9. Bericht von Thierry Wilhelm aus Nepal

 

Das Visum für Nepal erhielt ich problemlos an der Grenze. „Was darf es denn sein?“, fragte mich der sehr freundliche Grenzbeamte. „30 Tage, 60 Tage oder 90 Tage?“. Ok, dachte ich, das fängt ja schon superfreundlich an. Der gute Ruf Nepals, der dem Land vorausgeeilt war, bestätigte sich bereits an der Grenze. Auch die Einfuhr des Motorrades ging glatt über die Bühne und so war ich in ca. 1 Std. bereit, in das vor mir ausgelegte Nepal einzutauchen. Schon sehr bald lies die Hektik der Grenze nach und ich tuckerte durch die Grenzstadt Bhairawa. Es hatte immer noch anständig Verkehr, jedoch bereits viel geruhsamer unterwegs und vorallem hörte das in Indien allgegenwärtige, nervtötende Gehupe langsam auf. Auch wurde auf der korrekten Strassenseite gefahren (!). Die Stadt selbst präsentierte sich zwar wie in Indien auch als ziemlich heruntergekommen und schmucklos. Ich bezog am erstbesten Bancomat (ATM) lokale Währung und somit war ich bereit, mein erstes Tagesziel, der Ort Tansen, anzusteuern. Es war zwar bereits 16 Uhr, aber es lag nur ca. 60 km von der Grenze weg. Kaum aus der Stadt raus, zog sich die Strasse gleich in die Berge hoch. Entlang von einem Flüsschen, ging es vorerst auf einer durch Hangrutsche ziemlich stark beschädigten und kurvenreichen Strasse durch ein enges Tal. Ich kam kaum vorwärts und befürchtete bereits, die Stadt nicht rechtzeitig vor der Dunkelheit erreichen zu können. Doch schon bald wurde die Strasse besser. Viel besser, und ich konnte immer schneller fahren. Ich war beinahe allein auf der Strasse und ein immer breiteres Grinsen setzte sich auf meinem Gesicht fest! Was für eine herrliche Gegend! Immer höher schraubte sich die Strasse und immer wieder wechselte sich Fernblick mit engem Tal. Ich fuhr an kleinen Dörfern vorbei, an kleinen Reisterrassen und durch Wälder. Traumhaft! Kein Gehupe, kein gefährlicher Verkehr, keine Lastwagen, nur ab und zu ein kleines Motorrad oder ein Auto. Einfach herrlich. Ich genoss die Fahrt in vollen Zügen und so langsam aber sich fiel der ganze Indienstress von mir ab. Eine andere Welt... schon wieder! Und doch nur wenige Kilometer voneinander getrennt. Es ist einfach wahr und wurde mir in diesem Augenblick wieder bewusst: Indien ist tatsächlich ein anderer Planet!

 

Gut vor Sonnenuntergang erreichte ich das hochgelegene Städtchen Tansen. Ich tuckerte durch die Strässchen und fragte mich zu einem Hotel durch. Da sich Tansen an einen relativ steilen Berghang anschmiegt, hat man eine wunderschöne Aussicht auf die zu Füssen liegenden, breiten Täler auf denen Reis angebaut wird. Von meiner Zimmerterrasse aus, hatte ich eine Traumaussicht.

Mit einem guten Gefühl und einer grossen Befriedigung, dem indischen Stress entkommen zu sein, legte ich mich hundemüde ins Bett. Beim reflektieren wurde mir bewusst, dass ich Indien tatsächlich ohne Unfall oder Krankheit überstanden hatte. 6 Monate und 15'000 km lang, waren doch ein recht hohes Risiko. Zufrieden schlief ich ein...

 

Am nächsten Morgen erkundige ich das Dorf und versuche, ein Gefühl für die Nepalesen zu bekommen. Ich stelle fest, dass sie ziemlich entspannt und freundlich sind. Überall wird mir ein Lächeln geschenkt. Ich schlendere durch Gassen, fotografiere interessante Sujets und geniesse den schönen Tag. Was mir positiv auffällt ist, dass die Nepalesi nicht so aufdringlich neugierig sind, wie die Inder. Sie schauen eher aus Distanz. Sehr angenehm! Für das Mittagessen kehre ich in einfaches Restaurant ein. Das Essen unterscheidet sich nicht sehr gross von der indischen Küche. Reis, Linsen oder Gemüse und Hünchen. Na ja, habe eigentlich nicht viel mehr erwartet...

 

Ein Tag reicht vollkommen, um Tansen auszukundschaften. Ich beschliesse, morgen wieder weiterzufahren. Da Nepal ein relativ kleines Land ist, sind die Distanzen eher klein. Das gefällt mir, kann ich mir doch am Morgen Zeit lassen und erreiche das Tagesziel doch locker  am Spätnachmittag...

 

Mein Tagesziel ist Pokhara – die mit ca. 190'000 Einwohner drittgrösste Stadt Nepals.

Ich habe von anderen Touristen viel Gutes über diese Stadt gehört und so bin ich gespannt, was mich erwartet. Eine wunderschöne Gegend begleitet mich durch den Tag. Es geht weiter durch Berge, rauf und runter und eine Kurve reiht sich an die nächste. Ich fahre an wunderschönen, sattgrünen Reisterrassen vorbei, komme durch Wälder und immer wieder durch kleine Dörfer. Eine superschöne Kulisse, ein recht gute Strasse, wenig Verkehr und ziemlich schönes und trockenes Wetter machen diesen Tag zum reinsten Vergnügen. Am Spätnachmittag erreiche ich die recht grosse Stadt. Ich wusste aus dem Internet, wo sich die Touristen niederlassen. Da ist erfahrungsgemäss die Infrastruktur am besten und somit steuere ich dieses Quartier an. Pokhara liegt am schönen Phewa See. Natürlich ist das die schönste Gegend und ebenso natürlich stehen da die meisten Gästehäuser und Hotels. Ich suchte mir ein kleines Gästehaus, das wifi anbietet. Allerdings sind die Verbindungen in Nepal ziemlich schlecht und daher das Surfen eher eine Qual. Ich richte mich in meinem Zimmer ein und mache mich auf Erkundigungstour. Ein Vorteil eines touristischen Gebietes ist, dass man sehr gut essen kann. Ich entdecke viele gemütlich eingerichtete Restaurants, das westliches Essen anbietet. Eine tolle und willkommene Abwechslung...

