8. Bericht von Thierry Wilhelm aus Indien

 

 

Es hat ein Weilchen gedauert, doch nun bin ich wieder da und kann euch Neues und Spannendes berichten. Leider hatte ich das pakistanische Visum in Manila nicht erhalten (nur im Heimatland!) und so konnte ich bedauerlicherweise den Karakorum Highway nicht befahren. Das hatte mich sehr geärgert, denn ich hatte mich sehr darauf gefreut. Dafür klappte es mit dem Indien-Visum problemlos und ich vertröstete mich mit mehr Zeit für Kashmir. Es sollte eine beeindruckende und spektakuläre Etappe werden. Doch dazu später mehr...

 

 

Die Geschichte der Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung für mein Motorrad

 

Anfang Juni, 6 Monate und ein paar Tage nachdem ich in Indien eingereist war, erhielt ich vom schweizerischen TCS ein Mail, das ein weitergeleitetes Mail vom indischen TCS beinhaltete. Die Inder, so chaotisch sie auch sein mögen, schrieben exakt nach 6 Monaten und verlangten einen Beweis, dass mein Motorrad wieder aus dem Land herausgeführt wurde. Denn die erlaubte Frist, in der ein ausländisches Fahrzeug in Indien sein darf, beträgt 6 Monate. Und wenn kein Beweis, also Ausreisestempel im Carnet, dann eine Zahlung von umgerechnet etwas über Fr. 8'000.-- !!! Der doppelte Wert, der im Carnet angegeben war. Nun wusste ich es also. Es sind nur 6 Monate erlaubt. Vergeblich versuchte ich das ja herauszufinden. Niemanden antwortete im Februar auf meine Mails, weder indischer TCS noch die Zollbehörde. So eine Sch.....! Nun hatte ich aber, dank des indischen Mails, eine Ansprechperson. Ich schrieb also zurück und erklärte die Situation und wie ich mich um Antworten bemüht hätte. Die Antwort kam prompt und war sehr freundlich geschrieben. Ich bekam Anlaufstellen bei der Zollbehörte mitgeteilt, verbunden mit der Bitte, mich beim Zoll zu melden und meine Geschichte zu erzählen. Ich befürchtete das Schlimmste, denn zu oft hatte ich gelesen, dass in der indischen Bürokratie verstrickt zu sein, etwas äusserst Mühsames sein soll. Nun, ich erklärte denen, dass ich erst anfangs Juli nach Indien zurückkehren würde, da ich ein neues Visum gebraucht hätte. Und dass ich nicht gewusst hätte, dass es eine Frist von 6 Monaten gäbe, aber auch, dass ich mich vergeblich um Antworten bemüht hätte. Ich bekam tatsächlich Antwort. Ich wurde aufgefordert, sofort nach meiner Rückkehr nach Indien, unverzüglich an den Einreisepunkt zurückzukehren und eine Verlängerung zu beantragen. Ok, immerhin bekommt man eine Verlängerung. Das tönte schon mal positiv. Nun hoffte ich, dass mir die Zollgebühren erlassen würden, denn das Motorrad ist ja immer noch in meinem Besitz und ich würde ja das Land ja in weiteren 2 Monaten verlassen. Ich musste also zurück nach Amritsar fahren, wo ich, von Pakistan herkommend, eingereist war. Das war weiter nicht so tragisch, denn ich wollte ja sowieso gen Norden fahren und der Umweg war nicht gross, mehr oder weniger auf Weg...

 

Als ich anfangs Juli zurück in Delhi war, wollte ich so rasch als möglich aufbrechen, auch um der grossen Hitze in dieser Jahreszeit zu entkommen. Ausserdem hatte ich Delhi ja schon besichtigt. Es hielt mich also nichts in Delhi. Doch nun kam ein unterwartetes Problem auf mich zu: Das Motorrad wollte einfach nicht anspringen. Nach 3 Monaten Stillstand, gab es keinen Mucks mehr von sich. Ich kontrollierte den Zündfunken, wechselte die Kerzen. Nichts! Also telefonierte ich mit meinem Vertrauensmechaniker in Basel und beriet mich mit ihm. Er gab mir genaue Anleitungen, wie ich die Einspritzdüse ausbauen soll und den Benzinfluss kontrollieren kann. Es schien alles zu funktionieren: Benzinpumpe, Benzinfilter, Einspritzdüse, Leerlaufregler, Kerzen, Funken. Ich, bzw. wir, waren am Ende unseres Lateins. Blieb nur noch eine Option: Das Benzin. Vielleicht war das Benzin in der Zwischenzeit schlecht geworden. Die indische Qualität ist ja nicht über alle Zweifel erhaben. Also Tank absaugen, Benzinfilter vom Restbenzin leeren und neues Benzin reinschütten. Und siehe da: 3 mal „örgeln“ und da erwachte mein Baby zu neuem Leben! Das hätte ich auch einfacher haben können! Ich machte noch einen Ölwechsel und endlich konnte es, fast eine Woche später, endlich losgehen...

 

Ich legte die Strecke Delhi – Amritsar (480 km) in einem Tag zurück! Es gibt eine vierspurige „Autobahn“ mit getrennten Fahrtrichtungen, was eine schnellere Fahrt möglich machte. Auch ist der Belag meistens ganz ok. Abends war ich nudelfertig. Ich ging ins gleiche Hotel, das ich bereits beim ersten Mal wählte. Da wusste ich, was mich erwartete und ich musste nicht lange suchen. Am nächsten Tag stand der Gang zur Zollbehörde an. Mir war mulmig zu Mute. Was würde mich erwarten. Musste ich die Zollgebühren bezahlen oder nicht? Musste ich schmieren? Bekam ich eine Busse? Oder verlangten sie einfach eine unverschämt hohe Gebühr für die Verlängerung? Nun, ich wurde bereits erwartet, da ich mich regelmässig über Email meldete und ihnen meine Startprobleme mitteilte. Das war offenbar taktisch klug gewesen, denn ich wurde sehr freundlich empfangen. Ich wurde sogleich zum einem höheren Beamten geführt, der mir erst mal Tee und Kekse bringen lies. Dann plauderten wir etwas über meine Reise bis er dann einen weiteren Ranghohen Beamten riefen liess, der mich in sein Büro mitnahm. Er hatte bereits ein Dossier mit den Ausdrucken meiner Emails und meine Zollpapieren der Einreise auf dem Tisch liegen. Sein Büro sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen! Wie gesagt, er war etwas Höheres, denn er hatte sein eigenes Büro und eine wichtig ausschauende Uniform an. Auf dem Weg zu seinem Büro, kamen wir durch Gänge, in denen sich  Dokumente meterhoch stapelten! Ich übertreibe nicht, fast bis zur Decke reichten all die Papiere. Alles unsortiert und unbeschriftet. Ich frage mich, wie man da noch was finden kann! Es sah aus, wie in einem Keller, das als Archiv gebraucht wird. Alles sehr unordentlich und schmutzig. Für unsereins einfach unvorstellbar, wie man da arbeiten kann. Zu gerne hätte ich davon ein Foto gemacht, was natürlich nicht erlaubt war. Sein Büro selbst war etwa 8 m2 gross, also winzig. Es war dunkel und schmuddelig. Kein Tageslicht. Ein uralter, kleiner Bürotisch, 2 wacklige Stühle ein mit Papieren überfülltes Metallgestell, wie man sie in Werkstätten sieht, waren das ganze Mobiliar. Es war heiss und stickig. Als Abkühlung diente ein alter Ventilator, der auf einem Stuhl auf der anderen Seite des Ganges, genau gegenüber des Büros,  aufgestellt war und durch die offene Türe blies!

Auf dem Tisch stand ein Computer mit altem Röhrenbildschirm. Es fiel auf, was für Monsterbildschirme das doch waren. Er setzte mich an den Computer und hiess mich, einen Brief zu schreiben. Ich sollte nochmals erklären, warum ich das Motorrad länger als 6 Monate im Lande liess und warum ich eine Verlängerung brauche. Alles lief sehr freundlich ab. Er zeigte mir in den Zollvorschriften die Artikel, die die Dauer der Bewilligung für ausländische Fahrzeuge beschrieben und auch die genauen Gründe, die eine Verlängerung rechtfertigten. Da gibt es nur 3 Gründe: 1. Bei schwerer Krankheit oder Tod des Ausländers und 2. bei Unfällen und Pannen, die einen verlängerten Aufenthalt nötig machen sowie 3. wenn man das Fahrzeug  benötigt, um Sehenswürdigkeiten im Land anzuschauen! Das ist ein besonders lustiger Artikel, denn das bedeutet, dass ein Tourist mit eigenem Fahrzeug eigentlich immer eine Verlängerung bekommt.

 

Ich habe mir den originalen Gesetzestext geben lassen.

 

So steht’s exakt im Gesetz. Artikel 3 lautet:

 

»3.    It has also been decided that the commissioner shall exercise the powers

 in the following situations :

 

(a)          Prolonged illness/ death of the tourist or close relative reJ1dering the

tourist unable to re-export the vehicle;

(b) Damage / accident to vehicle necessitating repairs; and

(c)          Requirement of vehicle for visiting historical/tourist interest places »

 

Ok, das machte es einfach für mich, eine Verlängerung zu erhalten. Nachdem der Brief ausgedruckt war und in meinem Dossier eingefügt war, gingen wir zusammen zurück zum noch höheren Beamten, der mich dann anwies, in der Vorhalle Platz zu nehmen. Sie erwarten in der nächsten Stunde den Distriktsvorsteher höchstpersönlich und er würde sich mein Fall anschauen und dann entscheiden. Tatsächlich, 45 Min. später entstand eine Hektik und Nervosität unter den Angestellten. Dann kam eine Wagenkolonne herangebraust. Aus einer schwarzen Limousine mit Fähnchen auf den Kotflügeln, einem Staatspräsidenten gleich, stieg dann der höchste Boss aus. Ich wurde ihm kurz vorgestellt. Er schüttelte mir die Hand und verschwand flugs in seinem Büro. Alle Angestellten standen stramm. Es sah aus, wie beim Militär. Ich wartete weitere 30 Min. und der höhere Angestellte, der sich um mich kümmerte, drückte mir das Originaldossier (!) in die Hand und sagte, dass nun, nachdem der Boss sein ok gegeben hatte, das Dossier normalerweise mit der Post nach Amritsar (etwa 35 km von der Grenze entfernt) gesendet würde. Aber da ich ja mit dem Motorrad hier sei, könne ich es ja gleich selber zum Zollhauptquartier bringen. Damit würde ich einen Tag einsparen. Er erklärte mir, wo sich das Gebäude befindet und zu wem ich das Dossier bringen solle. Der würde mir dann die Bewilligung ausstellen und übergeben. Wow, der erste Teil ging eigentlich schnell und freundlich über die Bühne. Mit etwas Glück sollte ich am nächsten Tag die Bewilligung in Händen halten. Sofort brauste ich los und fand das grosse Gebäude relativ einfach, denn jeder in der Stadt kennt es, da nicht nur der Zoll darin untergebracht ist, sondern auch die Steuerbehörde. Auch fand ich die Anlaufperson schnell. Und wieder wurde ich sehr freundlich mit Tee und Keksen empfangen. Der zuständige Mann studierte kurz das Dossier und erklärte mir, dass er den Brief (also die Bewilligung) bis morgen früh geschrieben hätte. Der deputy commissionar, also der oberste Boss, den ich gerade kennengelernt hatte, werde morgen in seinem Büro erwartet und werde den Brief dann unterschreiben. Ich solle doch bitte morgen Nachmittag um 16 Uhr wieder kommen. Es war Donnerstag, morgen Freitag und ich fürchtete, dass es möglicherweise aus irgendeinem dummen Grund dem DC (deputy commissionar) nicht möglich sein werde, morgen im Büro zu sein. Dann würde ich das ganze Wochenende in Amritsar verbringen und auf Montag warten müssen. Ich betete, dass nichts dazwischen kommen möge. Es lief alles irgendwie zu geschmiert und irgendwas muss doch sicher noch dazwischenkommen. Wir sind ja schliesslich in Indien und da läuft praktisch nichts wie geplant oder erhofft.

