmacht. Als Paul vorbeikommt um mich abzuholen, stelle ich ihm Miquel vor und schlage vor, ihn gleich zum Nachtessen mitzunehmen.

 

Miquel und ich verbringen zusammen mit der Familie von Paul bei einem ausgezeichneten Nachtessen einen schönen und würdigen letzten Abend in Malaysia. Paul erweist sich ebenfalls als der ausgezeichnete Gastgeber, den ich überall in Malaysia und Brunei erleben durfte. Überhaupt gehören Malaysia und Brunei zu den positiven Überraschungen der Reise. Die Menschen waren ausgesprochen freundlich und gut zu mir. Klar, viel geholfen hat dabei, dass die Bildung im Land hoch ist und dass die Meisten ausgezeichnet Englisch sprechen. Das hilft natürlich enorm bei der Kommunikation. So ist es einfacher, sich näher zu kommen. Ich würde sagen, dass das Highlight der Reise durch Malaysia nicht unbedingt die Natur war, sondern die Begegnungen mit den Menschen. Eine Ausnahme gibt’s allerdings: das waren die fantastischen Tauchgänge in Sipadan. Das war unvergesslich!

 

Am nächsten Morgen stehen Miquel und ich vor den Toren des Hafens. Der Büromitarbeiter, bei dem wir unsere Papiere gemacht und das Ticket bezahlt hatten, kam pünktlich und regelte unsere Einfahrt in den Hafen. Das Schiff war soeben angekommen und Hunderte von Menschen standen noch an den Relings und warteten darauf, von Bord gelassen zu werden. Miquel und ich hatten allerdings andere Sorgen: Wir standen ungläubig am Heck des Schiffes und schauten zu, wie die Fracht per Hubstapler aus dem Bauch des Schiffes hochgehievt wurde und draussen von einem anderen Hubstapler übernommen wurde. Das Schiff hatte zwar eine senkbare Klappe am Heck, aber der Hafen hatte keine Rampe, auf der Fahrzeuge rein und raus hätten fahren können. Es lag längs am Pier und alles musste seitwärts per Hubstapler entladen werden. Wie es ausschaute, sollten unsere Motorräder per Hubstapler ins Schiff gefördert werden. Mein Gott, wenn das mal nur gut geht! So war es denn auch. Wir mussten auf einer schmalen Holzrampe auf eine Holzpalette hochfahren, die auf dem Gang des Schiffes lag. Ein Gabelstapler packte die Palette von innen und senkte sie dann in den Schiffsbauch. So habe ich nun wirklich noch nie mein Motorrad verladen. Ziemlich abenteuerlich. Aber ich vertraute der Mannschaft, sie sind ja geübt, Güter auf diese Weise zu verladen.

 

 

spektakuläres Verladen in den Frachtraum!

 

 

Wie erwartet und erhofft, geht alles gut und die Bikes werden im Frachtraum sicher vertäut. Zum Glück hatte ich via Kamarul eine Kabine reserviert, denn das Schiff füllt sich unangenehm. Es ist nicht sonderlich gross und somit gibt es nicht viele Ausweichmöglichkeiten. Zudem erfahren wir vom Captain, dass zusätzlich noch etwa 80 Auszuschaffende an Bord kommen. Das sind Philippinos, die illegal nach Malaysia gekommen sind, um schwarz auf Plantagen zu arbeiten oder sonst wie zu Geld zu kommen. Es seien entsprechend viele Kriminelle dabei. Sie alle seien 4 Monate im Gefängnis gesessen und werden nun unter Polizeibegleitung zurück nach den Philippinen gebracht. Miquel ziehen uns meistens in unsere klimatisierte, aber enge Kabine zurück und arbeiten an unseren Berichten und Fotos. Die Fahrt dauert 22 Stunden und ansonsten gibt es nichts zu tun. In der Kantine gibt es einfaches zu essen, wie einmal mehr die Trockennudeln, die mit heissem Wasser angemacht werden. Dazu steht im Raum eine Karaoke-Maschine und manche alkoholseeligen Passagiere singen in voller Lautstärke und vorallem falsch. Nicht auszuhalten. In der Kabine hört man zum Glück nichts davon.

Wir erleben einen superschönen Sonnenuntergang auf hoher See. Ein Feuerwerk von Farben wird an den Himmel gezeichnet – sensationell! Wir beschäftigen uns noch so lange wie möglich, auf dass wir auch schön Müde werden um dann möglichst lange schlafen zu können. Denn wenn wir aufwachen würden, würden wir bereits in philippinischen Gewässern sein und nicht mehr allzu weit von Zamboanga – unserem Ziel.