Pokhara ist eine relativ moderne Stadt und hat nur wenige bauliche Sehenswürdigkeiten zu bieten. Am interessantesten im Stadtgebiet ist die Altstadt im Norden (Purano Bazar, Bagar), wo noch viele alte Handelshäuser im Newari-Stil erhalten sind. Auf einem Bergrücken an der Südseite des Phewa Sees befindet sich die moderne Weltfriedens-Stupa (1113 m ü. M), von der sich ein schöner Rundblick über See, Stadt und Bergwelt bietet.

 

Das irische Paar, Helen und Neils, das ich im Iran getroffen hatte, übermittelten mir per Facebook, dass ich unbedingt das „Bullet Basecamp“ aufsuchen solle. Das ist eine Bar, die von einem Australier und einer Holländerin geführt wird. Da würden sich alle Traveller, speziell Motorradreisende, treffen. Nach etwas durchfragen fand ich es auch. Es war tatsächlich ein cooler Ort. Gute Rockmusik, coole Leute und speziell und fantasiereich eingerichtet. Ich wurde herzlich begrüsst und als ich ihnen sagte, dass ich mit dem irischen und dem holländischen Paar, die im Januar hier waren, zusammen im Iran und Pakistan unterwegs war, war das Eis sofort gebrochen. Sie hatten bereits von mir gehört und erwarteten mich irgendwann. Nun stand ich vor ihnen und sie freuten sich sehr. Als Willkommensgeschenk gab’s gleich mal ein Freibier...

 

Ich verbrachte eine Woche in Pokhara und schaute täglich mal vorbei. Wir tauschten etliche Geschichten aus und hatten es immer lustig. Ich kann das Bullet Basecamp (der Name kommt vom Motorrad Royal Enfield, dessen berühmtester Typ eben die 350er Bullet ist) wärmstens empfehlen. Ein Tipp: Es gibt dort sehr guten Kaffee! Das war mein täglicher, erster Gang am Morgen!

 

Einen Ausflug wert ist die Fahrt hinauf zum knapp 1600 m hohen Sarangkot, dem "Hausberg" der Stadt, von dem sich eine atemberaubende Aussicht auf das Annapurnamassiv bietet. Wenn man den Trip frühmorgens um 6 Uhr macht, wird man mit einem Erlebnis belohnt, das mit Sicherheit zu den Highlights einer Nepalreise gehört. Da leider immer noch Regenzeit herrschte, stand ich 3 Mal um 5:30 auf, um zu sehen was das Wetter macht. Erst beim dritten Mal, zeigte sich der Himmel wolkenlos. Also zog ich mich hurtig an, schwang mich aufs Motorrad und fuhr die ca. 25 km hoch auf den Berg. Mit zig anderen Touristen stand ich nun am besten Platz und bewunderte das traumhaft schöne Schauspiel des Sonnenaufgangs. Um ca. 6:30 Uhr begannen sich die Gipfel des bis zu 8'091 Meter hohen Annapurna Massivs aufzuleuchten. Die Täler rundherum lagen noch im Morgennebel. Langsam kletterten die Sonnenstrahlen die Berge runter und liessen die Berge rot aufleuchten. . Es sah einfach genial aus! Um Acht Uhr begannen sich Wolken zu bilden und langsam aber sicher schloss sich der Vorhang dieses Schauspiels. Aber die 2 Stunden von 6 bis 8 waren alleine schon den Weg nach Pokhara wert!

 

 

Phewa-See mit Blick auf den Annapurna Himal - links der 6998 Meter hohe Machapucharé (im Volksmund „Fishtail“ genannt), in der Mitte der rechten Bildhälfte der 7937 Meter hohe Annapurna II (Bild aus Wikipedia)

 

 

Im „Bullet Casecamp“ lernte ich einen Amerikaner kennen, der schon einige Jahre dort lebt. Ich wusste bereits, dass es eine Strasse gibt, die auf die andere Seite des Annapurna führt, doch er gab mir wertvolle Hinweise über die Strasse, Distanzen, geschätzte benötigte Zeit und auch über Sehenswürdigkeiten. Ich erfuhr, dass ich bis nach Muktinath fahren kann. Obwohl es Regenzeit war, meinte er, dass ich mit dem Motorrad problemlos die Strasse befahren könne. Ich wollte die Strasse sowieso befahren, war mir aber wegen der Regenzeit nicht ganz sicher. Er nahm mir meine Bedenken und so beschloss ich die Fahrt in Angriff zu nehmen.

 

Am nächsten Tag organisierte ich die benötigte Bewilligung, denn das ganze Gebiet rund um das Annapurna-Massiv ist geschütztes Naturschutzgebiet. Wie vorbildlich! Ich packte ich nur das Nötigste ein, denn ich rechnete mit nur 3 bis 4 Tagen, bis ich wieder in Pokhara sein sollte. Das sollte lustig werden, endlich wieder mal ohne schweres Gepäck über eine Naturstrasse zu brausen...