 

Ich erscheine also am nächsten Tag um 16 Uhr und natürlich ist mein Ansprechpartner nicht im Büro. Ich solle warten, hiess es. Immerhin wird mir wieder einen Tee serviert. Ich denke mir, dass die bestimmt um 17 Uhr alles hinschmeissen und mein worst-case-Szenario würde Wirklichkeit werden. Wie länger ich warten musste, desto nervöser wurde ich. Endlich, kurz vor 17 Uhr erschien der Mann, die Mappe in seiner Hand. Er erklärte mir, der Brief sei noch nicht unterzeichnet, aber der DC werde noch erwartet. Er werde es ihm sofort unter die Nase halten. Also doch... er wird nicht klappen, dachte ich mir. Doch tatsächlich, ich sitze im langen Gang und nippe an meinem dritten Tee, kommt der Mann vorbei. Er erkennt mich auch sogleich und schüttelt mir die Hand. 5 Minuten später erscheint der Angestellte wieder und bittet mich in sein Büro. Stolz überreicht er mir den Brief, der die bewilligte Verlängerung bis zum Ablauf meines Carnets bestätigt. Es hat also doch noch geklappt. Eine Sache noch. Bis jetzt wurde kein Wort über Geld geredet. Da muss sicher noch was kommen, denke ich. Den grossen Hammerschlag erwartend, frage ich etwas nervös nach, was nun mit den geforderten Zollgebühren geschehe. Die sind ja in der Buchhaltung als ausstehend gebucht. Ohhh, meinte der nette Herr, ich solle mir keine Sorgen machen. Das werde nun wieder ausstorniert. Phuhhh, ich atme laut aus und bin äusserst zufrieden mit der Antwort. Ich frage nun nicht mehr weiter nach Gebühren oder so nach, sondern packe schnell meine Sachen zusammen, verabschiede mich und verschwinde ganz schnell. Auf dem Weg nach draussen, spricht mich ein älterer Herr in auffallend gutem Englisch an. Er habe mein grosses Motorrad im Hof gesehen und ganz offensichtlich muss ich der Besitzer sein. Er fragt mich ein wenig über meine Reise aus und bittet mich dann in sein Büro. Ich bin überrascht. Er hat ein sehr grosses und bequem ausgestattetes Büro. Offensichtlich ist er etwas Höheres. Nach einiger Plauderei über meine Reise, meinen Erfahrungen und Eindrücken von Indien, einem obligaten Tee und meiner Geschichte über die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung für mein Bike, erklärt er mir zu meiner grossen Überraschung, dass er der Hausjurist und somit u.a. der Verfasser des Gesetzes über die Einfuhr und Behandlung von ausländischen Fahrzeugen sei! Ich war baff! Nachdem ich mich erholt hatte, dankte ich ihm, dass er den Artikel 3, Absatz c, der die Gründe für die Verlängerung der Bewilligung umschrieb, so grosszügig ausgelegt habe. Er lachte und meinte, dass er stolz auf sein Land sei und glücklich darüber, wenn ein ausländischer Tourist mehr Zeit wünschte, um noch mehr von seinem Land anzuschauen. Ausserdem brächten die Touristen ja auch viel Geld ins Land, was auch nicht ausser Acht gelassen werden dürfe! Deshalb spräche nicht viel dagegen, Steine in den Weg zu legen. Wie schön, irgendwie romantisch, aber auch pragmatisch. Auf jeden Fall klug. Ich bat ihn noch, mir doch diesen Teil des Gesetzes per Mail zuzustellen, damit ich andere Reisende fundiert orientieren könne. Er würde das sehr gerne machen (3 Wochen später erhielt ich tatsächlich das Mail mit entsprechendem Anhang). Wir verabschiedeten uns herzlich und ich fuhr zurück zum Hotel, glücklich, morgen das nächste Indienkapitel aufschlagen zu können. Ich konnte es kaum glauben. Ich entkam der indischen Bürokratie innert 2 Tagen, bekam was ich wollte und es kostete mich keine Rupie. Es geschehen noch Wunder...!

 

 

Auf nach Kaschmir

 

Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg. Ich entschied mich, auf meinem Weg nach Kaschmir, noch einen Abstecher nach Dharamsala zu machen. Dharamsala ist Ort, wo der Dalai Lama seinen Amtsitz hat. Interessant ist vorallem das ca. 5 km darüber gelegene McLeod Ganj. Gemäss Lonely Planet wunderschön in den Vorbergen eingebettet, ruhig und gemütlich. Viele Rucksack-Touristen gehen dort hin um abzuhängen. Das tönt voll gemütlich und spricht mich an. Ein „Goa“ in den Bergen quasi. Doch ich habe Pech. Es ist Monsunzeit und regnet in Strömen. Als ich in Amritsar losfuhr, was das Wetter noch schön gewesen, doch während der Fahrt wurde es immer dunkler und es begann fürchterlich zu regnen an. Ich musste Zuflucht suchen, denn ich konnte nichts mehr erkennen. Ein kleiner Bauernhof rettete mich. Ich stellte mich unter den Durchgang. Schon bald erschienen zwei junge Burschen in den 20igern und stellten sich als die Söhne des Bauernhofes vor. Sie wiesen mich in ein Zimmer und servierten mir Tee und Kekse. Wir unterhielten uns so gut es ging, denn ihr Englisch war dürftig. Bald kamen auch der Vater, die Mutter und eine Cousine dazu, um den Fremden zu begutachten. Nach ca. 2 Std. liess der Regen etwas nach und ich entschied mich, weiterzufahren. Unterwegs merke ich, dass meine Hupe nicht mehr funktioniert. Das ist der absolute Notfall in Indien! Das hat mir gerade noch gefehlt! Ich hoffe, dass ich sie in McLeod Ganj reparieren lassen kann. Noch vor Sonnenuntergang kam ich dann in McLeod Ganj an. Ich erkannte nicht viel vom Ort, denn es war im Nebel eingehüllt und es regnete immer noch. Ich suchte mir ein Hotel mit Parkmöglichkeit und zog mich erst mal unter eine warme Dusche zurück. Ich hoffte auf besseres Wetter am nächsten Tag. Doch es regnete immer weiter, ohne Unterlass. So ein Mist, von Aussicht keine Spur und das Wetter war so garstig, dass ich keine Lust verspürte, das Hotel zu verlassen. Trotzdem zog ich mir meine Regenklamotten an und spazierte etwas durch das Dorf. Es war richtig klein. Der Dorfkern beinhaltet nur zwei kleine Gassen mit einem kleinen Platz am Ende. Wie ein U. Entlang der zwei Gassen einige einfache Gasthäuser, ein paar Restaurants, kleine Läden und Wohnhäuser. Irgendwie süss und gemütlich, das Dörfchen. Die Hauptstrasse führt noch etwas weiter zu einem nächsten kleinen Dorf. Ein gemütlicher Spaziergang von ca. 3 km und wieder zurück. Von Aussicht immer noch nichts zu sehen. Nur Nebel und Nieselregen. Sehr garstig. Doch am nächsten Tag bessert sich das Wetter markant. Es scheint zwischendurch sogar die Sonne. Endlich hebt sich der Schleier und ich sehe runter ins Tal. Das Dorf liegt tatsächlich sehr schön im Grünen. Ich mache denselben Spaziergang nochmals und erkenne, dass das Dorf an das Ende eines Talkessels gebaut wurde. Somit sieht man von einem Hang zum Gegenüberliegenden. Und nun sieht man auch, dass vom Dorfkern ausgehend, viele vereinzelte Häuser in die steilen Hänge gebaut wurden. Ein schönes Bild. Ich möchte noch den Tempel und den Wohnsitz des Dalai Lama sehen, denn in erster Linie bin ich ja deswegen gekommen. Doch der Tempel erweist ist als enttäuschend nüchtern. Ein Betonbau ohne viel Schnörkel oder Verzierungen. Nachdem ich die Sicherheitsschleuse (wie bei einem Flughafen) passiert, meine Schuhe und sogar mein Feuerzeug abgeben hatte, gelangte ich das Hofareal des Tempels. Überall betende Menschen. Doch auch im Inneren zeigt sich ein nüchternes Bild. Alles aus gelb angestrichenem Beton. Das Schönste ist noch die Aussicht ins Tal. Das Tempelinnere ist dann, wie alle buddhistischen Tempel schön dekoriert und ein grosser Buddha thront am Ende des Raumes. Fotografieren ist im Inneren leider und wie immer nicht erlaubt. Gleich gegenüber dem Tempel steht der Amtssitz und die privaten Räume des Dalai Lama. Von schweren Eisengittern umgeben und von Sicherheitsläuten mit Maschinengewehren beschützt! Na ja, alles sehr emotionslos und nüchtern. Ich bin leise enttäuscht. Habe mir eigentlich viel mehr Prunk vorgestellt. Nun hatte ich gesehen, was ich sehen wollte und entschliesse mich, morgen weiter zu fahren. Doch vorher gilt es noch meine defekte Hupe zu reparieren! Ich finde einen Mechaniker etwas unterhalb vom Dorf, der viele Royal Enfields vor seiner Werkstatt stehen hat. Er schaut sich das kurz an und meint, das Relais, das mir als wasserdicht angepriesen wurde, sei ziemlich sicher defekt. Zum Glück hat er gerade noch ein Relais, das passt, vorrätig. Und so war es tatsächlich. Der starke Regen hatte das Relais zerstört. Nix wasserdicht! Ich war richtig froh darüber, dass die Hupe wieder funktionierte, denn noch nie fühlte ich mich ohne Hupe so unsicher und gefährdet. Nebst der Bremse das wichtigste Teil an einem Fahrzeug in Indien!