 

 

 

Die Philippinen

 

 

Die See ist die ganze Zeit über ruhig und so verbringen wir eine sehr angenehme Fahrt. Wir schlafen zwar sehr gut und auch lang, aber es dauert trotzdem noch lange bis zur Ankunft. 22 Stunden sind verdammt lang!

Endlich kommen wir am Abend in Zamboanga an. Uns ist mulmig, denn Zamboanga liegt im Süden von Mindanao, der zweitgrössten Insel der Philippinen, und ist Abu Sajaf–Gebiet, die  islamistische und terroristische Rebellenbewegung. Der Süden von Mindanao ist touristisches „no go“-Gebiet, denn hier wurden schon einige Entführungen und Terroranschläge durchgeführt. Doch wir haben keine Wahl, die einzige Fähre, die die Philippinen anläuft, kommt hier an. Allerdings werden wir beruhigt, denn offenbar ist die Stadt sicher. Es sei mehr auf dem Land ausserhalb von Zamboanga und zwischen den Städten gefährlich. Eigentlich wollten wir die Insel per Motorrad von Süd nach Nord durchqueren, von Zamboanga nach Cagayan de Oro. Dort gibt es auch Fähren und die Fahrt zu unserem nächsten Ziel, Cebu City, ist wesentlich kürzer. Doch alle die wir fragen, raten uns dringenst davon ab. Wir würden nicht weit kommen und überfallen werden. Garantiert! Wir würden mit unseren schwer beladenen und grossen Motorrädern sofort auffallen. Dann würde per Handy rasch zum nächsten Dorf berichtet werden und schon sei es um uns geschehen. Ok, ok... wir verstanden. Zum Glück gab es eine Fährverbindung von Zamboanga direkt nach Cebu City. Allerdings würde die erst in 3 Tagen lossegeln. Shit, 3 Tage in Zamboanga rumhängen und nichts unternehmen dürfen. Tönt nicht sehr spannend. Dazu dauert die Fahrt weitere 19 Stunden. Nochmals 19 Stunden auf einer Fähre, oh Mann... Aber was soll man machen? Da mussten wir eben durch...

 

Ich war noch aus einem anderen Grund nervös. Ich fürchtete den Zoll, denn erstens habe ich Schlimmes im Internet gelesen und zweitens wollte ich mein Motorrad in den Philippinen stehen lassen. So hiess es, dass man bei der Einreise eine Kaution in der Höhe des Wertes des Motorrades bezahlen müsse und dass man das Land nur durch den gleichen Zoll wieder verlassen könne, wo man eingereist war. Beides war für mich keine Option! Dazu kam, dass ich das Motorrad bei meiner Freundin in  unserem Haus auf Bohol, einer Nachbarinsel von Cebu und im unteren Drittel von den Philippinen gelegen, stehen lassen wollte. Das Motorrad hatte nun schon über 130'000 km auf der Uhr und hatte schon so einiges mitgemacht, dass ich erstens für die Fortsetzung meiner Weltreise ein neues Motorrad kaufen wollte und zweitens in Zukunft, wenn ich auf die Philippinen in mein zweites Zuhause kommen werde, ein anständiges Motorrad zur Verfügung haben wollte. Ein grosses Motorrad in den Philippinen ist eine äusserst teure Angelegenheit, denn der Staat verdoppelt durch Einfuhr- und Luxussteuern quasi den europäischen Kaufpreis! Also konnte ich mit meinem Plan gleich zwei Fliegen auf einmal schlagen. Doch wie kam ich durch den Zoll, ohne dass ich das Motorrad registrieren musste? Bestechen? Einen Schlupfwinkel im Zollgelände suchen? Meine Freunde in den Philippinen meinten, dass ich einfach normal einreisen solle und sobald ich einmal im Land war, liesse sich alles irgendwie zurecht biegen. Einer der wenigen Vorteile der Korruption! Nun gut, wir kamen im Hafen an, das Schiff war kaum vertäut, wir waren am Umziehen und am unser Gepäck ausrichten, da kam ein junger Mann in zivilen Klamotten und verlangte nach einer Fotokopie unserer Pässe und Fahrzeugausweise. Es sei für den Zoll. Ok, machten wir. Und nun? Ich fragte ihn, ob noch eine Zollkontrolle stattfinden würde und ob wir das Fahrzeug noch in den Pass gestempelt bekommen würden oder sonst irgendein Papier erhalten würden. Er verneinte zum unserem Erstaunen alles. Die Kopien seien lediglich für den Hafenzoll, für ihre Buchhaltung. Das sei alles, Wir könnten gehen... Wie bitte? Das war schon alles? Ich traute meinen Ohren nicht, aber auch diesem einfachen Prozedere nicht so richtig. Das wäre ja sensationell, wenn wir so einfach ins Land kommen würden. Aber da war ja noch die Immigration, die unseren Pass noch abstempeln musste. Die würden bestimmt noch was sagen wegen den Bikes. Ich war mir sicher, das konnte doch einfach nicht sein.