 

Die ersten ca. 50 km waren noch auf einer Betonstrasse zu bewältigen, dann begann die Naturstrasse. Die Gegend war wie erwartet traumhaft schön. Es ging an einem Fluss entlang, durch mal engere, mal weitere Täler. Immer wieder Reisfelder- oder Terrassen. Alles sehr grün. Das Wetter war leider sehr wechselhaft. Von Sonnenschein bis stark bewölkt. Ich befürchtete Regen, was auf einer Erdstrasse überhaupt nicht lustig ist. Doch das Wetter hielt. Es regnete eigentlich nie so richtig, lediglich mal kurze Schauer. Doch es stellte sich mehr und mehr heraus, dass es bis vor kurzem heftig geregnet haben muss, denn die Strasse wurde immer weicher und immer länger werdende Schlammabschnitte machten das Vorwärtskommen zusehends schwieriger. Mutig und trotzig fuhr ich weiter und kämpfte mit immer tieferem und öfter vorkommenden Schlamm. Im Laufe des Nachmittags begann ich mich ernsthaft zu fragen, ob ich wohl umdrehen soll. Es war nicht mehr so lustig. Zum Glück, dachte ich, bin ich nicht so schwer unterwegs. Doch ich fühlte mich zusehend unwohler.  Sand und Schlamm sind nun mal meine ärgsten Feinde und ich bin gar kein Fan davon. Ich beschloss, noch ein Stück weiterzufahren und mir gelegentlich eine Unterkunft für die Nacht zu suchen. Die Hoffnung, dass sich die Strasse wieder bessert und die Aussicht auf spektakuläre Bergansichten, trieben mich weiter voran. Es war ja nicht so, dass es nur noch schlammig war. Es gab immer wieder Abschnitte, wo die Strasse steinig und entsprechend trocken war. Am Spätnachmittag erreichte ich das kleine Dorf Dana und gleich am Dorfeingang sah ich ein einladendes, kleines Hotel. Ich beschloss anzuhalten und dort abzusteigen. Zum Glück konnte der Besitzer ein wenig Englisch und so konnte ich mich über die Fortsetzung der Strasse informieren. Was ich erfuhr war alles andere als erfreulich. Zwar meinte er, dass, wenn ich bis zu einem bestimmten Ort durchkommen würde, es danach wieder viel besser werden würde und der Rest bis zum Ziel ein Klacks sein würde. Doch nun kam das grosse Aber. Es hätte einen Hangrutsch gegeben und der Verkehr käme dort nicht mehr durch. Es bestehe allerdings eine kleine Chance, dass bis morgen wenigstens die Motorräder durchkämen. Doch zurzeit würden die Busse bis zur Stelle fahren, dann durchquerten die Menschen die Stelle zu Fuss und bestiegen danach einen anderen Bus, der sie weiter bringe. Wow, schöne Aussichten...!

 

Da es noch lange genug hell sein würde, machte ich einen Spaziergang und erkundigte ich das kleine Dorf. Am Abend checkte ein nepalesischer Motorradfahrer, der mit Sozia ebenfalls in dieselbe Richtung fuhr, ebenfalls im Hotel ein. Er konnte recht gut Englisch und so verbrachten wir den Abend zusammen und beschlossen, es morgen früh zusammen zu versuchen...

 

Wir standen früh auf, assen ein einfaches Frühstück und machten uns auf den Weg. Zu meinem Entsetzen wurde die Strasse immer schlimmer! Der Schlamm wurde stellenweise immer tiefer und ich musste schon meinen ganzen Mut zusammennehmen, um durch diese Passagen zu kommen. Scheisse, was für ein Abenteuer. Wenn ich hier nur heil durchkomme, dachte ich. Denn manchmal musste ich ganz am Rand der Strasse fahren, weil da die Oberfläche härter war. Doch nach dem Rand ging es manchmal nur noch steil bergab in die Büsche. Ich hatte Horrorvorstellungen. Nur nicht ausrutschen! Ich schwitzte Blut und dachte daran, dass ich da ja auf dem Rückweg noch mal durchmusste. Mist, wäre ich doch nie losgefahren und warum habe ich noch früher Kehrt gemacht? Ich biss auf die Zähne und kämpfte weiter...

 

Und dann kam die Stelle es Hangrutsches. Auf beiden Seiten standen Menschen und beobachteten den Berg. Er bewegte sich immer noch! Ständig rieselten kleinere Steine herunter und Wasser suchte sich einen Weg zwischen den Felsbrocken hindurch. Das sah überhaupt nicht gut aus! Tiefer Schlamm und Geröll bildeten sie „Strasse“. Mitten im Schlamm hatte sich zu allem Übel ein Lastwagen eingegraben und war völlig manövrierunfähig. Die Leute hofften, dass es nicht zu weiteren Abrutschen käme, denn die hätten den Lastwagen voll getroffen. Der Fahrer, sein Beifahrer und weitere Helfer versuchten verzweifelt, den LKW flott zu bekommen. Aber es war chancenlos, denn er steckte bis zu den Achsen im Schlamm. Die Menschen, die zu Fuss unterwegs waren, beobachteten den Hang scharf, nahmen ihren Mut zusammen, und beeilten sich auf die andere Seite zu kommen. Es war ein wirklich spannendes Schauspiel. Doch für mich und den Nepali, der auch mit dem Motorrad unterwegs war, war rasch klar: da gab es kein Durchkommen! Wäre nicht der LKW, der die Strasse nun komplett blockierte, wäre es möglicher weise möglich gewesen, mit Hilfe der Leute die Motorräder auf die andere Seite zu bekommen. Doch so gab es leider nur noch eine einzige Option. Nämlich umzukehren...

 

Sehr schade, denn ich hatte mich sehr gefreut, den Annapurna von der anderen Seite zu sehen. Doch das war wohl Schicksal, es sollte nicht sein. Also kehrte ich um und ich bereitete mich geistig bereits darauf vor, die üblen Schlammpassagen nochmals zu meistern. Bisher war ich ohne Sturz durchgekommen, doch auf dem Rückweg sollte es mich zweimal hinschmeissen. Wäre ja auch zu schön gewesen, alles ohne Sturz zu bewältigen. Einmal verfing sich mein Schalthebel an einem Steinbrocken, der im Geröll zu hoch war. Es war eine bergauf-Passage und ich musste Gas geben. Der Hebel wurde beinahe in eine gerade Linie verbogen und es riss mich entsprechend um. Ich stand auf den Rasten und verlor  das Gleichgewicht. Es knallte mich auf den Boden und heftig auf mein linkes Knie. Sofort stieg die Angst in mir hoch, dass ich mich vielleicht sogar das Knie verdreht hatte. Ich hatte mir schon einmal in jungen Jahren das Kreuzband bei einem Sturz gerissen. Und auf dieser Reise ist es einem Österreicher passiert, der ebenfalls im Geröll gestürzt war. Ich spürte das Knie noch tagelang, doch klang der Schmerz langsam ab und es stellte sich heraus, dass es lediglich eine starke Prellung war. Der zweite Sturz war ein klassisches Wegrutschen mit dem Vorderrad. Diesmal im Schlamm, ich flog weich...