 

Am nächsten Morgen fragt mich der Manager meines Hotels, wie es die meisten Manager oder Hotelangestellten tun, wohin es mich als nächstes zieht. Ich erkläre ihm, dass ich nun nach Srinagar wolle. Oh, das sei ja wunderbar, denn sein Bruder führe in einem Seitental, kurz vor Srinagar, ein weiteres Hotel der Familie. Es sei ein wunderschöner Ort und ich solle doch unbedingt dahin. Er würde mich vorankündigen, damit ich ein Zimmer auf sicher habe. Er zeigt mir auf der Karte, wo sich der Ort Palagam befindet und ich entschliesse mich, dorthin zu fahren. Von dort sind es nur noch 100 km bis nach Srinagar.

Die Reise dauerte 2 Tage bis ich fast ganz hinten und oben im Tal ankommen sollte. Unterwegs erleide ich einen weiteren Plattfuss, zum ersten Mal im Vorderreifen. Plattfuss Nr. 8! Wieder habe ich Glück und bleibe kurz vor einem der zahlreichen auf Plattfüsse spezialisierten „Werkstätten“ stehen. Die Sache ist schnell behoben und ich erreiche mein Tagesziel noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang.

 

Als ich in das besagte Seitental abbog, viel mir schon sehr bald auf, dass ca. alles 500 Meter zwei Soldaten in Kampfmontur und Maschinengewehren im Anschlag standen. Das zog sich bis hinauf nach Palagam. Oha, denke ich, ich bin nun bereits in Kaschmir und Pakistan ist nahe. Die sind aber richtig nervös, die Inder. Ich fragte mich, ob sich der Kaschmirkonflikt wohl wieder verschärft habe und ob es wirklich eine gute Idee war, mich in dieses sensible Gebiet vorzuwagen. Auch viel mir auf, dass das Tal immer grüner und schöner wurde. Es erinnerte mich mehr und mehr an die Schweiz. Liebliche grüne Hügel, schöne Flüsse, Föhrenwälder und eine erstaunlich gute Strasse. Es machte richtig Spass, die 60 km bis zum Dorf auf der kurzvenreichen Bergstrasse hochzuheizen (ja, heizen, denn selten konnte ich so zügig und mit so wenig Verkehr vorankommen!). Es erwartete mich ein sehr nettes Dorf, ein äusserst gemütliches Hotel aus Holz im Châlet-Stil und ein mich bereits erwartender, sehr freundlicher Gastgeber. Es war eine gute Entscheidung, erst noch nach Palagam zu fahren. Ich erhielt eine total gemütliches Schlafzimmer mit angrenzendem Aufenthaltszimmer. Wow, voll der Luxus! Und das zu einem super Vorzugspreis, da noch keine Hochsaison herrschte. Ich fühlte mich sogleich äusserst wohl und blieb in der Folge gleich 3 Tage. Die nächsten 2 Tage machte ich Tagesausflüge ans Ende des Tales und in ein Seitental, das mich noch mehr an die Schweiz erinnerte. Man hätte echt denken können, in der Schweiz zu sein. Die Lokalbewohner brüsten sich lustigerweise auch damit, dass die Gegend als die Schweiz Indiens bezeichnet werde. Man muss wissen, dass die Schweiz für die Inder so was wie das Paradies bedeutet. Zum einen wurden einige Bollywood-Filme zum Teil in der Schweiz gedreht und deshalb kennen viele Inder den Anblick unserer Berge und Blumenwiesen. Sie finden es wunderschön und träumen davon, eines Tages selbst mal in die Schweiz zu können. Das bleibt für die Meisten leider für immer ein Traum. Zum anderen haben mir einige erzählt, dass sie Bilder der Schweiz entweder im Discovery-Channel oder in Magazinen gesehen hätten. Wie auch immer, ich war erstaunt darüber, wie viele über die Schweiz Bescheid wussten und wie ausnahmslos alle von diesem Land schwärmten. Es ist kein Nachteil, wenn man aus der Schweiz kommt und Indien bereist. Viele Mienen hellten sich sogleich auf, wenn ich sagte, dass ich aus der Schweiz käme...

 

Blieb noch die Frage nach dem vielen Militär zu klären. Ich fragte meinen freundlichen Gastgeber und er erklärte mir, dass oben im Tal eine für Hindus heilige Höhle sei. Zurzeit sei Walfahrtszeit und viele Hindus kämen zu Höhle um zu beten. Die Regierung befürchtet Attentate durch radikale Islamisten, denn Pakistan sei ja nicht weit weg. Wenn diese Zeit vorüber sei, verschwinde das Militär auch wieder. Aha, so ist das...

 

Nach herrlichen 3 Tagen fuhr ich nach Srinagar. Der freundliche Hotelmanager empfahl mir einen Freund, der ein Hausboot hat. Er wolle sowieso selber nach Srinagar gehen und wollte sich mit mir treffen. Er würde mich dann auf’s richtige Boot bringen. Nun, ich machte bisher nur gute Erfahrungen mit ihm und seiner Familie, so dass ich mich darauf einliess. Nach relativ kurzer Fahrt traf ich in Srinagar ein und fand nach kurzer Fragerei den Ort des Treffpunktes. Der Highlight von Srinagar ist der grosse Dahl-See, auf dem ca. 1'400 Hausboote auf Kundschaft warten. Da vor noch nicht langer Zeit der Kaschmir-Konflikt wieder mal ausgebrochen war und sogar Kämpfe im Gange waren, war das Gebiet für Touristen entweder geschlossen oder mit einem gewissen Risiko verbunden gewesen. Deshalb sind bis heute die Auswirkungen zu spüren und die Leute warten auf Touristen. Inder kommen vermehrt wieder, doch Westler sind eher rar. Nicht so schlecht, denke ich, denn so sind die Preise vernünftig und die Stadt nicht von Touristen überschwemmt. So war es auch. Ich habe einige, aber nicht viele Westler gesehen. Vorallem indische und ein paar japanische Touristen. Das Übernachten auf so einem Hausboot war eine tolle und aussergewöhnliche Erfahrung gewesen. Die Boote sind fix verankert. Eigentlich ein schwimmendes Haus. Wenn so ein Hausboot betritt, kommt man erst auf das Vordeck, wie eine Terrasse oder Gartensitzplatz. Danach betritt man den Salon, das Wohnzimmer. Man kann wirklich von Salon sprechen, denn das Zimmer ist grosszügig. Da das Boot ziemlich breit ist, schätzungsweise 5 bis 6 Meter, und vorallem lang ist, ich würde sagen ca. 25 bis 30 Meter, ergeben sich durchwegs grosszügige Räume. Dazu sind sie sehr stilvoll eingerichtet, mit schönen und dicken Teppichen, auf antik gemachten (oder sogar echt Antik?) Möbel und schweren Kronleuchter. Dies ergibt ein edles Bild und man kommt sich überhaupt nicht wie auf einem Boot vor. Ich hatte auf jeden Fall praktisch nie ein solch grosses Zimmer in den Hotels oder Guesthouses. Richtig edel, das Ganze. Zumindest auf meinem Boot, wie die anderen innen aussehen, weiss ich natürlich nicht.

 

Der Bootsinhaber, Abdullah mit Namen und Moslem, hat einen Ziehsohn, den er seit seinem 8. Lebensjahr unter seine Fittiche genommen hatte. Er heisst Rias und ist nun 26. Er ging nie zur Schule und alles, was er weiss, hat er von Abdullah gelernt. Er wurde auch, ganz nach islamischer Tradition von Abdullah arrangiert, verheiratet. Sie haben zwei Kinder. Rias überzeugte mich, etwas länger zu bleiben. Er wolle mir die Highlights von Srinagar zeigen und auch nahegelegene Ausflugsziele. Das sei alles kein Problem, denn ich hätte ja ein tolles Motorrad. Er war ganz scharf, darauf zu fahren. Nicht selber, aber als Sozius. Ich mag ihn und deshalb willigte ich ein. Am  nächsten Tag zeigte er mir alte Mogul-Gärten, die grösste Moschee von Kaschmir und das verwinkelte Stadtzentrum. Wir assen lokale Spezialitäten. Er war total glücklich und sichtlich stolz, auf einem so grossen Motorrad mitzufahren. Entsprechend wurde er auch bestaunt, benieden und darauf angesprochen. Er platzte fast vor Stolz! Am nächsten Tag machten wir einen Ausflug in das 60 km entfernte Skigebiet (im Winter) und Wandergebiet (im Sommer). Eine sehr schöne Gegend. Der Aufstieg der Strasse zum eigentlichen Ski- und Wandergebiet führt auf einer kurvenreichen und guten Strasse durch schöne Föhrenwälder. Es richt wunderbar und erneut ist man an die Schweiz erinnert. Am Ende erreicht man eine Gondelbahn, die auf 3'000 Meter ü.M. führt und entsprechend eine super Aussicht ermöglicht. Ich amüsierte mich sehr, als ich die indischen Touristen sah, die auf Restflecken von Schnee mit gemieteten Schlitten 30 Meter und mit lautem Gekreische runterrutschten! Oder wie sie kleine Schneemänner bauten. Einen Haufen grosser Kinder, die zum ersten Mal Schnee berühren und damit spielen...

 

Rais und ich erlebten zwei ereignisreiche Tage. Ich merkte bald, dass er es sehr genoss, dem Alltag, der vermutlich nicht allzu spannend ist, zu entfliehen und auch mal was Spezielles erlebte. Am Abend schlug er mir vor, mit ihm ein Trekking zu machen. Er wollte noch mehr Zeit mit mir verbringen, das war mir klar. Er beschrieb mir das Ziel, einen See auf 4'500 Meter, in den schönsten Farben und ich liess mich einmal mehr überzeugen. Er war hellbegeistert und machte sich sogleich an das Organisieren. Wir wollten 3 Tage marschieren. Es wollten Verpflegung, Pferde und Hilfspersonen organisiert sein...

 

Am nächsten Morgen ging es für mich um 10 Uhr los. Rias und Abdullah waren schon seit 6 Uhr unterwegs und kauften Lebensmittel ein und organisierten  Gaskocher und- Flasche, Zelt, Decken und alles, was man so braucht. Abdullah fuhr mit seinem Auto und dem Material zum vereinbarten Treffpunkt und Rias und ich auf dem Motorrad. Ein letztes Mal konnte Rias ca. 80 km lang eine Fahrt auf einem grossen Motorrad geniessen. Wir liessen den Töff bei einer befreundeten Familie stehen, ich packte meine Campingausrüstung und was sonst noch so brauchte ein und los ging’s zum Treffpunkt. Zwei Burschen warteten bereits mit 4 (!) Pferden. Drei Packpferde und ein Reitpferd für mich. Das sollte mir später noch sehr entgegenkommen! Um ca. 14 Uhr war alles erledigt und wir zogen los – gleich steil den Berghang hoch. Da ich ein ungeübter und nicht Wanderenthusiast bin, war ich entsprechend schnell müde und ich wechselte dankbar auf’s Pferd. Das gefiel mir schon besser. Ich staunte, was die drei anderen für einen Schritt drauf hatten! Ich kam mir irgendwie doof vor, als einziger auf einem Pferd zu sitzen. So stelle ich mir in früheren Jahrzehnten oder Jahrhunderten die reichen Schnösel vor, die auf Expedition gingen. Also wanderte ich auch so oft es ging und ich Kraft dazu hatte. Bei Sonnenuntergang erreichten wir den ersten Lagerplatz. Die drei zauberten eine herzhafte und gute Malzeit hervor. Später machten wir ein Lagerfeuer und ich genoss eine klare Nacht mit einem unglaublichen Sternenhimmel. Keine einzige Lichtquelle störte den Anblick. Es war überwältigend!