 

Das Ausladen der Motorräder war diesmal noch spektakulärer, denn der Pier war viel niedriger als in Sandakan und die Ausladeluke entsprechend höher oben. Das bedeutete, dass diesmal nicht nur ein Hubstapler das Motorrad von innen in die Höhe heben musste, sondern ein zweiter Hubstapler von aussen die Palette übernehmen und wieder runterhieven musste! Ziemlich ungemütliche und wacklige Sache, aber es funktionierte. Ich war froh, wieder festen Boden unter der Palette zu spüren. Nun mussten wir zu einer Lagerhalle fahren, wo Hafenpolizisten mit umgehängten Maschinenpistolen den Eingang bewachten. Die kuckten schon von weitem, wie wir angerollt kamen. Ich hätte keine Chance gehabt, irgendwo durch eine Lücke im Zaun oder so abzuhauen, das war klar. Also stellten wir die Motorräder am Eingang ab und übergaben sie Sprüche klopfend in die Obhut der Polizisten während wir uns in die Schlange stellen. Endlich sind wir an der Reihe und ich bin ja so was von gespannt, ob der Beamte irgendwas zum Motorrad sagt. Aber nein, zügig und ohne Fragen stempelt er den Pass ab und heisst mich auf den Philippinen willkommen. Nun kommt noch der letzte Teil: das Herausfahren aus dem Hafengelände. Normalerweise gibt es noch ein letztes Tor, wo die Papiere kontrolliert werden. Wir verabschieden uns von den Polizisten und fahren Richtung Ausgang los. Ein Tor ist zwar da, aber es ist unbesetzt. Niemand hält uns auf und schon sind wir draussen. Wow, ich kann es nicht glauben, so einfach habe ich nun wirklich noch nie mein Motorrad in ein Land eingeführt. Unbehelligt fahren wir höchstens 2 Kilometer  der Küste nach, bis wir das Hotel aufgrund der Beschreibung von Kamarul finden. Kein Problem. Wir checken ein und können die Motorräder in einen bewachten und abgesperrten Bereich fahren. So, da wären wir!

 

Wir verbrachten die 3 Tage mehrheitlich im Hotel, das mir von Kamarul empfohlen wurde und nahe am Hafen stand, trauten uns aber trotzdem ab und zu in der näheren Umgebung Spaziergänge zu machen. Es gab ein spanisches Fort und eine alte Kirche gleich in der Nähe. So konnte Miquel wenigstens etwas für seinen Bericht über die spanischen Spuren festhalten. Obwohl wir in moslemischem Gebiet waren, sah ich wenige Kopftücher. Die historische Kirche, die übrigens völlig offen war, also kein Dach oder Seitenmauern mehr sondern nur noch eine Rückwand und ein Altar aufwies, war voll besetzt. Es war eher ein Park mit Altar an der Rückseite des alten Forts. Zu meiner Überraschung sang der Pfarrer die predigt – und zwar wunderschön. Es lief mir sogar kalt den Rücken runter. Und als alle Versammelten ein Lied sang, war das so schön, das mir beinahe die Tränen kamen. Es war wirklich sehr berührend. Ich kann mich nicht erinnern, wann und ob mich überhaupt einmal eine Predigt dermassen berührt hatte. Sehr beeindruckend und sehr schön.

 

Wir mussten am nächsten Tag ebenfalls unsere Tickets für die Fähre nach Cebu- City organisieren. Wir trauten uns nicht, mit den Motorrädern durch die Stadt zu fahren. So nahmen wir die typisch philippinischen „Trycycle“, ein 125er Motorrad mit angebautem und überdachtem Zweisitzer. Wir hatten die Adresse aus dem Internet und so war es kein Problem, das Büro zu finden. Alles lief bestens ab. Es hatte noch Platz, wir konnten die Maschinen einladen und... es gab keinen Zoll mehr. Nur war es noch ein ziemlicher administrativer Papierkrieg. So mussten wir z.B. die „Bill of Loading“, die Frachtpapiere bei der Highway Police abstempeln lassen. Dort wurde ohne richtig hinzusehen einfach ein grosser Stempel auf das erste Papier geknallt, ein Unterschrift drauf gekritzelt und fertig war. Ein absoluter Nonsense, gut für nichts. Aber eine weitere Hürde, die wir nehmen mussten, bis wir alles klar gemacht hatten.

