7. Bericht von Thierry Wilhelm aus Indien

 

Nun bin ich also wieder unterwegs...

 

Der Abschied fiel mir einigermassen schwer, hatte ich mich doch an das gemütliche Leben in Goa gewöhnt und mit Ingo und Wolf eine schöne Zeit verlebt. Dazu kam, dass eine Strassenhündin unseren Garten als Geburtsstätte ihrer 9 (!) Welpen auserkoren hatte und wir das Heranwachsen hautnah beobachten konnten. Das war ja soooo süss. Ich hatte sie richtig ins Herz geschlossen, aber auch sie musste ich hinter mir lassen...

 

Bevor der Moment des Abschieds gekommen war, machten wir mit einem Freund von Ingo, der ein paar Tage zuvor eingetroffen war, einige Fahraufnahmen und ein Interview. Er ist nämlich Dokumentarfilmer und er fand, dass meine aussergewöhnliche Reise ein gutes Thema sei. Er wird das Material zusammenschneiden und eine kurze Doku machen, die er dann in Youtube veröffentlichen wird. Ich bin ja sehr gespannt. Ich werde dann den Link hier, auf meiner Webseite und in Facebook veröffentlichen...

 

Nun hiess es aufsitzen und losfahren. Nochmal fuhr ich die Strecke nach Panaji, die ich so manches Mal in den vergangenen Wochen gefahren war und nahm Abschied von Goa. Schon bald war ich wieder im Reiserhythmus und freute mich wieder unterwegs zu sein. Da Goa sehr klein ist, befand ich mich schon bald im südlichen Nachbarstaat Karnataka. Diesen durchquere ich in 2 Tagen und nun begann der nächste Highlight: der Staat Kerala. Die zweithöchste Bergkette Indiens, die Westghats, erreichen ihre höchsten Erhebungen in Kerala. Entsprechend wunderschön ist die Gegend mit kurvenreichen Strassen in reizvoller Umgebung. Dank des herrschenden Klimas gedeihen Teeplantagen ausgezeichnet und prägen die Landschaft. Ich besuche Kurorte und beliebte Ausflugsziele in bis zu 2'000 Metern Höhe. Das Klima ist wunderbar angenehm. Endlich ist es wieder mal etwas kühler...

 

Nach den Bergen, die etwas im Landesinneren liegen, geht es wieder zurück an die Küste. Ich besuche das ehemalige portugiesische Fort Kochi (auch Cochin geschrieben), das auf vorgelagerten Inseln gebaut wurde. Es war die erste europäische Handelsniederlassung auf dem indischen Subkontinent! Die Gründung erfolgte 1502. In den folgenden Jahren weiteten die Portugiesen ihren Machteinfluss aus und in der Folge wurde Kochi konsequenterweise auch zur ersten europäischen Kolonie. Heute sind allerdings nur noch ein paar wenige Gebäude aus dieser Zeit zu sehen – zwei Kirchen, ein unspektakulärer Palast und ein paar Wohnhäuser. Allerdings ist die Franziskanerkirche die älteste von Europäern erbaute Kirche Indiens. Sie wurde 1503 aus Holz errichtet, Mitte des 16. Jahrhunderts aber als Steinbau erneuert. Auch steht noch die älteste Synagoge, die  in Indien gebaut wurde, denn die Juden waren schon lange vor der Ankunft der ersten Europäer ansässig.

 

Was hübsch anzusehen ist, sind die an der Nordspitze der Halbinsel aufgestellten berühmten Chinesischen Fischernetze. Sie sollen schon im 13. Jahrhundert durch chinesische Kaufleute eingeführt worden sein. Die schweren Holzkonstruktionen, an denen Netze hängen, werden vor allem bei Hochwasser genutzt. Zu ihrer Handhabung werden mindestens vier Männer benötigt.