Am nächsten Tag erreichten wir, nachdem wir zwei Pässe überquert hatten endlich den See. Es war zwar kein sehr schöner See, denn auf dieser Höhe wuchs nicht mehr viel als Gras und knorrige Büsche, doch die Landschaft war trotzdem faszinierend. Ein schöner Fluss ergoss sich aus dem See und wir campierten an seinem Ufer. Die Menschen, die wir unterwegs trafen, waren Schafhirten mit ihren Familien. Ein paar vereinzelte Touristen waren auch unterwegs. Am Fluss angelte ein Schafhirte, der meine Begleiter kannte, geschwinde und mit unglaublichem Geschick innert kürzester Zeit 12 Forellen. Ein herrliches Abendmahl war gesichert! Die Höhe machte mir tagsüber zu schaffen und ich konnte nur langsam wandern. Aber ich marschierte und verzichtete ganz auf das Pferd. Ich war stolz auf mich, am Abend aber nudelfertig...

 

Da es am dritten Tag zurück ging und bis auf die 2 Pässe meistens bergab, kamen wir schneller voran und wir schafften es die zwei vorangegangenen Tage in nur Einem zu bewältigen. Allerdings gab dies uns allen den Rest. Auch die geübten 2 Hilfskräfte meinten, es sei jetzt genug. Normalerweise würden sie diesen Treck in 4 oder sogar 5 Tagen machen. Ich war etwas verwundert, denn mir hatte Rais die Wanderung als einen 3-Tagestreck verkauft, was mir eigentlich entgegen kam. Denn ich hatte eigentlich keine Lust auf vieltägiges Wandern. Ich wollte weiter und endlich die schönen, hohen Berge von Kaschmir sehen. Ich brannte auf tolle und abenteuerliche Fahrstrecken. Zu viel hatte ich darüber gelesen und gehört. Und wie näher ich meinen Träumen und Vorstellungen kam, desto mehr zog es mich hin. Ich hatte bereits genug vom Wandern und beharrte auf die 3 Tage. Ausserdem war ich fix- und fertig. Die Knie schmerzten mich und die Muskeln brannten. Ich wollte mich nur noch durchbeissen und das Tal wieder erreichen. Bei Sonnenuntergang kamen wir endlich an. Wir übernachteten bei der befreundeten Familie, wo mein Motorrad stand. Wir bekamen ein typisches Kaschmir-Gericht mit Reis, Gemüse und Hühnerfleisch. Ich fragte mich, was anders sein soll, an diesem „speziellen“ Kaschmir-Gericht. In ganz Indien gab es ständig Reis, Gemüse und Hühnchen... Vermutlich die Gewürze, dachte ich mir. Na ja, es schmeckte gut und wir assen wie die Mähdrescher. Wir bekamen ein Zimmer zugewiesen, das mit vollständig mit dicken Teppichen ausgelegt war. Darauf schlief man, zugedeckt von zahlreichen Decken. Einfach, aber komfortabel. Ich genoss die Gastfreundschaft dieser islamischen Familie in dessen Haus. Es war ein weiteres, interessantes Erlebnis. Am nächsten Morgen, nach einem Frühstück mit Tee, Omelettes und Chapati (eines der zahlreichen verschiedenen, indischen Fladenbrote), verabschiedete ich mich und fuhr los Richtung Ladakh, für mich das Herzstück Kaschmirs. Ladakh ist ein Distrikt von Kaschmir und vorallem buddhistisch dominiert. Der Hauptort ist Leh und dies war mein Ziel...

 

Ladak

 

Die Strasse war überraschen gut. Nun relativ wenige ungeteerte Abschnitte, dafür viel Kilometer nigelnagelneue Strasse. Wow, ich fühlte mich, als würde ich auf einem Teppich fahren, nach all dem Geschüttle vorher. Doch bevor ich auf diese schönen Abschnitte kam, musste ich erst noch den ersten Fahrtag hinter mich bringen. Der erste Tag endete in Kargil. Ein tief moslemisches Städtchen. An den Häuserwänden entdeckte ich sogar Plakate von Ayatollah Khomeini, der eigentlich nichts mit Indien am Hut hat, jedoch für die Moslems ein grosser geistlicher Führer war. Morgens um 4:30 Uhr stand ich im Bett, als plötzlich der Muezzin zum Gebet rufte – der Lautsprecher der Moschee war unweit von meinem Hotelfenster platziert. Ich hatte so langsam aber sicher die Nase voll, von diesen ewig betenden Moslems. Ich dachte eigentlich, nachdem ich mit Pakistan die typischen islamischen Länder verlassen hatte, dass es in Indien etwas ruhiger würde mit diesen ewig rufenden Muezzin. Doch ich täuschte mich, denn es war erstaunlich, wie viele islamische Regionen und Städte es auch in Indien gibt. Und eben, die westliche Hälfte Kaschmirs ist islamisch. Doch nach Kargil sollte es besser werden. Denn sobald ich die Provinz Ladakh erreichen sollte, würde die Bevölkerung zur Hauptsache buddhistisch sein. Und schon bald, nachdem ich Kargil am nächsten Morgen verlassen hatte, sah ich die ersten tibetischen Gebetsfahnen im Winde wehen und die ersten grossen Gebetsmühlen am Strassenrand stehen. Und nun sah ich auch immer mehr Tibeter, die nach dem Einmarsch der Chinesen in Tibet, ein neues Zuhause  in Ladakh gefunden haben. Je östlicher ich fuhr, desto spektakulärer wurde nun die Landschaft. Immer höhere Berge formierten sich vor mir und die ersten Pässe galt es zu überqueren. Doch wie gesagt, genau die Pässe erhielten einen neuen Belag und so war es eine wunderbare Fahrt. Gewundene, kurvenreiche Strasse mit top Belag – das freut das Motorradfahrer Herz! Endlich wieder mal so richtig am Gas schrauben, das war herrlich. Und auf den Pässen eröffnete sich jeweils eine grandiose Aussicht. Zwei der Pässe führten auf über 4'000 m. Ca. 120 km vor Leh, kommt man an einem wunderschönen, buddhistischen Kloster vorbei. Es heisst Lemayuru und ist eines der ältesten und grössten Kloster von Ladakh. In Ladakh heissen die Kloster „Gompa“.

Ich bekam den Tipp meines Freundes René Hilbert, der vor Jahren diese Strecke gefahren war, dass man da im Gästehaus des Klosters übernachten könne. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich hielt also beim Kloster und freundliche Mönche wiesen mir ein Zimmer zu (600 Ruppies = sFr. 10.00). Es war einfach, aber komfortabel. Das Gemeinschaftsbadezimmer war blitzsauber und das Wasser heiss. Tiptop! Im Erdgeschoss wat ein Restaurant indem sie ausgezeichnetes Essen servierten. Hier ass ich meine ersten Momos, einer tibetischen Spezialität. Das sind Teigtaschen, die mit entweder Gemüse oder mit Fleisch gefüllt werden und danach entweder im Dampf gegart oder im Öl frittiert werden. Herrlich. Ich sollte mich später in Nepal fast ausschliesslich von Momos ernähren (etwas übertrieben gesagt)! Ich begann diese Dinger zu lieben. Eine Portion umfasst 10 Stk. und ergeben hervorragende und nahrhafte Snacks...

 

Da es noch relativ früh am Nachmittag war, hatte ich Zeit das wirklich sehr schöne Kloster zu besichtigen. Ein sehr freundlicher Mönch führte mich herum und erklärte mir manches. Hier noch ein Bild vom Koster:

 

 

 

 

Weitergehende Informationen über dieses Kloster gibt es unter folgendem Link:

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Lamayuru_Monastery

 

(mit Maus darüber fahren, CTRL gedrückt halten und Linksklick mit der Maus)

 

 

Am nächsten Morgen ging es weiter. Ich wusste von René, dass auf dem Weg, kurz vor Leh ein weiteres, wichtiges Kloster lag, das Kloster Alchi. Dieses Kloster ist vermutlich das älteste und war einst das bedeutendste religiöse und kulturelle Zentrum von Ladakh. Es wurde im 11. Jahrhundert gegründet und gehört heute zum UNESCO Weltkulturerbe.

 

 

 

Weitergehenden Info’s (auch zu weiteren Klöster, die ich ebenfalls besucht habe) unter

 

http://www.astrid-padberg.de/deutsch/reise/laenderinfos/ladakh/kloester.php

 

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Am späteren Nachmittag erreichte ich Leh. Endlich... schon so viel habe ich darüber gehört und gelesen – und war ich selbst da. Mit breitem Grinsen im Gesicht fuhr ich in die Stadt ein und wühlte mich durch den Verkehr in die Touristenzone, wo es am meisten Herbergen und Hotels gab. Es fiel mir sofort auf, dass sehr viele Gesichter tibetisch aussahen. Ich fühlte mich keineswegs in Indien zu sein. Kein Wunder wird Lakakh auch Kleintibet zu sein. Die Grenze ist übrigens auch nicht sehr weit davon entfernt. Leh ist wunderbar in der Bergwelt eingebettet, selbst auf 3'500 m gelegen. Die 3 höchsten und befahrbaren Pässe der Welt befinden sich in unmittelbarer Umgebung. Da die Grenze zu Pakistan sehr nahe ist und die Gegend deshalb als sehr sensibel gilt, muss man eine Bewilligung einholen, um an gewisse Orte zu gelangen. Da wäre zum einen das Nubra-Valley das man nach Überquerung des höchsten, befahrbaren  Passes – der Kardung La - der Welt erreicht und der Pagong See, den man nach Überquerung des dritthöchsten Passes der Welt – der Chang La - erreicht. Beides Ziele, die ich unbedingt sehen wollte. Also besorgte ich mir am drauffolgenden Tag das benötigte permit. Nach Abwarten von zwei sehr regnerischen Tagen, fuhr ich am vierten Tag Richtung Nubra Valley los. Anfangs eine sehr schöne Teerstrasse, später eine immer übler werdenden Stein- und Schlamm-Piste werdend, schraubte sich die Strasse immer weiter den Berghang hinauf. Die Aussicht wurde immer spektakulärer, aber es wurde auch immer kälter. Auf dem Pass herrschten noch 7 Grad! Aber es regnete nicht, das Wetter war sogar recht sonnig. Ein herrlicher Tag und eine super Fahrt, denn ich liess fast mein ganzes Gepäck im Hotel. Ich wollte in 3 Tagen zurück sein. So machte es richtig Spass, mit dem leichten Motorrad die Strasse hochzupflügen. Gemäss Karte soll der Pass 5'606 Meter hoch sein. Mein GPS zeigte mir jedoch „nur“ 5'380 Meter an. Na ja, ist immer noch verdammt hoch. Das Atmen geht recht schwer, vorallem wenn man noch die Stufen zum buddhistischen Tempel, der auf dem Pass thront, erklimmen will. Ich schlürfe einen Tee und esse eine Fertigsuppe. Sie heisst Maggi! Ohne Witz, Maggi, unsere ureigene schweizer Fertigsuppe, ist hier der Begriff für die Fertigsuppe. Man verlangt ein Maggi und alle wissen, was gemeint ist. Lustig... Als ich fertig bin und zurück zum Motorrad schlendere, das wie immer von neugierigen Indern umzingelt ist, lerne ich Peter und Leni, ein deutsches Päärchen, kennen. Sie haben in Leh eine Royal Enfield gemietet und wollen ebenfalls das Nubra Valley erkunden. Wir beschliessen, zusammen zu fahren. Der Fahrt auf der anderen Seite hinunter ins Tal zieht sich ewig und ist wunderschön. Die Strasse ist zwar steinig und erdig, aber in recht gutem Zustand. Trotzdem muss man sehr aufpassen nicht auszurutschen, denn gesichert ist nichts. Es geht einfach den Hang runter und fertig ist. Immer wieder hat es Hangrutsche, die von Baggern weggeräumt wurden, doch in diesen Passagen ist es schlammig, da es immer wieder regnet. Da gibt es noch die  Inder, die immer und überall eine Gefahr darstellen. Allerdings muss ich zugeben, dass die Meisten von den Bergen und der Strasse beeindruckt sind und für einmal langsam und vorsichtig fahren. Aber man weiss bei denen ja nie... also immer auf der Hut sein!