 

Nach einem harten Reisetag kam ich abends wieder in Pokhara an. Ich war froh, dieser Schlammhölle wieder entkommen zu sein. Doch das Positive war, dass ich eine gute Lektion erteilt bekam, wie man im Schlamm fährt. Ich wurde nämlich immer sicherer und auch frecher. Deshalb hatte es mich wohl auch hingeschmissen. Ich würde sogar sagen, dass es zwischendurch sogar etwas Spass gemacht hat, als ich merkte, dass es eigentlich recht gut ging. Ich war glücklich darüber, nur leicht unterwegs gewesen zu sein! Am Abend hatte ich eine tolle Story im „Bullet Basecamp“ zu erzählen...

 

Ich fand, dass ich nun schon lange genug in Pokhara war und machte mich an die Planung der Weiterreise. Ethan vom Bullet Basecamp gab mir noch Tipps, was ich in Nepal noch ansteuern könnte. Entsprechend legte ich mir einen Reiseplan fest. Auf dem Weg nach Kathmandu wollte ich einen Halt in Daman einlegen. Das liegt ca. 100 km vor Kathmandu und ist 2'320 Meter hoch. Von da aus solle man einen traumhaft schönen Blick auf das Himalaya-Massiv haben. Alles klar, das ziehe ich mir rein...

 

Die Hauptstrasse Pokhara-Kathmandu ist in einem überraschend guten Zustand. Es ist sozusagen die Hauptschlagader quer durch das Land und wird dementsprechend gut unterhalten. Wiederum führt die Strecke durch wunderschöne Gebiete, entlang von Flüssen, durch engere oder weitere Täler und über kleinere Pässe. Das Wetter macht auch einigermassen mit und so geniesse ich die Fahrt. Der Verkehr hält sich sehr in Grenzen und so komme ich sehr gut vorwärts. Immer wieder denke ich an Indien zurück und freue mich dann gleich doppelt über den spärlichen und vorallem korrekt fahrenden Verkehr!

 

Es ist bereits 16:00 Uhr als ich an die Abzweigung, die von der Hauptstrasse weg hoch in die Berge führt. Mein GPS meint, dass es eine unbefestigte Strasse sei und so habe ich ein wenig Bedenken, ob es mir heute überhaupt noch reicht, bei Tageslicht bis nach Daman zu kommen. Es seien ca. 80 km bis zum Dorf, sagte man mir. Hmmm, eigentlich nicht viel, doch auf einer schlechten Strasse kann das ganz schön dauern... Die Kleinstadt, in der ich mich befinde, sieht überhaupt nicht einladend aus und somit beschliesse ich, es zu wagen.

Zu meiner freudigen Überraschung stellt sich heraus, dass die Strecke durchwegs betoniert oder asphaltiert ist. Ich komme gut vorwärts. Dazu kommt, dass die Sonne scheint und mir spektakuläre Ausblicke von der engen Strasse runter in die Täler ermöglicht. Es ist eine super schöne Gegend. Ich fahre oft in Wäldern, komme an kleinen Dörfern und Weilern vorbei. Die Menschen staunen nicht schlecht, als sie mein Motorrad erst hören und dann sehen. Oft wird gewunken. Sehr freundlich. Wieder ein Gegensatz zu Indien! Die Strasse ist eng und äusserst kurvenreich. Sie schraubt sich, den Berghängen anschmiegend, immer höher hinauf. Plötzlich komme ich über einen Pass und bald danach öffnet sich mir eine wunderschöne Hochebene, die im Abendlicht glitzert. Was für ein Superanblick! Ich halte zwischendurch an und mache Fotos. Die Leute lächeln mich an und winken manchmal. Ich komme mir vor, als wäre ich in einer versteckten Welt angekommen. Erst die enge Strasse den Berg hoch, dann über den Pass und ein paar enge Kurven später breitet sich plötzlich das Tal vor mir aus... Wow, wegen solchen Momenten bin ich am reisen!

 

Als das Tal durchfahren war, verengte sich die Strasse wieder und es ging nochmal eine Etage höher, sprich weiter den Berg hoch. Doch es war nicht mehr weit, vielleicht 20 km. Plötzlich stand ich vor dem Ortsschild. Und die Sonne war noch nicht ganz untergegangen. Ich hatte es geschafft. Ein paar Meter nach Ortseinfahrt entdeckte ich ein Hotelschild: Panorama-Hotel. Na das tönt ja wunderbar. Da steig ich ab, dachte ich mir. Es war ein sehr einfaches Hotel, aber sie hatten einen Turm, der hoch über die Bäume ragte. Ich war zufällig beim Ziel angekommen, das ich mir vorgenommen hatte, denn Ethan hatte mir von diesem Aussichtsturm erzählt.

 

Ich schleppte mein Gepäck die lange Treppe hoch, die von der Strasse hoch zu den Gebäuden führte, denn das Hotel war auf einem Bergrücken gebaut. Nachdem ich mich eingerichtet hatte, inspizierte ich den Turm. Es war eine Betonkonstruktion, die auf einem einzigen, runden Bein stand. Etwa 10 Meter weiter oben stülpte sich ein Raum wie einen Ring um die Turmachse. Über dem heruntergekommenen Raum, der ein Restaurant sein sollte, war die Aussichtsterrasse. Ich stieg die Treppe, die sich im Kern der Stelze befand, hoch und eine wunderbare Aussicht verschlug mir den Atem. Allerdings herrschte bereits fortgeschrittene Dämmerung und ich konnte das Himalaya-Massiv eher erahnen als sehen. Ich freute mich auf morgen früh. Ich wollte um 5:30 Uhr aufstehen und den Sonnenaufgang sehen...