 

Hier ein Bild aus Wikipedia:

 

 

Da ich kein Hotel mit sicherem Parking fand, stieg ich in einem besseren Hotel ab, das „Fort Queen“. Tut abgesehen davon auch gut, zwischendurch mal ein richtig gutes Bett und eine gut funktionierende Dusche zu haben. Der Hotelmanager war von meinem Motorrad und meiner Reise dermassen angetan, dass er einen Zeitungsreporter anrief und ihm von mir erzählte. Prompt tauchte der auf und brachte gleich noch einen weiteren mit. In der Folge gab es ein Interview und eine Fotosession. Allerdings war sein Englisch nicht so toll und er brachte einiges durcheinander, so dass im ein paar Tage später erscheinenden Artikel einiges verkehrt war. Unter anderem machte er mich gleich um 5 Jahre älter, was natürlich gar nicht geht! Die eine Zeitung, „Indien News“ war auf Englisch und somit lesbar, aber die andere ist eine Zeitung, die ausschliesslich im Staat  Kerala erscheint und in Malayalam geschrieben ist – unlesbar für unsereins.

 

Die Zeitungen „India News“ und...

... „Malayala Manorama“, die Zeitung aus Kerala

 

Ein Erlebnis der besonderen Art ist der Besuch einer Kathakali-Tanzvorführung. Kathakali ist überwiegend im südindischen Bundesstaat Kerala angesiedelt und wird als eine der ältesten Tanzformen angesehen. Es ist eine spektakuläre Mischung aus Drama, Tanz, Musik und Ritual. Charaktere mit lebendig bemalten Gesichtern und aufwändigen Kostümen erzählen Geschichten aus den Hindu-Epen. Hier zwei typische Charaktere, die ich aus Wikipedia kopiert habe:

Kathakali-Tänzer als edler Pachcha

und Weibliche Rollen, wie hier eine Minukku,

 

werden traditionellerweise von Männern dargestellt, Frauen finden jedoch zunehmend Anerkennung im Kathakali

Für weitergehende Informationen, hier der Link zur Wikipedia-Seite:

http://de.wikipedia.org/wiki/Kathakali

 

Auch wenn die Tanzvorführungen auf Touristen zugeschnitten sind, ist der Besuch unbedingt empfehlenswert. Es ist immerhin ein Stück indische Kultur und wunderschön anzuschauen. Die Chance, dass man einer typischen Vorführung im Rahmen eines Tempelfestes beiwohnen kann, ist doch ziemlich klein. Ausserdem dauern diese Vorführungen bis in die frühen Morgenstunden...!

 

Nachdem ich die Highlights von Fort Kochi gesehen hatte, machte ich mich wieder auf den Weg. Mein nächstes Etappenziel sollte in einem Tag zu schaffen sein: Verkala. Verkala ist eine beliebte und schöne Feriendestination im Süden von Kerala. Ich finde per Zufall ein tolles Hotel, dass von einer Deutschen geführt wird. Sie gabelt mich auf der Strasse auf, als ich gerade nach einem Hotel frage. Sie sah mich, umzingelt von Indern, nach dem Weg fragen und entdeckte mein Schweizer Kontrollschild. Seit einem Jahr führt sie ein kleines Hotel, mitten im Grünen und nur 2 Minuten vom Strand entfernt. Und... sie hat WIFI im Hotel, was für mich ein entscheidendes Kriterium war. Es ist nämlich überraschenderweise schwierig, in Indien ein Hotel mit WIFI zu finden. Nur die Teuersten bieten es (manchmal) an. Ich verbringe 3 gemütliche Tage in Verkala und habe Glück, dass an einem Abend zufälligerweise gerade ein Tempelfest stattfindet. Dazu gehört eine Parade auf der Strasse. Es geht sehr farbenfroh und laut zu und her. Auf Wagen werden Götter und Figuren aus der Hindu-Religion gezeigt. Herrlich schön und gut gemacht. Dazu wird viel getanzt und getrommelt. Ein schönes Erlebnis, mit dem ich nicht gerechnet hatte...