 

Unten im Tal angekommen, zweigt sich die Strasse. Das Tal ist zweigeteilt. Wir entschliessen uns, erst mal die linke Seite unter die Räder zu nehmen und nach Turtuk zu fahren. Den Touristen ist es erst seit letztem Jahr erlaubt, bis dorthin zu fahren, ist es doch lediglich 15 km von der pakistanischen Grenze entfernt. Es ist der nördlichste Punkt Indiens, der für Touristen erreichbar ist. Somit war ich am südlichsten (Kanyakumari) und am nördlichsten Punkt Indiens!

 

Eine wunderschöne und abwechlsungsreiche Fahrt führte uns über weitere Ebenen und dann wieder durch Schluchten. Ein wilder Fluss war unser stetiger Begleiter, denn die Naturstrasse führte meistens dem Fluss entlang. Nach ca. 80 km erreichten wir Turtuk, eine islamischen Dorf. Es ist sehr klein und hat meines Wissens nur eine einzige Herberge. Die anderen Übernachtungsmöglichkeiten sind in privaten Häusern (so genannte home stays) und zwei oder drei Plätze mit fixen Zelten. Wir übernachteten in der Herberge, die wir nur zu Fuss erreichen konnten. Die Motorräder mussten auf der Strasse belassen werden, denn das Dorf hat keine Strassen, lediglich enge Gassen. Wir wurden sehr herzlich empfangen, wie es eigentlich in islamischen Gebieten immer üblich ist. Wir mussten durch das halbe Dorf laufen und die Menschen, sogar die Frauen (!) begrüssten uns sehr freundlich und mit einem Lächeln. Das Dorf ist ja erst seit letztem Jahr für Ausländer geöffnet und somit sind die Leute noch nicht verdorben. Im Gegenteil, sie freuen sich sehr, wenn sie Besuch erhalten. Viele Touristen fahren einfach mal über den Pass und am gleichen Tag wieder zurück. Und wenn dann mal grosse Motorräder einfahren, ist das für die Männer und Kinder immer was sehr spezielles. Man bekochte uns ausgezeichnet und am nächsten Morgen führten sie uns ganz Stolz im Dorf herum. Eine kleine aber sehr schmucke Moschee ist ihr ganzer Stolz. Es wurde uns erlaubt hinein zu gehen und sogar Fotos zu schiessen. Alles wurde uns, so gut es sprachlich eben ging, erklärt. In der der Dorfschule, wo ich Kinder und Jugendliche aller Altersklassen sah, durften oder mussten wir sogar mithelfen, die Englischarbeiten der Schüler zu korrigieren! Der Unterricht fand an diesem sonnigen Tag auf dem Pausenplatz statt und als uns die Kinder sahen, sprangen sie umgehend zu uns und umringten uns mit ihren Schreibheften. Der Lehrer lachte nur und nickte uns zu, dass es in Ordnung sei. Also korrigierten wir eine Weile ihre Englischübungen. Das war echt lustig!

 

Doch wir mussten wieder losfahren, denn wir wollten die zweite Nacht im anderen Seitental verbringen.

 

Das sehr spezielle am Nubra Valley ist, dass es einen Abschnitt mit richtigen Sanddünen gibt. Und in diesen Sanddünen werden Ritte auf Kamelen angeboten! Richtige Kamele, die mit zwei Höckern. Irgendwie passt das überhaupt nicht in diese Bergwelt. Wir hielten an und machten Fotos, aber keine Ritte. Da es an diesem Tag heftig windete, kam wir sogar in einen richtigen Sandsturm – und das auf 2'500 Meter!

 

Von der Abzweigung am Ende des Tales, wo die beiden Täler zusammenkommen, durften wir Touristen ca. 60 km bis nach Panamik fahren, wo es Heisswasserquellen gibt. Dieser Teil des Tales war nicht mehr so spektakulär. Einerseits weil es eine Teerstrasse gibt und anderseits, weil das Tal auf dieser Seite viel breiter ist. Wir fanden ein sehr nettes und neues Guesthouse. Die Besitzer hier sind wieder Buddhisten und ebenso freundlich wie in Turtuk. Nach einem ausgezeichneten Abendmahl fielen wir bald danach todmüde ins Bett. Am nächsten Tag ging’s wieder zurück nach Leh, wiederum über den Kardong La. Zu unserem Erstaunen ist die Schneegrenze gefallen, denn die Passhöhe ist weiss gepudert. Oh je, dachte ich, nur keine Fahrt durch Schnee. Die Strasse ist jedoch schneefrei, nur links und rechts davon ist es weiss geworden. Nicht dicht, aber trotzdem, denn die Temperaturen waren noch mal ein paar Grad gefallen. Ich bin ein weiteres Mal froh, eine Griffheizung zu haben. Peter und Inge wärmen auf der Passhöhe ihre Finger an meinen Lenkerenden... In Leh stand die Quecksilbersäule dann auf immerhin 17 Grad. Es war ein wunderbarer 3-Tages-Trip und ich freute mich bereits auf die Fahrt an den Pagong-See, den ich nach einem Tag Pause in Angriff nehmen wollte...

 

Die Anfahrt zum See dauert den ganzen Tag. Es ist wiederum eine sensationell schöne Fahrt über den Chang La-Pass, dem mit 5'290 Meter dritthöchsten befahrbaren Pass der Welt. Die Strasse ist überraschen gut, noch besser als über den Kardong La-Pass. Auf der anderes Seite geht es wiederum durch spektakuläre Täler, entlang saftigen Wiesen, auf denen Yaks, Büffel, Ziegen und... Murmeltiere weiden.

 

Gegen Abend, es dunkelt bereits ein, erreiche die letzte, kleine Siedlung, die für Touristen erlaubt ist, anzufahren. Siedlung ist bereits ein grosses Wort, denn es handelt sich lediglich um ganz wenige, sehr einfache Steinhäuser und ein paar fixe Zelte, die man mieten kann. Die Grenze zu Tibet ist nur noch ca. 50 km entfernt. Man sieht die tibetischen Berge am Horizont ganz deutlich. Der See liegt auf 4'500 Meter und ist ca. 180 km lang. Davon liegt ein Drittel in Indien und zwei Drittel in Tibet. Die Landschaft sieht ziemlich karg aus, logisch, auf dieser Höhe. Es wächst praktisch nichts. Trotzdem ist die Gegend sehr schön. Majestätisch liegt der See da, umringt von Bergen. Sobald die Sonne untergegangen ist, wird es schweinekalt. Ich ziehe alles an, das ich mitgenommen habe. Ich bekomme ein Zimmerchen in einem der Steinhäuser. Sehr spartanisch. Gemeinschafts-WC mit Wasser aus einer Tonne. Die Besitzer haben gleich neben dem Häuschen, das 5 Zimmer aufweist, aus alten Armeefallschirmen ein kleines Restaurant gebastelt. Ein Zelt beherbergt die Küche, im anderen stehen ein paar Tische und Stühle. Alles sehr, sehr einfach. Aber das Essen ist einfach, aber lecker. Die Frau, die Tibeterin ist, ist sehr herzlich und lacht viel. Sie kocht mir und den anderen Touristen Reis mit Gemüse, dazu ein paar Chapatis, das indische Fladenbrot. Und selbstverständlich darf der allgegenwärtige Tee nicht fehlen.

 

Zu meiner grossen Überraschung, spricht mich vor dem Essen ein Paar mit „he lueg emool do, e Baaaasler“ an! Es ist ein Zürcher/Berner-Päärchen, das ebenfalls in der Nähe übernachtet und sich gerade auf einem Spaziergang zum See runter befand. Sie sahen mein Motorrad mit dem Basler Nummerschild. Der Zufall wollte es, dass er beruflich mit Motorrädern zu tun hatte und meinen Motorrad-Händler und auch zwei von meinen Freunden, die ebenfalls mit Motorrädern und –Zubehör zu tun haben, kennt. Die Welt ist wirklich ein Dorf! Wir verbringen einen lustigen Abend zusammen und tauschen Räubergeschichten aus...