 

Ich stellte den Wecker und schlief erwartungsfroh ein. Als ich am Morgen aufwachte, traf mich der Schock! Es regnete in Strömen! Keine Chance auf Aussicht So ein Mist, dachte ich. Ich verkroch mich wieder unter die Decke und schlief wieder ein. Es regnete den ganzen Tag und so verbrachte ich den Tag mehrheitlich vor meinem Laptop im Turmrestaurant. Wenn man den Raum etwas aufpeppen würde, wäre es ein super Restaurant, denn man kann im Kreis um die Achse laufen und hätte bei schönem Wetter von jedem Tisch aus eine tolle Aussicht. Eine Minikopie des Schilthorns-Restaurant, nur das es sich nicht drehen konnte. Ich hoffte auf den nächsten Morgen...

Gegend Abend, ca. um 17:00 Uhr sass ich auf meinem Bett, mein Laptop auf meinen Schenkeln, als sich plötzlich das Bett zu bewegen begann. Ich dachte sofort an ein Erdbeben. Und so war es auch. Es rumpelte und vibrierte. Es wird ja wohl gleich vorbei sein, dachte ich. Doch es setzte sich fort und langsam wurde mir unheimlich. Ich stand auf und dachte, dass es nun besser sei, den Raum zu verlassen. Ich trat hinaus und hörte Frauen kreischen. Es rüttelte immer noch. Es waren nun ca. 20 Sekunden vergangen. Es kam mir ewig lang vor. Der Turm fiel mir ein. Der stand ja nur auf einem Bein und ich hatte plötzlich die Vorstellung, dass der Turm umkippen könnte. Da ging auch noch die Alarmanlage an meinem Motorrad an. Wow, das braucht eine Neigungveränderung von ca. 1,5 Grad bis sie losgeht! Jetzt wird’s aber richtig unheimlich! Ich entfernte mich rasch aus der Reichweite des Turms, denn der stand nur wenige Meter dem Häuschen, in dem ich mein Zimmer hatte. Und unvermittelt hört das Gerüttel wieder auf. Erst Stille und dann Menschen die sich irgendwas zurufen. Das war ein richtig ausgewachsenes Erdbeben, ohne Zweifel. Aus den Medien weiss man, dass es noch viele Nachbeben geben kann und so warte ich noch ein Weilchen, bevor ich wieder ins Zimmer gehe. Später sollte ich erfahren, dass es ein Erdbeben von der Stärke 6,9 war! In Kathmandu waren einige Häuser eingestürzt, die internationalen Medien berichteten darüber. *Schluck*... es hätte auch anders ausgehen können, denn die Häuser in Nepal sind nicht unbedingt erdbebensicher gebaut, denke ich mir...

 

Am nächsten Morgen stehe ich wiederum um 5:30 Uhr auf. Kein Regen zu hören. Ich hoffe. Klappt es heute mit der Fernsicht? Ich stehe auf, kleide mich, gehe raus und schaue in den Himmel. Es herrscht leichte Dämmerung, aber ich kann nicht erkennen, ob der Himmel Grau oder Blau ist. Ich steige auf den Turm - und bin ernüchtert. Es ist grauestes Grau! Scheisse! Es ist dicht bedeckt und es sieht überhaupt nicht danach aus, als dass es bessern würde. Wieder nichts! Also zurück ins Bett und noch ne Runde schlafen...

Später vertreibe ich mir den Tag mit einem Spaziergang im Dorf und vor dem Laptop. Es regnet immer wieder. Ich gebe mir noch einen letzten Versuch am nächsten Morgen, dann würde ich definitiv aufbrechen...

 

Wieder stehe ich am nächsten Morgen um die gleiche Zeit auf, stehe voller Hoffnung auf und fluche bald darauf. Wieder nichts. Es hat einfach keinen Sinn. Das schlechte Wetter hockt fest. Es gibt hier oben wirklich nicht viel zu tun oder zu sehen und so packe ich, nach einer weiteren Runde Schlaf, meine Sachen. Es ist ein Katzensprung nach Kathmandu. 80 km wieder runter zur Kreuzung und danach noch ca. 20 km bis zur Stadt. Ich bin zwar enttäuscht, dass ich das Panorama nicht gesehen habe, doch freue ich mich jetzt auf Kathmandu und gebe Gas. Trotz starker Bewölkung regnet es zum Glück nicht und ich geniesse die Fahrt runter ins Tal. Obwohl die Nepalesi nicht so wild fahren wie die Inder, muss ich trotzdem sehr auf der Hut sein, denn die Strasse ist relativ eng und windet sich konstant um die Ecken. Wie schnell ist einer auf deiner Seite. Ich bemühe mich immer schön ganz innen oder ganz aussen zu fahren. Von Indien her gewöhnt, hupe ich oft vor den Kurven. Das kann auf dieser unübersichtlichen, kurvenreichen Bergstrasse wirklich nicht schaden...

 

Kaum wieder auf der Hauptstrasse und in Richtung Kathmandu fahrend, zeigt sich die Strasse von ihrer schlechten Seite. Die letzten 20 km der Strasse sind die schlechtesten. Der Belag ist total kaputt, wellig, löchrig oder fehlt gänzlich. Zudem hat der Verkehr sehr stark zugenommen. Woher kommen nun alle diese Lastwagen? Bis zur Kreuzung hin war der Verkehr sehr moderat gewesen. Je näher ich an Kathmandu komme, desto schlimmer wird’s. Immer wieder Staus wegen Strassenreparaturen oder extrem langsamen Lastwagen, die sich über die letzten, kleineren Pässe quälen und alles aufhalten. Endlich erreiche ich die Stadtgrenze. Vom Glanz und Mystik, die der Name Kathmandu ausstrahlt, ist überhaupt nichts zu sehen. Im Gegenteil, ich fahre auf einer breiten, vierspurigen Strasse durch heruntergekommene Häuserschluchten. Es ist ziemlich alles verlottert und schmutzig. Und es herrscht ein Höllenverkehr. Die Blechlawine wälzt sich ätzend langsam durch die Strassen.