 

Von Verkala aus, ist es nicht mehr weit bis zum Südkap Indiens, einem Zwischenziel von mir. Ich sollte es von der Distanz her gesehen, eigentlich locker in einem Tag schaffen. Doch ich habe nicht mit solch einem Verkehr gerechnet! Der ganzen Küstenlinie entlang steht Dorf um Dorf und zwei grössere Städte, die es zu durchqueren gilt. Es herrscht ein elender Verkehr und oft schleiche ich mit 20 bis 30 km/h hinter Lastwagen hinterher. Ich komme kaum vom Fleck. Die Strasse ist lediglich zweispurig und hoffnungslos überfüllt. Alles was sich bewegen kann, nutzt sie. Man kann kaum überholen. Immer wieder setzte ich zu waghalsigen Manövern an, damit ich wenigstens ein bisschen vorwärts komme. Zudem ist es heiss und ich schwitze mir einen ab. Zu allem Überfluss erleide ich einen weiteren Plattfuss – der Siebte! Auch das noch! Ich muss einsehen, dass meine Metzeler Tourance nach 26'000 km am Ende sind. Eine sehr stolze Leistung! Noch nie habe ich so viele Kilometer mit einem Reifen hinbekommen. Doch die Karkasse ist mittlerweile mehrfach durchgebrochen. Es hat einfach keinen Sinn mehr, obwohl das Profil sicher noch 2-3'000 km zugelassen hätte, optimistisch gesehen. Ich hoffte, damit noch bis nach Delhi zu kommen und meine Metzeler Enduro 3 mit mittelgroben Stollen für die Berge aufzusparen. Aber ich musste einsehen, dass sie nun endgültig hinüber waren. Ok, also wechseln... Ich schleppe seit der Türkei einen Satz mit, denn ich wusste, dass ich in Indien keine vernünftigen Reifen finden würde. Zumindest nicht in vernünftiger Zeit. Da es ein ganz anderer Reifentyp ist, wechsle ich gleich beide. Zumindest bin ich nun das zusätzliche Gewicht am Heck los. Auch nicht schlecht. Ich fahre fortan noch sorgfältiger und so reifenschonend wie möglich, denn ich werde die Stollen in den Bergen noch benötigen. Bis Delhi muss ich den Reifen dennoch schon 4'000 km zugestehen...

 

Durch die Panne verliere ich Zeit und es reicht mir nicht mehr, das Ziel, Kanyakumari, bei Tageslicht zu erreichen. Auch das noch, jetzt muss ich noch anderthalb Stunden in der Nacht fahren. Das wollte ich unbedingt vermeiden, denn schon am Tag ist der Verkehr völlig verrückt. Aber in der Nacht ist er schlicht lebensgefährlich, denn viele Fahrzeuge halten das Abblenden für unnötig. Hauptsache sie sehen was! Die Rücksichtslosigkeit, die am Tage herrscht, potenziert sich in Nacht dadurch zusätzlich. Ich stehe manchmal fast still, wenn ein Auto mit aufgeblendeten Scheinwerfern auf mich zukommt. Zu gross ist die Angst, dass ich am Strassenrand eine Kuh, ein unbeleuchtetes Fahrzeug oder einen Fussgänger übersehe. Es ist die Hölle! Wenn kein Fahrzeug entgegenkommt gebe ich Vollgas und wenn eines kommt, stehe ich fast still. Es ist zum kotzen und ich bin so was von froh, als ich Kanyakumari endlich um 20 Uhr erreiche... Ich hatte einen Hoteltipp und kann mich deshalb rasch durchfragen. Ich bin fix und fertig vom anstrengenden Tag (und Nacht). Absatteln, einpuffen, was essen und ab in die Haja (Bett).