 

Am nächsten Morgen will mein Motorrad nicht anspringen. Ich habe schon vorher gemerkt, dass für ihn die Luft über 3'500 Meter zu dünn ist. Es ist mir schon vorher passiert. Sogar in Leh, das genau auf 3'500 Meter liegt. Ohne Anschieben habe ich keine Chance, das Motorrad zum Laufen zu bekommen. Zum Glück hat es noch andere Touristen vor Ort, die mir helfen. Mit Anschieben ist es kein Problem mehr. Ohne zu Murren springt es nun an. Ich bedanke mich herzlich und los geht die schöne Fahrt zurück nach Leh. Ich habe Glück, es ist ein sonniger Tag und deshalb warm. Auf der Rückfahrt komme ich wieder am buddhistischen Kloster, dem Gompa  in Tikse vorbei. Das wollte ich mir diesmal auf der Rückfahrt noch anschauen. Es ist ein weiteres sehr schönes und beeindruckendes Kloster. Hier ein Bild:

 

 

Bild aus Wikipedia: Hier der Link für e wenig mehr Infos:

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Tikse

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Nach ein paar weiteren gemütlichen Tagen, die ich mit Peter und Inge verbracht habe, machte ich mich daran, die berühmte der sogenannte Manali-Leh-„Highway“ unter die Räder zu nehmen. Es ist eine der spektakulärsten Routen dieser Welt, führt sie doch über mehrere höchste, mit Motorfahrzeugen befahrbare Pässe der Welt.  Ich wusste, dass es stellenweise schwierig werden würde, denn es handelt sich um eine Naturstrasse, die während der immer noch andauernden Monsunzeit schwer gelitten hatte. Ich fragte Bus- und Taxifahrer aus, die von Manali nach Leh gefahren sind. Zum Beispiel wusste ich, dass der Rotang La-Pass, der kurz vor Manali zu überqueren ist, total verschlammt und in katastrophalem Zustand war. Erst vor wenigen Tagen ist ein Bus mit 20 Passagieren abgestürzt. Alle waren tot. Ein Motorradfahrer aus Holland, der mit seiner Frau eine Royal Enfield in Manali gemietet hatte und damit nach Leh fahren wollte, zerstörte seine Maschine. Er wollte eine tiefe Schlammpassage am äussersten Rand, wo die Erde etwas fester war, umfahren und prompt brach der Rand ab und die Maschine stürzte auf die tiefer liegende Serpentinenstrasse ab. Zum Glück konnte er noch rechtzeitig abspringen, seine Frau war zu Fuss unterwegs. Sie kamen dann doch mit dem Bus nach Leh...

 

Aber der Rotang La-Pass kümmerte mich wenig, denn ich wollte sowieso kurz vor dem Pass links abbiegen und in das Spiti-Valley fahren. Dieses Tal war mein Ziel.

 

Ich wusste, dass die Strasse bis zum Taglang La-Pass, dem zweithöchsten, befahrbaren Pass der Welt, super sein soll. Alles Asphalt. Und so war es auch. Eine wunderbare Fahrt bis zum Gipfel, danach begann die Naturstrasse. Anfangs noch gut, später wurde es sandig, steinig oder leicht schlammig, aber eigentlich immer gut zu meistern. Immer wieder sieht man Hangrutsche, die weggeräumt werden müssen. Das Militär, für die die Strasse in erster Linie gebaut wurde und auch von ihnen unterhalten wird, hat alle Hände voll zu tun. Es kommt einem vor, wie eine Sisyphus-Arbeit, die die armen Kerle machen müssen. Dreimal werde auch ich von  Hangrutschen gestoppt. Kurz vor meiner Vorbeifahrt hat Geröll die Strasse verschüttet und alle müssen auf den Trax warten, der die Brocken wegräumt. Ich muss allerdings nie länger als eine Stunde warten. Die Trax sind überall entlang der Strecke abgestellt und können so in relativ kurzer Zeit am Ort des Geschehens sein. Für einmal ist etwas gut organisiert. Die Strasse ist eben die einzige Verbindung zwischen den 450 km voneinander entfernten Manali und Leh und deshalb sehr wichtig. Vorallem für das Militär, denn für die wurde die Strasse in erster Linie gebaut...

Es ist ein wahrhaftiges Abenteuer, diese höchste Gebirgsstrecke der Welt abzufahren (es soll also doch diese Strecke sein und nicht der Karakorum Highway, wie mir versichert wurde und wie ich auch gelesen hatte). Und wunderschön. Immer wieder geht es über Pässe, durch Schluchten, Täler und Ebenen. Eine traumhaft schöne Bergwelt. Ein absolutes Enduro-Paradies!

 

Hier noch ein Link zum Highway, um noch etwas mehr darüber zu erfahren:

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Manali-Leh-Highway

 

 

Ich wusste, dass ich die Strasse nicht in einem Stück durchfahren konnte. Man sagte mir, dass es unterwegs ein paar Gelegenheiten gibt, wo man zelten kann, bzw. bereits montierte, grosse Zelte vermietet würden. Und tatsächlich, wie vorausgesagt, kam ich gegen Abend des ersten Tages in Pang an. Ich erwartete ein Dorf, doch es war mehr ein kleines Zeltlager für Lastwagenfahrer. Und ein Militärcamp. Aber es gab ein kleines Restaurant, das von Exiltibeterinnen geführt wurde. Ich hatte eigentlich vor, mein eigenes Zelt aufzustellen, aber als ich ein soch vormontiertes Zelt schaute, sah es sehr gemütlich aus. Viel dicke Decken waren ausgebreitet und grosse Kissen lagen bereit. Es konnten etwa 10 Menschen in so einem Zelt schlafen. Man erklärte mir, dass ich der einzige Gast sei und das ganze Zelt für mich haben könne. Da habe ich nicht lange überlegt und habe es genommen. Die Übernachtung kostete 200 Ruppies, etwa 3.50 Franken. Es gesellten sich dann in der Nacht noch 2 Personen dazu. Spätankömmlinge. Nach einer recht guten Malzeit, legte ich mich frühzeitig schlafen. Es war kalt, denn wir befanden uns auf 4’500 Meter ü.M. Doch in meinem Schlafsack und ein paar Decken drüber, war das überhaupt kein Problem...

 

Nach einem weiteren wunderschönen Tag mit aufregender Strasse in spektakulärer Umgebung, kam ich am Spätnachmittag ins letzte Dorf vor der Abzweigung zum Rotang La-Pass, bzw. zum Spiti Valley. Wenn ich nach Manali gewollt hätte, hätte ich es an diesem Tag wohl geschafft. Da ich aber ins Spiti Valley wollte und nicht wusste, wann die nächste Übernachtungsmöglichkeit kam, beschloss ich, in diesem Dorf, Keylong, zu übernachten. Ich wusste von zwei Indern, die mir auf ihrer Royal Enfield entgegen kamen, dass es hier ein kleines, angenehmes Guesthouse geben musste. Ich wollte lieber früh am Morgen das Spiti Valley in Angriff nehmen. Zudem wusste ich ebenso, dass es Wasserdurchquerungen geben wird und dass man diese besser so früh wie möglich am Morgen hinter sich bringt, denn der Wasserstand nähme durch den Tag stetig zu. Ich hörte, dass man am Nachmittag nicht mehr durch käme. Ein weiterer Grund, erst am Morgen weiterzufahren...

 

Wunderschönes Wetter erwartete mich am nächsten Morgen. Ich war voller Vorfreude, denn schon viel Aufregendes hatte ich über das Spiti Valley gehört. Es war für mich ein Erfüllen eines weiteren Traumes. Ich tankte nochmals voll und stach mit einem guten Gefühl in den Tag. Schon bald kam ich an die Abzweigung. Die Strasse war bis dahin sehr gut. Asphaltiert. Die gute Strasse wand sich in Serpentinen den Berg hoch, der ganze Verkehr fuhr Richtung Manali. Ich verpasste die Abzweigung beinahe, so klein und rostig war das Schild. Und die Strasse,  präsentierte sich von der Abzweigung her in jämmerlichem Zustand. Das kann ja heiter werden, dachte ich. Ich war alleine. Niemand fuhr in diese Richtung, auch kam mir vorerst niemand entgegen und ich zweifelte bereits, ob ich auch auf der richtigen Strasse war. Doch mein GPS bestätigte mir die Richtigkeit. Weit und breit keine andere Strasse. Also weiter. Anfangs war die Strasse ja noch recht gut. Schotter, ein wenig Sand und Staub. Nach ein einem Weilchen kam bereits die erste Wasserduchquerung. Nichts Wildes. Ein Bach, der von den hohen Berghängen runterkam und die Strasse überquerte. Mit der Zeit wurde die Strasse immer wilder. Der Schotter wurde immer gröber, teilweise sogar Geröll. Ich musste beginnen zu kämpfen. Aber es machte Spass und ich fühlte mich so richtig abenteuerlich unterwegs zu sein. Und dann kamen die ersten Bachüberquerungen, bei denen ich bereits meinen Mut zusammen nehmen musste. Ich war immer noch alleine. Weit und breit niemanden zu sehen. Eigentlich herrlich und lange vermisst in Indien, aber nun wäre mir schon wohler gewesen, jemanden dabei zu haben. Einfach nicht hinfallen, was das Motto. Denn ich hätte die Maschine nie und nimmer alleine aufstellen können. D.h. ohne Gepäck schon, aber es hätte mir ganz schön gestunken. Also immer schön vorsichtig fahren. Und dann kam DIE Wasserdurchquerung, vor der ich gewarnt wurde. Ein ziemlich reissender Bach, der in einer Kurve der Bergstrasse über die Strasse rauschte. Sah ziemlich tief aus. Ich konnte den Grund nicht richtig erkennen, da dass Wasser ziemlich wild über die Steine schoss. Scheisse, dachte ich. Ziemlich lange stand ich so da und überlegte, ob ich es wagen sollte. Immer noch niemanden zu sehen. Insgeheim hoffte ich, dass entweder jemand von hinten oder entgegen kam. Doch nichts. Und ewig warten wollte ich ja auch nicht, also gab ich mir einen Schups und gab Gas. Jetzt gab es kein zurück mehr, nur noch Gas geben. Ja nicht vom Gas runter. Das Wasser kam bis halber Motorblock, Stiefel im Wasser. Es holperte, das Motorrad sprang hin und her, mein Herz schlug bis zum Hals und endlich erreichte ich die andere Seite. Gut gegangen, uff.... Ich war stolz auf mich. Doch es hätte ins Auge gehen können und wenn es mich da hingeschmissen hätte, wäre das eine mittlere Katastrophe gewesen. Mein Puls war immer noch auf 180. Langsam beruhigte er sich und ein befriedigendes Gefühl machte sich breit in mir...

Die Strasse war eine richtige Herausforderung. Teilweise musste ich ersten Gang und mit den Füssen paddelnd den Weg durch grosses Geröll suchen. Es waren Hangrutsche, die nur schlecht als recht beiseite geräumt waren. Dieser Teil des Tales war der am schwierigsten zu fahren. Immer wieder kleinere Wasserüberquerungen, denn unzählige Bäche kamen überall die Hänge runter und suchten sich ihren Weg über die Strasse. Später holte ich 3 Motorradfahrer ein. Ein Engländer und zwei Israeli. Sie waren auf Royal Enfields unterwegs! Hatte ich mit meiner BMW bereits etwas zu kämpfen, was mussten denn diese zwei für einen Kampf ausfechten? Ich hatte Geländetaugliche Reifen montiert, doch sie hatten ganz gewöhnliche Strassenreifen. Eine fast aussichtlose Sache. Ich hielt an und wir bezeugten uns gegenseitig, dass wir ein wahres Abenteuer zu überstehen hätten! Entsprechend gab einer der Drei auf und verlud gerade seine Maschine auf einen Lastwagen. Er hatte die Schnauze voll, nachdem es ihn mehrmals hingeschmissen hatte. Mit einer Royal Enfield war diese Strasse wahrlich kein Vergnügen. Wir beschlossen, da wir in die gleiche Richtung fuhren, zusammen zu fahren. Später kamen wir zu einem kleinen Lager, wo es auch ein kleines Restaurant gab. Super! Es war sowieso Zeit um zu lunchen.  Dort trafen wir auf eine Gruppe von Israelis, die auch gerade zu Mittag assen. Sie waren Backpackers, die mit einem Jeep unterwegs waren. Als ich am Essen war, traf plötzlich ein VW-Bus mit Zürchernummer ein. Er kam von der Gegenseite. Ich staunte nicht schlecht. Er auch! Er hatte seinen Bus nach Mumbai verschifft und bereiste Indien. Da er von der Gegenseite kam - und durchkam – wusste ich nun, dass ich das Schlimmste Stück hinter mir hatte. Ich konnte ihm für die Weiterfahrt nur viel Glück wünschen, denn ich wusste ja, was auf ihn warten würde. Ausserdem war schon Mittag und das Wasser stieg. Ich warnte ihn und empfahl ihm, hier zu übernachten und erst morgen die Bäche zu überqueren. Aber er wollte weiter. Na dann viel Spass, dachte ich...