 

Kathmandu hat knapp eine Million Einwohner und wie es scheint, ebenso viele Fahrzeuge! Ich mache mich darauf gefasst, einen Irrlauf durch die Stadt zu machen, bis ich endlich an meinem Ziel landen würde. Wieder steuere ich das Touristenviertel an. Das Quartier heisst Thamel. Ich weiss erstens aus dem Internet, dass es hier – wie immer - die beste Infrastruktur gibt. Und zweitens hatte mir Ethan vom Bullet Basecamp einen Hoteltipp gegeben. Nun hiess nur noch, das Hotel in diesem Gewusel finden. Ich frage mich durch und zu meiner Überraschung dauert es keine Stunde bis ich am Beginn des Quartiers stehe. Doch nun folgt die zweite Aufgabe. Thamel besteht aus vielen, vielen engen Gassen, in denen nur Einbahnverkehr herrscht. Es reihen sich Läden an Läden, Restaurants an Restaurants. Und auf den Strassen herrscht die Hölle. Vorallem Fussgänger - Einheimische sowie zig Touristen - Velofahrer, Rikshaws, Motorräder und zum Glück nur wenig Autos wälzen sich im Schritttempo durch die Gassen. Es herrscht das riesige Gewusel. Da muss ich nun durch und das Hotel finden. Ich falle natürlich gleich auf mit dem einzigen grossen Motorrad weit und breit, das erst noch so voll bepackt ist. Die Touristen staunen über mich und meinem Motorrad mit CH-Kennzeichen. Einige hauen mich auch gleich an und fragen, ob ich tatsächlich von der Schweiz bis hierher gefahren sei. Ungläubiges Staunen und danach Schulterklopfen. Lustig... ich komme mir wie ein Held vor. Nach mehrmaligen Nachfragen finde ich das gesuchte Hotel. Tatsächlich, es sieht nett aus. Hat einen grossen Vorgarten, in dem das Hotelrestaurant untergebracht ist. In der Mitte des Gartens steht ein Springbrunnen, viele Bäume, Büsche und Blumen verwandeln den Vorgarten in eine gemütliche, grüne Oase in diesem hektischen Quartier. Auch mein Motorrad kann ich hier sicher abstellen. Zum Glück haben sie ein Zimmer für mich frei. Der Preis ist vernünftig und wifi haben sie auch noch. Perfekt! Hier schlage ich mein Basislager auf, denn ich hatte einiges vor in Kathmandu und wollte deshalb eine Weile bleiben.

 

Hier ein Bild von Kathmandu:

 

 

(Bild aus Wikipedia)

 

 

 

Als erstes musste ich den Transport des Motorrades nach Bangkok organisieren. Ich wusste aus dem Forum von Horizons Unlimited, welche Spedition fragen wollte. Praktischerweise war das Büro gleiche eine Strasse hinter meinem Hotel, keine 3 Minuten zu Fuss entfernt. Sehr praktisch! Ich wurde äusserst herzlich empfangen, denn man erwartete mich bereits! Das holländische sowie das irische Paar, hatten einige Monate früher ebenfalls mit Eagle Export, so hiess die Spedition, verschifft. Suraj und Saru, das Betreiber-Ehepaar, waren äusserst freundlich und schnell freundeten wir uns an. Suraj arbeitete wirklich sehr professionell und zuverlässig. Bereits am nächsten Tag kam der er zusammen mit einem Schreiner zu meinem Hotel, der die Masse am Motorrad ausmass. Er würde die Holzkiste für den Transport herstellen. Der Abflug sollte 8 Tage später sein.

 

Ein paar Tage später, ladeten mich Saru und Suraj zu ihnen nach Hause zu einem Nachtessen ein. Dabei hatte ich Gelegenheit, hinter die Kulissen in ein privates Haus zu kucken. Es machte den Eindruck, als gehörten sie der Mittelschicht an, denn sie wohnten in einem recht grosszügigen Eck-Einfamilienhaus auf 3 Etagen. Ein Bruder von Suraj sowie seine Mutter wohnen ebenfalls im Haus. Die Wohnetage, auf der ich empfangen wurde, bestand aus einem grossen Wohnzimmer, einem Schlafzimmer, einer Toilette und der Küche. Das Wohnzimmer war mit eine kleiner Wohnwand, einem Einzelbett, mehreren dicken Teppichen und viele Kissen, mit denen man sich am Boden gemütlich einrichtet, ausgestattet. Genau, man sitzt auf dem dicken Teppich am Boden und schlürft Tee (in unserem Fall Bier!) und isst Gepäck und Aperitif-Häppchen. Gegessen hatten wir dann in der Küche. Es war ein wunderbarer Abend und das Essen schmeckte vorzüglich.

 

Ich lernte im Büro von Suraj noch einen Deutschen und zwei Franzosen kennen. Alle kauften über mehrere Wochen Kleider und Schmuck ein, um es später an Märkten in Frankreich, bzw. Brasilien, wo der Deutsche wohnt, wieder zu verkaufen. Da ich leine ganze Woche in Kathmandu blieb und wir uns darauf täglich bei Suraj trafen, lernten wir uns natürlich besser kennen und verbrachten dementsprechend viele lustige Abende zusammen. Suraj war jeweils sichtlich stolz, sich mit drei Westlern in den verschiedenen Lokalen, in die er uns führte, zu zeigen. Für uns Westler war es natürlich sehr spannend und bequem, von einem Einheimischen in die guten und oft unscheinbaren,. Einheimischen Restaurants geführt zu werden. Er klärte uns über einheimisches Essen auf und wir erfuhren viel über Nepal und seine sozialen Gesetzte. Kastenwesen ist auch in diesem Land sehr ausgeprägt, aber auch Rassismus gegenüber Minderheiten im Land. So dürfe z.B. seine 6-jährige Tochter  nie und nimmer in eine niedrigere Kaste oder sogar ein Mitglied eines anderen Volkes heiraten. Niemals! Obwohl Suraj und Saru für nepalesische Verhältnisse sehr modern eingestellt sind und sehr offen sind, gelten diese gesellschaftlichen Gesetzte unerbittlich. Auch Suraj und Saru wurden zwangsverheiratet, sprich, die Eltern hatten jeweils Braut und Bräutigam ausgesucht. Zum Glück hatte es wunderbar geklappt mit den Zweien, sie geben ein tolles Paar ab und wie es scheint, harmonieren sie super zusammen und lieben sich sogar. Das kommt nicht oft vor bei zwangsverheirateten Paaren, wie sie uns erklären. Wen wundert’s...!