 

Am nächsten Morgen schaue ich mir das Südkap Indiens an. Eigentlich nichts spektakuläres. Es hat zwei kleine Inseln vorgelagert. Eines mit (natürlich) einem Tempel und auf dem anderen steht eine grosse Götterstatue. Dazu viele Souvenirläden (für die vielen indischen Touristen). Das war’s. Eigentlich eher enttäuschend. Noch im Laufe des Morgens packe ich, fahre noch ein wenig die Küste hoch und runter und stelle fest, dass es Landschaftlich langweilig aussieht. Ok, also gleich weiter, wieder nordwärts...

 

Mein nächstes Ziel ist Madurai. Ich weiss, dass sich dort ein wunderschöner Tempel befindet. Den wollte ich mir anschauen. Zu meiner Freude beginnt schon bald hinter Kanyakumari eine neue, vierspurige Autobahn und... sie ist fast leer! Was für ein geiles Gefühl, endlich wieder mal 100 fahren zu können und keine Gefahren befürchten zu müssen. Ich komme locker voran und benötige für die 250 km lediglich dreieinhalb Stunden. Ich geniesse es so richtig, wieder mal Gas geben zu können...

 

Auch in Madurai habe ich einen Hoteltipp und finde es entsprechend schnell. Die einfachste Art ist, einen der Auto-Rishaws (Tuc-Tuc)-Fahrer zu fragen und mich hinlotsen zu lassen. So mühsam und alles blockierend die Tuc-Tucs manchmal, bzw. meistens sind, so praktisch sind sie zuweilen auch. Da ich schon Mitte  Nachmittag angekommen war, besuchte ich den nahe gelegenen Tempel noch am selben Tag, damit ich ihn in der Abendsonne fotografieren konnte. Es stellte sich heraus, dass ich das Innere sowieso erst am nächsten Tag besichtigen konnte, da der Tempel heute geschlossen war. Meine Erwartungen wurden übertroffen! Der Tempel hat zwölf Türme, doch die vier Haupttürme sind gewaltig und ich traute meinen Augen kaum. Jeder über 60 Meter hoch und übersät mit Figuren und Figürchen. Eine Riesenarbeit! Man kann sich stundenlang damit beschäftigen, die Figürchen anzuschauen und immer wieder Neues zu entdecken. Unglaublich und faszinierend! Die Hindus mit ihren über 300'000 (!) Götter haben da ja einen unerschöpflichen Fundus. Nicht nur die Figuren werden dargestellt, sondern auch die dazugehörenden Tiere und Szenen aus den Hindu-Epen. Wie gesagt, unerschöpflich...

 

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Madurai ist ebenso interessant, um im historischen Quartier in den engen Gassen herumzuschlendern und das pulsierende Leben zu beobachten. Interessant ist auch den Blumenmarkt zu besichtigen. Dort werden Blumenblüten entweder Sackweise oder bereits zu Girlanden geflochten verkauft. Man kann Frauen und Männer beobachten, wie sie geschickt die Blumenketten zusammenfügen. Ein herrlicher Duft liegt über dem Ganzen. Zwei Tage verbringe ich in Madurai, bevor es weiter geht

 

Mein nächstes Ziel heisst Thanjavur. Hauptsehenswürdigkeit Thanjavurs ist der monumentale Brihadisvara-Tempel, der 1010 auf dem Höhepunkt der Macht der Chola-Dynastie entstand. Er wurde ausgezeichnet renoviert und zählt zum UNESCO-Weltkuturerbe.