 

Die Strasse wurde tatsächlich besser und war eigentlich kein Problem mehr. Über weitere Pässe, die auf über 4'000 M.ü.M. gingen, kitzligen Bergstrassen, die in steile Abhänge gehauen waren und zur Abwechslung durch schöne, weite Täler erreichte ich gegen Abend  das kleine Dorf Losar wo ich in einem sehr bescheidenen Guesthouse übernachtete. Das Dorf war immer noch auf ca. 4’100 Meter und in der Nacht wurde es entsprechend empfindlich kalt.

 

Früh am nächsten Morgen machte ich mich wieder auf den Weg um bis zum Distriktshauptort von Spiti, Kaza, zu kommen, mein heutiges Etappenziel. Ich wusste, dass dies der erste etwas grössere Ort ist und dass ich dort die benötigte Bewilligung erhalten würde, die nötig war, um diesen Teil der Strecke, bzw. des Tales zu durchqueren. Die Strasse führt bis unmittelbar an die tibetische Grenze, bevor sie sich wieder davon entfernt. Das Spiti Valley, bzw. die Strasse führt eigentlich in einem grossen Bogen um eine Bergkette herum und das östlichste Ende liegt an der tibetischen Grenze. Das ist militärisch/politisch sensibles Gebiet und deshalb wollen die Inder wissen, wer da vorbeifährt. Die Bewilligung zu erhalten war kein Problem. Zwei Passfotos, zwei Kopien des Passes/Visums und schon hat man den Wisch. Das Ganze dauerte etwas 20 Minuten.

 

Ich beschloss 2 Tage Halt im auf ca. 3'500 M.ü.M. gelegenen Kaza zu machen und mir in der Umgebung liegende tibetische Klöster anzuschauen. Die Klöster liegen hoch oben in den Bergen und die Fahrt dahin ist recht abenteuerlich, aber kein Problem. Harter Schotter/Erde. Und man hat einmal mehr eine fantastische Aussicht in die Bergwelt. Es ist immer wieder erstaunlich, wo die Mönche ihre Klöster hingebaut hatten. Wenn man bedenkt, dass die Klöster vor hunderten von Jahren in diese raue, unwirtliche Gegend gebaut wurden, dann ruft das einem den grössten Respekt hervor. Es ist nur noch faszinierend...!

 

Im Kloster in Hikkim (4'300 M.ü.M.) lerne ich einen Mönch kennen, der mich im Kloster herum führt. Er kann etwas Englisch und erklärt mir manches. Ich darf ins Heiligste rein und den studierenden Mönchen zuschauen. Leider sind keine Fotos erlaubt, was ich allerdings gut verstehen kann. Alles sieht uralt aus. Die Decken und Wände sind wunderschön bemalt. Ein riesiger Buddha in Goldfarbe steht am Ende des Raumes und überblickt alles. Überall hängen schön verzierte Stoffbahnen von der Decke, Räucherstäbchenduft gibt dem Raum seine typische Duftnote, heilige Utensilien und Opfergaben stehen und liegen an ihren dafür vorgesehen Plätzen. In zwei Reihen, links und rechts des Mittelganges, sitzen die Mönche über ihren Schriften und studieren. Es ist ein magischer Moment und berührt einem zutiefst. Seit Jahrhunderten muss es hier so zu und her gehen. Ich habe das Gefühl, ich schaue in einen uralten Film rein. Oder wie ich eine Zeitreise in eine alte Vergangenheit gemacht hätte...

 

In der Bibliothek des Klosters zeigt mir der Mönch jahrhundertealte Bücher und Manuskripte. Ein wahrer Schatz. Ich staune nur noch und komme mir vor wie in einem Museum. Etwas später lädt er mich zum Teetrinken ein. Es war ein super Erlebnis, einmal tiefer in das Klosterleben reinschauen zu dürfen. Tief beeindruckt verliess ich das Kloster wieder und fuhr die Strasse weiter hoch, bis sie im kleinen Dorf Langza hoch oben in den Bergen auf weit über 4'000 Meter endete. Ich staunte nicht schlecht, dass es dort ein Guesthouse mit Restaurant gab. Dort traf ich.... Schweizer an! Die trifft man doch wirklich überall und an den entlegendsten Winkel  dieser Erde an!

 

Den nächsten Tag beobachtete ich dem Treiben auf dem Markt von  Kaza zu. Da es der grösste Ort auf der Strecke ist, gibt es hier auch recht viele Hotels, Guesthouses  und Restaurants. Und Internet. Ich beschloss einen weiteren Tag anzuhängen. Es gefiel mir hier. Es war ein Sammelbecken von Touristen, die sich von Bergtouren und strapaziösen Jeepfahrten erholten. Und so konnte man hier Info’s austauschen oder einfach wieder mal ein nettes Gespräch führen...

 

Das Spity Valley hört von hier aus bald mal auf und mündet ins Rupa Valley des überaus schönen und spektakulären Kinnauer Distrikts über. Das Rupa Valley wird geprägt von engen Schluchten. Da die Hänge hier sehr steil sind, ist die Strasse  immer wieder von Hangrutschen verschüttet und entsprechend schlecht ist der Zustand. Aber total spannend und wunderschön um mit dem Motorrad hier durchzufahren. Immer wieder halte ich an und staune, mache Fotos und Pausen. Aber ich muss immer auf der Hut sein, denn teilweise ist die Strasse wirklich erbärmlich schlecht und zudem könnte jederzeit Steine runterfallen. Mehrmals sehe ich kleine Gerölllawinen. Nichts Schlimmes, aber es mahnt einem zur Vorsicht und entsprechend beobachte ich auch die Hänge. Zwei, dreimal werde ich sogar von kleinen Steinen getroffen! Aber ich geniesse die Fahrt sehr. Einfach super, dem Fluss entlang auf der Schotterstrasse, die sich immer wieder eng in die Felsen schmiegt und durch enge Schluchten führt, zu fahren. Am Abend, es ist bereits am eindunkeln, erreiche ich Kalpa. Kalpa hat den Status eines Kurortes, ist Reisziel mancher Inder, da es auf etwa 2'500 Meter liegt und deshalb ein sehr angenehmes Klima hat. Entsprechend hat es viele Hotels und Restaurants. Ideal um dort zu übernachten.

 

Die Fahrt durch das Spity- und Rupa Valley neigte sich am nächsten Tag dem Ende zu. Kalpa liegt bereits am fast am Ende des Tales. Die heutige Etappe sah das Erreichen von Shimla vor, das ehemalige Regierungszentrum der Engländer während der heissen Sommermonate. Immer weiter und offener wurde das Tal und plötzlich eröffnete sich mir ein Blick in die weitere Ferne auf Hügel- und Bergketten. Immer noch aufregend, schlängelt sich die Strasse die Berghänge entlang, hoch über dem Fluss, der sich weit unten den Weg durch die Täler und Schluchten frass. Nun näherte ich mich auch immer mehr der Zivilisation, denn nun befand ich mich nicht mehr weit vom Abstieg der Berge runter in das weite, flache Land Indiens. Hier, am Rande der hohen Berge, befinden sich viele Dörfer und Städtchen, die auf angenehmer Höhe um die 2'000 Meter über Meer gebaut wurden. Die Königin unter den Höhenorten ist zweifelsohne Shimla. Die Stadt wurde von den Engländern grossartig in die Berghänge gebaut und heute noch kommt die Stadt „very british“ daher. Viele der Kolonialbauten stehen noch und die heutigen Bewohner pflegen das Image des englischen Höhenkurortes mit Leidenschaft. Tatsächlich zieht einem Shimla in seinen Bann. Im Zentrum, der „Mall street“ stehen hübsch gepflegte, englische Häuser und beherbergen zahllose westliche Firmen wie Toni Hilfiger, Mc Donalds, Gucci, Lacoste oder Swatch. Es ist extrem touristisch. Für manche „honeymooners“, also Päärchen auf Hochzeitsreise, oder Bürger der Mittel- oder Oberklasse ist es „hip“, Ferien in Shimla zu machen. Entsprechend hoch sind die Preise hier. Mit typisch Indien hat hier herzlich wenig zu tun. Ich bleibe 2 Tage, stiefle im Zentrum herum und beobachte die Menschen. Ich geniesse zum letzten Mal die angenehmen Temperaturen bevor es wieder runter geht in die weite Ebene und Hitze.

 

Ich bereite mich geistig darauf vor, wieder in das typisch indische Gewusel, Verkehrchaos und Hitze einzutauchen, als es 2 Tage später wieder weiterging. Wie weiter ich den Berg herunterfuhr, desto mehr stiegen die Temperaturen wieder an. Meine Etappe führte mich nach heute Chandigarh, die Stadt die vom Schweizer Architekten Le Corbusier auf dem Reisbrett entworfen wurde. Ich will mich hier nicht mit den Details dieser sehr aussergewöhnlichen Stadt befassen, aber wen es interessiert, hier gibt es die Info’s dazu:

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Chandigarh

 

Was mich in dieser Stadt vorallem interessierte, war der sogenannte „Rock Garden“. Es ist eine Sehenswürdigkeit der besonderen Art. Auf ca. 10 Hektar gestaltet seit Mitte der 60er Jahre der Künstler Nek Chand eine Art Gegenwelt zur modernen Planstadt von Le Corbusier. Es ist ein Gartenkunstprojekt, wobei der Künstler die skurrilsten Skulpturen aus Zivilisationsabfällen kreiert. Den ganzen Tag kann man auf vorgegebene Wege durch Steinschluchten, Plätze, Höhlen, vorbei an Wasserfällen und immer wieder an skurrilen Skulpturen vorbeiflanieren. Ein lustiges Erlebnis und Spass für Gross und Klein. Wirklich was total Aussergewöhnliches. Wer tatsächlich mal nach Chandigarh kommt, sollte den Besuch dieses Parks unbedingt einplanen.