 

Diesmal war das Verladen der Motorräder um einiges einfacher. Die Fähre war etwa zwei Nummern grösser und hatte eine anständige Rampe, die seitlich auf das Pier gelassen werden konnte. Nun konnten wir locker selbstständig reinfahren.

Leider bekamen wir keine Kabine mehr, sondern nur noch die günstigste Kategorie. Das bedeutete, dass wir unseren Schlafraum mit etwa zweihundert Anderen teilen mussten. Man kann sich ja vorstellen, was da die ganze Nacht abging. Die Fahrt ging ja wie gesagt 19 Stunden und man wäre froh um ein paar Stunden Schlaf gewesen. Mehr als ein Dösen war es allerdings nicht und als wir ankamen, war ich richtig groggy. Aber Hauptsache endlich in Cebu-City. Wir kamen ungefähr morgens um 6 Uhr an. Mein Freundin Lileth, die ja auf der Nachbarinsel wohnt (etwa 2:45 Stunden mit der Fähre entfernt) kam bereits am Tag zuvor nach Cebu-City, um mich am Hafen abholen zu können. Als die Rampe runterging und ich hinausfahren konnte, stand sie auch schon da! Fast ein Jahr hatten wir uns nicht mehr gesehen - seit der erzwungenen 2-monatigen Visa-Pause in Indien.

 

Nachdem wir uns von Miquel verabschiedet hatten, gingen wir gleich zur nächsten Fähre, die in Kürze nach Bohol auslaufen würde. Wieder wurde das Verladen des Motorrades schwierig, denn die Fähre war klein und nicht auf Fracht ausgerichtet. Es war eine reine Personenfähre! Doch wir sind ja schliesslich in den Philippinen und hier ist alles irgendwie möglich. Also meinte der Captain, dass ich doch die Fussgängerrampe hochfahren soll und mein Bike ganz vorne vor der ersten Sitzbank parkieren solle. Das wird schon gehen. Ok, es ging, aber ich musste die Seitenkoffer abnehmen und auch so passte das Motorrad gerade so eben zwischen die Geländer der Planke. Mit ach und Krach konnten wir das Motorrad an Bord bringen. Mit würgen und hängen geht eben manches! Endlich die letzte Etappe bis nach Hause. Ich hatte im Moment die Schnauze voll von Fähren, ausserdem war ich ziemlich müde, nach der vergangenen kurzen Nacht.

 

Wir kamen in Tubigon an. Von da war es noch etwa ein Stunde Fahrt bis zu unserem Haus in Totolan bei Tagbilaran, der Hauptstadt von Bohol. Ich konnte es kaum erwarten, endlich durch unser Gartentor zu fahren und unsere Hunde zu begrüssen. Wie oft hatte ich mir das auf der Reise ausgemalt und nun war es gleich soweit. Es bedeutet das Ende der zweiten Etappe, denn wir werden zwar sicher den einen oder anderen Ausflug mit dem Motorrad machen, aber das gehört nicht mehr offiziell zu meiner Reise um die Welt.

 

 

Ankunft in meinem Haus – das Ziel der zweiten Etappe ist erreicht!

 

 

Die Philippinen sind mittlerweile so was wie meine zweite Heimat geworden, denn seit 8 Jahren sind Lileth und ich zusammen und wir haben in dieser Zeit schon viele Reisen auf den Philippinen unternommen. Jetzt will ich mich erst mal von der langen Reise erholen, Fotos selektionieren, die restlichen Berichte schreiben und vorallem die unzähligen Eindrücke verdauen. Bis im August werde ich noch in den Philippinen bleiben und dann zurück in die Schweiz kommen um die nächste Etappe der Weltumrundung vorzubereiten. Die soll dann im Juli 2013 in Indonesien losgehen und mich über Australien, Neuseeland, Südkorea, Japan, Mongolei und Russland wieder nach Europa bringen...

 

Vielen Dank an alle, die meine Berichte mitverfolgt haben. Ich würde mich überaus glücklich schätzen, wenn ich dabei den einen oder anderen ermutigt habe sollte, seinen Traum endlich anzupacken und umzusetzen. Und diejenigen, die die Berichte  einfach so gelesen haben, im Geist in ferne Länder geschweift sind und dabei die Zeit völlig vergessen haben, haben dabei hoffentlich ihrerseits einen neuen Traum geboren. Auch dies ist einer der Zwecke dieser Berichte. Wie auch immer, bestehender oder neuer Traum, ich ermutige euch alles daran zu setzen, ihn Realität werden zu lassen. Ihr werdet dafür reich belohnt werden...

 

 

Liebe Grüsse aus Totolan (Bohol, Philippinen)

 

Euer Thierry

 

16. Juni 2012

 
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