 

Wer sich für die beeindruckende Geschichte und mehr Details einer der bedeutendsten und einflussreichsten Königreiche Indiens, den Cholas, und ihren  schwer beeindruckenden Tempel Brihadisvara-Tempels interessiert, hier die Links zu Wikipedia:

 

Chola-Dynastie: http://de.wikipedia.org/wiki/Chola

Brihadisvara-Tempels: http://de.wikipedia.org/wiki/Brihadisvara-Tempel

 

Thanjavur liegt auf dem Weg und so ist für mich klar, dass ich auch noch diesen Tempel mitnehme, mir aber sage, das war es dann mit Tempeln! Ich sah bis dahin einige wichtige und beeindruckende Tempel wie in Hampi, Madurai und Thanjavur, nebst vielen kleineren und unwichtigeren (sofern man bei einem Tempel von unwichtig sprechen kann). Aber aus touristischer Sicht genügt das, zumindest für mich. Irgendwann wiederholt sich das Ganze. Es sind doch immer wieder dieselben Figuren und derselbe Stil. Das hat sich in all den Jahrhunderten nicht geändert. Es ist dasselbe mit den Tempeln in z.B. Thailand: wunderschön anzuschauen und doch ähneln sie sich alle und irgendwann hat man es gesehen. Doch Thanjavur hat sich gelohnt, anzuschauen. Da die beiden Städte nicht sehr weit voneinander liegen, erreiche ich Thanjavur am frühen Nachmittag. Ich checke in ein Hotel nahe der historischen Stätte ein und mache mich sogleich an die Besichtigung. Da es bereits Mitte Nachmittag ist, werde ich bestes Lichts für’s fotografieren haben. Einmal mehr staune ich über die Steinmetzkunst der alten Inder. Was die alles auf die Fläche eines Tempelturms meisseln können, ist einfach erstaunlich und wunderschön anzuschauen. Hier ein Müsterchen:

 

 

Da es in Thanjavur ansonsten nichts Anderes interessantes zu besichtigen gibt und ich den Tempel ausgiebig ankucken konnte, zog ich am nächsten Morgen gleich weiter Richtung Küste. Das nächste Ziel war Puducherry, an der Ostküste. Dort werde noch Französisch geredet, wurde mir gesagt. Das wollte ich auschecken. Eine weitere 300 km-Etappe, die ich in 8 Stunden schaffe...

 

Der Verkehr wird wieder zusehends mühsamer, die Strassen schlechter und die Hitze steigt täglich. Landschaftlich wird es immer flacher und öder. Ich weiss aus den Gesprächen mit Lambert (der Tourguide aus Kerala), aus Lonely Planet und auch von anderen Travellern, dass es von nun an nichts mehr spannendes und unbedingt sehenswertes gibt. Thanjavur war der letzte Höhepunkt im Süden. Und so brüte ich am Vorabend über der Karte und überlege mir den schnellstmöglichen Weg zurück nach Delhi. Die Sache ist die, dass Indien ein verdammt grosses Land ist und, egal wodurch man fährt, es einfach einen Haufen Zeit braucht. Ich merke, dass mir die Inder, vorallem im Verkehr, so langsam auf die Eier gehen , meine Nerven deshalb nicht mehr so gut sind, wie auch schon, und ich so langsam den Drang verspüre, die Visum-Zwangspause so bald wie möglich einzulegen. Zudem lockt die Aussicht, dass ich die Auszeit in den Philippinen bei meiner Freundin verbringen könnte, sofern ich die Problematik mit dem Motorrad in Indien stehen zu lassen, positiv lösen kann. Doch dazu später mehr...

 

Ich schaue mit also noch ein wenig Puducherry an, laufe am Abend die Uferpromenade entlang und mische mich unter die Hunderten von Indern, die den lauen Abend bevorzugt am Meeresufer verbringen. Und tatsächlich werde ich von ein paar Indern auf Französisch angesprochen. Es stimmt also. Ein Überbleibsel aus der franz. Kolonialzeit. Der „Malecon“ ist leider ziemlich unschön ausgebaut, viel Beton, keine Bäume. Einfach eine lange Strasse ohne Sandstrand, sondern mit grossen Steinblöcken und sehr grobem Kiesel. Ungefähr in der Hälfte der Strasse wurde ein Podium aufgebaut und es werden Sing- und Tanzvorführungen zum Besten gegeben. Ziemlich lustig, aber nach einer gewissen Zeit verlässt mich die Interesse und ich schlendere zurück ins Hotel. Ich wollte am nächsten Morgen früh losfahren....