 

Chandigarh war für mich das zweitletzte Ziel meiner Indienreise. Nun galt es nach Varanasi zu kommen – das letzte Highlight bevor es rauf nach Nepal gehen sollte. Es lagen etwa 1'000 km vor mir. Da ich mittlerweile etwas Indienmüde geworden war, wollte ich nur noch so schnell wie möglich nach Varanasi kommen. Ich suchte mir die schnellste Strecke auf der Karte aus und gab Gas. In drei Tagen wollte ich in Varanasi sein und entsprechend musste ich Gas geben, denn über 300 km an einem Tag ist in Indien eine hohe Herausforderung. Und tatsächlich, der Verkehr wurde immer dichter, wie weiter ich nach Osten in den Bundesstaat Uttar Pradesh kam. Kunststück, ist doch Uttar Pradesh zwar nur der fünftgrösste Bundesstaat, jedoch der mit am Abstand bevölkerungsreichste. Über 200 Millionen Menschen auf ca. 230'000 km2, was einen Schnitt von 828 Einwohner pro Quadratkilometer macht. Wäre Uttar Pradesh ein selbstständiger Staat, würde er in der Liste der Länder mit der größten Einwohnerzahl knapp hinter Brasilien an sechster Stelle kommen! (Zahlen aus Wikipedia). Entsprechend war der Verkehr die Hölle. Zum Ende meiner Indienreise bekam ich noch mal eine geballte Breitseite des ganzen indischen Chaos vor die Räder geschmissen! Es war zum Teil die Hölle! Einmal mehr konnte ich es nicht glauben, was da alles auf der Strasse abging. Ich musste höllisch aufpassen, damit ich zum Ende nicht doch noch einen Unfall hatte. Wieder und wieder musste ich Geisterfahrer ausweichen, Vollbremsungen machen und die Strasse fluchtartig verlassen. Es ist einfach der nackte Wahnsinn! Ich hatte von Indien langsam wirklich die Nase voll. Doch Varanasi musste noch sein. Erstens ist die Stadt eine der ältesten Städte Indiens und gilt als heiligste Stadt des Hinduismus. Sie hat 1,2 Millionen Einwohner.

Zitat aus Wikipedia:

 „Varanasi gilt als Stadt des Gottes Shiva Vishwanat ("Oberster Herr der Welt") und als eine der heiligsten Stätten des Hinduismus. Seit mehr als 2.500 Jahren pilgern Gläubige in die Stadt, die zudem ein Zentrum traditioneller hinduistischer Kultur und Wissenschaft ist.

Als besonders erstrebenswert gilt es für strenggläubige Hindus, in Varanasi im Ganges zu baden sowie dort einmal zu sterben und verbrannt zu werden. Entlang des Flusses ziehen sich kilometerlange stufenartige Uferbefestigungen hin, die Ghats, an denen auf der einen Seite die Gläubigen im Wasser des für sie heiligen Flusses baden und wenige Meter weiter die Leichen der Verstorbenen verbrannt werden. Die Asche streut man anschließend ins Wasser. Ein Bad im Ganges soll von Sünden reinigen, in Varanasi zu sterben und verbrannt zu werden soll vor einer Widergeburt schützen.“

 

 

(Ghats in Varanasi, Foto aus Wikipedia)

 

 

 

Zweitens wollte ich eine Familie besuchen, mit der sich mein Bruder auf seiner Indienreise angefreundet hatte. Sie erwarteten mich.

 

Ich wurde herzlich empfangen. Nandu, der 43-jährige Vater der vierköpfigen Familie, gab sich alle Mühe, mir einen spannenden Aufenthalt in Varanasi zu bereiten. Er zeigte mir verschiedene Tempel, die Verbrennungsplätze, den Königspalast, Schleichwege durch die engen Gassen der Altstadt, heilige Orte, wo Rituale vollzogen werden und führte mich mit seinem Boot auf dem Ganges hoch und runter. Dank ihm habe ich vieles gesehen, dass ich womöglich nie gesehen hätte. Obwohl die Familie sehr bescheiden in einem Raum von ca. 12 m2 lebt und sehr arm ist, durfte ich nie in einem Restaurant essen. Er bestand darauf, dass ich jeden Tag zu Mittag und zu Abend bei ihnen ass. Immer wieder lud er mich zu einem Chai (Schwarztee mit Milch und Zucker) ein. Auch durfte ich nie Geld geben und als ich zum Abschied Geschenke für die ganze Familie kaufen wollte, protestierte er auf’s heftigste. Doch ich liess nicht locker und an ihren strahlenden Augen sah ich, dass sie glücklich darüber waren...

 

Ich blieb 1 Woche in Varanasi, doch nun zog es mich immer vehementer ins nahe gelegene Nepal. Ich hatte nun wirklich genug vom allgemeinen Chaos. Es lagen nur noch die letzten 350 km vor mir...

 

Als ich losfuhr, dachte ich mir, diese 350 km wären ein Klacks und ich würde es locker in einem Tag an die Grenze schaffen. Pustekuchen! Die Strasse war eine Katastrophe und selbstverständlich total überfüllt. An ein zügiges Vorwärtskommen war nicht zu denken. Ich schaffte lediglich ca. 250 km. Die letzte  grosse Stadt vor der Grenze ist Gorakhpur – einem Knotenpunkt zwischen 2 grossen Nationalstrassen. Ein letztes Mal erlebte ich das totale Chaos. Die Stadt war dermassen verstopft, dass ich – nachmittags um 4 – beschloss, hier nochmals zu übernachten und morgen früh ausgeruht die letzten 100 km an die Grenze zu fahren. Ich war erledigt. Es herrsche eine Schweinehitze, ich war total durchgeschwitzt und ich hatte keine Nerven mehr. Da beschloss ich ins beste Hotel der Stadt zu gehen und liess mich von jemandem dorthin eskortieren. Ich hatte im Laufe der Reise gemerkt, dass es sich lohnt, etwas mehr auszugeben und in bessere Hotels abzusteigen. Dort herrschte Ruhe, Sauberkeit, Freundlichkeit, Kühle, gutes Essen und ein sauberes, gutes Bett!. Es war jeweils wie in eine Oase zu gelangen. Ich erholte mich auf diese Weise am Besten. Das Chaos blieb aussen vor und ich konnte abschalten und runterfahren. Zudem hatten die besseren Hotels auch WIFI und ich konnte etwas im Internet surfen und mit meiner Freundin skypen. Eine gute Taktik...

 

Am nächsten Morgen brauchte ich über eine Stunde um nur schon aus der Stadt zu finden. Keine Wegweiser und natürlich wieder alles verstopft. Ich sah auf meinem GPS die Strasse, die ich benötigte, aber ich konnte sie nicht finden. Ich irrte durch Quartiere und suche und suchte. Aber alle Strassen endeten immer wieder an einer Bahnlinie und weit und breit kein Bahnübergang. Das gibt’s doch nicht, sagte ich mir und so kam ich immer weiter zurück in die Stadt rein und ins Chaos. Endlich fand ich den Übergang und sobald ich diese verrückte Stadt hinter mir gelassen hatte, ging’s wieder zügiger vorwärts. Und dann, 20 km nach der Stadt und 80 km vor der Grenze wäre es beinahe doch noch passiert! Ich sah den Lastwagen, halb auf der Gegenfahrbahn stehend und der Verkehr, der selbstverständlich auf meiner Seite den Lkw überholte. Ich näherte mich der Stelle und wusste ja genau, was auf mich zukommt. Mit DAUERHUPE wollte ich die Stelle passiere. Ich hatte es schon beinahe geschafft, als im letztem Moment ein kleines  Motorrad hinter dem Lkw hervorschoss und prompt mir in die Seite fuhr, bzw. mit mir seitlich kollidierte. Eine Streifkollision sozusagen. Mit sehr viel Glück konnte ich einen Sturz vermeiden und landete im Strassengraben. Er hielt sich ebenfalls im Sattel. Aber hatte mir meine Tankseitentasche abgerissen. Nicht etwa den Reissverschluss aufgerissen, sondern den ganzen, dreifach vernähten Reissverschluss abgerissen! Die Tasche lag mitten auf der Strasse. Ich schaute zurück, sah den Kerl mit seinen zwei Mitfahrer stehen. Er sah mich an, sah das grosse Motorrad, sah die Tasche auf der Strasse und gab dann Gas. Haute einfach ab, das Schwein! Ich fluchte wie ein Rohrspatz. Ich war so was von zornig. Ich schleuderte ihm alle Schimpfwörter hinterher und konnte es nicht glauben. 15'000 km ohne Zwischenfälle und 80 km vor der Grenze wäre es doch noch fast passiert. Es passierte an einem Dorfanfang und die Menschen hatten es gesehen. Sofort war ich wieder mal umringt von Leuten. Aber sie gaben mir recht, denn ich fuhr korrekt. Sie sagten mir, dass es nicht recht sei, dass der Kerl abgehauen sei. Sie entschuldigten sich für ihn. Gemeinsam begutachteten wir den Schaden. Ich sah, dass es eigentlich halb so wild war. Der Reissverschluss musste nur wieder angenäht werden. Ich fragte nach einem Strassenschuhmacher. Jemand lief los und suchte einen. Dort wo ich stand, war gleich ein Coiffeurladen. Ok, Laden ist etwas übertrieben. Es handelt sich um vier Holzpfosten mit Strohdach und einer Holzwand mit einem aufgehängten Spiegel. Der Coiffeur lud mich sogleich ein, mich auf seinen Stuhl zu setzen. Man brachte mir Wasser und der Coiffeur fächerte mir mit seinem Tuch frische Luft zu. War zu herzig, die Situation! Nun sass ich da, umringt von zig Männer und Kinder, die mich anstarrten oder das Motorrad begutachteten. Da kam der Mann mit einem Schuhmacher zurück. Ich erklärte ihm, was er machen sollte. Kein Problem für ihn und er nähte mir den Reissverschluss wieder superstark an die Grundplatte des Tankrucksackes. Als ich zahlen wollte, wurde mir es verweigert. Die Leute legten zusammen und bezahlten den Schuhmacher. Das war wirklich sehr nett und freundlich. Wir machten noch gemeinsame Fotos und in wieder viel besserer Stimmung verliess ich den Ort des Geschehens. Zum Schluss erlebte ich noch eine nette Geschichte, die mich wieder etwas versöhnlicher werden liess.

 

Die letzten 80 km verliefen ruhig, mit wenig Verkehr und ereignislos. Die Vorfreude auf Nepal wuchs mit jedem Kilometer. Endlich würde es wahr werden. Wie Indien war auch Nepal immer ein Traum von mir. Und nun lag er zum greifen nah...

 

Der Grenzübergang selbst natürlich wieder sehr chaotisch, jedoch problemlos. Ich erhielt meine Stempel ohne gross warten zu müssen und vorallem ohne böse Überraschung. Der Brief, den ich in Amritsar organisieren musste, um die Aufenthaltsbewilligung für das Motorrad zu verlängern, erzeugte zwar kurz eine Diskussion unter den Angestellten, aber schlussendlich kam ich ohne Probleme über die Grenze.

 

Ich rollte unter dem Schlagbaum durch und fuhr in Nepal ein...

 

Liebe Grüsse an alle und bis zum nächsten Bericht über Nepal

 

Thierry

 

 

 

 
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