 

Da ich nun einen nepalesischen Freund in Kathmandu hatte, zeigte er mir und dem Deutschen  Sehenswürdigkeiten und erklärte uns voller Stolz die Geschichte von Nepal und Kathmandu. War für ein Glücksfall für mich! Wenn er mal keine Zeit hatte, so erklärte er mir, wie ich weitere Sehenswürdigkeiten finden würde und so machte ich mich manchmal alleine oder zusammen mit dem Deutschen auf die Socken.

 

Da in Nepal ebenso der Hinduismus (nebst dem Buddhismus) vorherrscht, gibt es in Kathmandu einen Tempel, wo ebenfalls Tote verbrannt werden. Wie in Varanasi in Indien. Ich hörte und las, dass man die Rituale besuchen könne und so suchte ich die Verbrennungsstätte auf. Sie heisst Pashupatinath und liegt am heiligen Fluss Bagmati, an dem sich auch eine der wichtigsten Verehrungsstätte Shivas steht, bzw. überhaupt eine der wichtigsten Tempelstätte des Hinduismus ist. Ich war schwer beeindruckt! Der eigentliche Tempel ist zwar nur für Hindus zugänglich, jedoch ist der gesamte Aussenbezirk für alle zugänglich. Als ich zugegen war, wurden gerade 6 Leichen verbrannt. Gegenüber der Verbrennungsstätte gibt es Treppenstufen, fast wie eine kleine Tribüne, auf der sich die Zeremonie bestens verfolgen lässt. Sogar fotografieren darf man. Es war äusserst beeindruckend und ich bin überzeugt, dass es keinen Westler kalt lässt. Wir sind es uns ja nicht gewohnt, dass sich die Familie um den brennenden Toten schart und zuschaut, wie er Stück für Stück von den Flammen verzerrt wird. Doch die Hindus denken anders über den Tod. Für sie gehört der Tod zum Leben, denn das Feuer bewirkt eine grosse Reinigung und erlaubt der Seele, den Körper zu verlassen. Zudem versprechen die Verbrennung an diesem Ort und das Streuen der Asche in den heiligen Fluss eine gute Wiedergeburt...

 

  

 

 

 

 

 

 

Von Pashupatinath ist ein kurzer Spaziergang zu einer der grössten Stupas der Welt: Bodnath, auch Boudha oder Bauddhanath genannt. Es ist eines der bedeutendsten Pilgerziele für Buddhisten. Sie ist 36 Meter hoch und wurde im 5. Jahrhundert nach Christus erbaut. Dort erwartet einem eine ganz spezielle Atmosphäre. Viele buddhistische Pilger umrunden die Stupa im Uhrzeigersinn und stossen die vielen Gebetsmühlen, die in die Umfassungsmauer eingelassen sind, an. Selbstverständlich gibt es mittlerweile rundherum viele kleine Souvenirläden und Restaurants. Auch ein schöner Tempel darf natürlich nicht fehlen...

 

Hier Bilder von der Stupa:

 

 

 

 

 

 

Am nächsten Tag wollte ich einen so genannten „Mountain Flight“ buchen. Man kann nämlich von Kathmandu aus einen 1-stündigen Rundflug zur Himalaya-Kette und selbstverständlich zum Mount Everest machen.  Wenn ich die Berge schon nicht vom Boden aus sehe, dann wollte ich sie wenigstens von oben sehen, vorallem der Mount Everest, ist ja klar. Wenn man schon im Land ist...

 

Suraj organisierte mir auch das. Da, wie schon erwähnt, zurzeit immer noch die Regenzeit herrschte, war es nicht sicher, wann und ob die Flüge stattfinden würde. Ich sass in seinem kleinen Büro und wartete, bis er ein paar Telefonate geführt hatte. Dann fragte er mich, an welchem Tag ich fliegen wolle. Die Wettervorhersage ergebe drei mögliche Flugtage. Ich wählte den Mittleren. Eine halbe Stunde lag ein Ticket von BUDDHA AIR vor mir auf der Trese. Gut gemacht, super Service. Er verlangte nicht mal was von mir für diese Dienstleistung. Vielleicht bekommt er ja was hintenrum, bestimmt sogar, aber das soll ja nur Recht sein.

 

Ich sollte am gebuchten Flugtag morgens um 6:00 Uhr auf dem Flughafen sein. Der Flug sollte um 7:00 Uhr losgehen. Das Wetter schaute nicht gerade viel versprechend aus. Eine ziemlich dichte Wokendecke lies nichts Gutes ahnen. Es wurde nämlich beim Buchen gesagt, dass erst am Flugtag selber entschieden werde, ob geflogen werde oder nicht. Ich rechnete mit einer Absage. Doch zu meiner Überraschung hiess es um 7:30 Uhr plötzlich: Alles einsteigen! Ich erwartete, nicht viel zu sehen, als ich in das Kleinflugzeug mit 20 Sitzen einstieg. Ich richtete mich auf meinem zugewiesenen Sitz ein und studierte das Flugzeug. Ich hatte ein etwas mulmiges Gefühl im Magen, eigentlich immer, wenn ich in ein Flugzeug steige. Aber da ich hier in Nepal in ein Kleinflugzeug stieg, war mir irgendwie noch mulmiger als sonst. Die Türe zum Cockpit stand auf. Da ich auf Sitz Nr. 2 sass, konnte ich von sehr nahe ins Cockpit schauen und den Piloten bei den Vorbereitungen zusehen. Die werden ja schon wissen, was zu tun ist, dachte ich. Die machen das ja jeden Tag, beruhigte ich mich. Die Maschine war übrigens eine Turboprop der Marke „Beechcraft“

Wie befürchtet, gaben die Wolken lange Zeit keine Berge frei. Doch plötzlich riss die Wolkendecke hier und da auf und gab einen Blick auf einen Teil der Bergkette frei. Wow, super... Majestätisch erheben sich die höchsten Gipfel der Welt sogar über die Wolkendecke hinaus. Die Flugbegleiterin läuft von Sitz zu Sitz und erklärt jedem, wie die höchsten Berge heissen. Und als wir uns langsam dem Mount Everest nähern, ruft sie jeden Einzelnen ins Cockpit um den erhabenen Berg durch das grosse Frontfenster sehen zu können. Ich HABE ihn gesehen! Als ich wieder in meinen Sitzt sinke, wird mir plötzlich bewusst, dass ich mir einen weiteren Traum erfüllt hatte!  Schade hat man nur etwa die letzten 500 Meter gesehen, der Rest war unter der Wolkendecke. Wie super muss das aussehen, wenn man die ganze Bergkette bei wolkenlosem Himmel sieht? Egal, es war trotzdem schwer beeindruckend und schön. Trotzdem nehme ich mir insgeheim vor, irgendwann nach Nepal zurückzukehren – und zwar zur perfekten Zeit!

 

Am nächsten Morgen als ich ca. um 9:00 Uhr runter zum Frühstück gehe, höre ich bereits Menschen aufgeregt diskutieren. Der Fernseher läuft in voller Lautstärke. Als mich die Kellner erkennen, fragen sie mich, ob ich es schon gehört hätte? „Ja was denn“, fragte ich zurück. Keine Ahnung, was die meinten. „Ja, der Flugzeugabsturz!“ erwiderten sie aus eine Kehle. Ok, ganz ruhig. Was ist passiert? Eine Maschine von BUDDHA AIR war beim Landeanflug 10km vor Kathmandu abgestürzt! Alle 19 Passagiere – 13 ausländische, 3 nepalesische Passagier sowie 3 Crewmitglieder - waren tot! Es war der gleiche Flug - der Erste am Morgen früh -  mit dem ich genau 24 Std. vorher geflogen war! Vielleicht war es sogar das gleiche Flugzeug... Mir zitterten plötzlich die Knie und ich bekam starkes Herzklopfen. Der Unfalltag war der 3. Termin, den ich hätte auswählen können. Wenn ich den gewählt hätte.... Mir wurde übel bei dem Gedanken! Mann, hatte ich jetzt aber Schwein gehabt, dachte ich. So nahe an einem Flugzeugcrash war ich nun wirklich noch nie...

 

Hier noch ein Artikel zum Crash:

 

http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article13624455/19-Tote-bei-Flugzeugabsturz-bei-Nebel-in-Nepal.html

 

Bis zum Abflug des Motorrades und von mir ging es nun noch 4 Tage. Ich verbrachte die Zeit mit Besichtigungen der antiken Stadtteile von Kathmandu. Dank ausländischer Finanzhilfe wurden die antiken Gebäude sowie der alte Königspalast wunderschön renoviert. Man fühlt sich tatsächlich um Jahrhunderte zurückversetzt. Stundenlang kann man zwischen den historischen Gebäuden herumflanieren und überall die überaus dekorativen und kunstvollen Holzschnitzereien bewundern. Diese zwei alten Stadtteile sind ohne Zweifel die Highlights Kathmandus und lohnen sich besichtigt zu werden. Abgesehen vom grossen Verkehr in der Stadt, hat mir Kathmandu sehr gut gefallen. Kein Vergleich zu indischen Städten, obwohl mir von anderen gesagt wurde, dass Kathmandu noch schlimmer sei, als in Indien. Aber so habe ich das nicht empfunden. Der Verkehr ist zwar enorm, aber es wird z.B. lange nicht so viel gehupt wie in Indien und vorallem wird auf der korrekten Strassenseite gefahren!!! Es ist zwar auch nicht überall sauber, doch auch in diesem Punkt fand ich die indischen Städte um ein vielfaches schmutziger. Alles in allem habe ich mich in Kathmandu wohler gefühlt als in den meisten indischen Städten...

 

Noch 2 Tage bis zum Abflug. Die Zeit war gekommen, um das Motorrad auf den Flugplatz zu bringen. Der Schreiner, der die Masse zuvor genommen hatte, war bereits dort und begann sogleich seine Kiste um das Motorrad zu bauen. Nach knapp einer Stunde, war das Bike bereits in die Kiste verpackt. Die Waage zeigte 365 kg an, für Motorrad, Gepäck und Kiste. Der Transport kostete mich alles in allem 1'061 US$.

 

Auf dem Rückweg hielten Suraj und ich in einem Momo-Restaurant an. Momos sind die typischen nepalesischen/tibetischen Teigtaschen. Die sind entweder vegetarisch mit Gemüse gefüllt oder für Nicht-Vegetarier auch mit einer Fleischfüllung. Die Momos gibt’s entweder im Dampf gegart oder im Öl frittiert. Das Tolle in dieser Imbissstube ist, das die Produktion gleich im selben Raum hinter der Theke gemacht wird. Ich durfte hinter die Abschrankung gehen und den ca. 8 Leuten, die um einen Tisch sassen, genauer auf die Finger schauen und Fotos machen. Das war interessant und wir alle fanden es lustig. Ich war natürlich der einzige Ausländer, denn die Bude war weit Abseits vom Touristenviertel und folglich nur Einheimischen bekannt. Entsprechend waren die Preise lächerlich günstig. Man bekommt immer einer Portion von 8 Momos (ok, manchmal auch 10). Hier kosteten sie ca. sFr. 1.50!

 

 

 

 

Nun war der Tag der Abreise gekommen. Mit etwas Wehmut verabschiedete ich mich von Nepal. Das Land hat mir sehr gut gefallen, ich hatte jedoch etwas Pech mit dem Wetter. Ich sage mir, dass ich eines Tages wiederkommen werde – und zwar in der Trockenzeit! Nepal ist definitiv ein Land, das man mehrmals besuchen kann. Auf der anderen Seite freute ich mich auch auf Thailand. Nach den Erfahrungen in Indien, wird mir das Land garantiert als das Paradies vorkommen...

 

Meine Erfahrungen in Thailand erfährt ihr dann in meinem nächsten Bericht. Nun wünsche ich allen ein glückliches, erfolgreiches und gesundes neuen Jahr!

 

 

 

Alles gute und Liebe Grüsse aus Chiang Mai

 

Euer Thierry

 

 

 

 

 

 

 

 

 

28. Dezember 2011

 
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