 

Wie befürchtet entwickeln sich die nächsten Etappen als zunehmend mühsam. Der Verkehr wird immer schlimmer, die Hitze immer unerträglicher und landschaftlich immer noch nichts Spannendes. Die Strasse erweist sich als einziges Flickwerk. Nur selten sind mal ein paar Kilometer neu gebaut. Ansonsten 100 mal geflickt und entsprechend holprig und mit Schlaglöcher versehen. Trotzdem heisst das Motto Gas geben, so gut es geht. Es ist ein frommer Wunsch, zügig vorwärts kommen zu wollen. Es sind dermassen viele Lastwagen und Busse unterwegs, dass man meinen könnte, Indien hat mehr Lastwagen und Busse als Autos. Es ist grausam! Da es von nun an keine Autobahnen mit vier Spuren gibt, ist das Vorwärtskommen eine richtiggehende Qual. Die zweispurigen Strassen sind fast permanent verstopft von Fussgänger, Esel/Büffel/Kamel-Karren, Tuc-Tucs (in Stadtnähe und natürlich in den Städten), Lastwagen, Motorräder, Lieferwagen, Bussen und Autos (in der Reihenfolge ihrer Geschwindigkeiten), dass es ein ständiges Beschleunigen und Abbremsen ist. Nur sehr selten kann ich mal mit gleich bleibender Geschwindigkeit cruisen. Es ist voll ätzend. Kaum habe ich z.B. einen Lastwagen überholt und einen entsprechenden Geschwindigkeitüberschuss habe, muss ich gleich wieder in die Eisen, weil entweder das nächste Hindernis auf der Strasse fährt oder – noch viel ätzender – wieder mal ein verrückter Inder findet, er müsse trotz Gegenverkehr zum überholen ansetzen. Es sollte bis Dehli eine alles andere als gemütliche Fahrt sein! Dazu kommt die Hitze, die mir ebenfalls zusetzt. Mein Thermometer zeigt Temperaturen von 40 bis 45 Grad an – und das in voller Motorradkluft. Ich fülle mein Camelbag 2x täglich nach. Das sind bereits 4 Liter, die ich zu mir nehme. Dazu halte ich mehrmals an, um eine Zigerette zu rauchen, was richtig Kühles zu trinken oder auch  manchmal um was zu essen. Alles in allem trinke ich täglich um die 5-6 Liter! Ich laufe nur noch aus – zu viel des Guten! Aber was soll’s, da muss ich durch...

 

Durch meine strapazierten Nerven, nervt mich das ewige Geglotze der Inder immer mehr. Sie können ja nicht aus Distanz kucken, nein, sie lassen dich ja kaum von der Maschine steigen, so nahe müssen sie stehen. Und wenn ich wieder wegfahren will, muss ich ihnen beinahe über die Füsse fahren, bis sich eine Gasse durch die Menge gebildet hat. Ich versuche oft, irgend ein Plätzchen zu finden, wo mich niemanden sieht und ich meine Ruhe habe. Aber dies erweist sich als sehr schwierig. Auch wenn ich am Anfang alleine bin, so kraxeln urplötzlich Personen aus den Büschen hervor oder ein Auto oder Motorrad hat mich entdeckt, bremst, setzt zurück und kommt glotzen! Auf dem Lande, stelle ich fest, sind die Englischkenntnisse eher bescheiden, und so stehen viele einfach da und... glotzen. Manchmal schweigend, manchmal heftig über mein Motorrad, über mich, über meine Ausrüstung oder weiss Gott über was diskutierend. Wenn einer ein wenig Englisch kann, fungiert er als Dolmetscher. Und dann kommt er sich wahnsinnig wichtig vor und spielt sich richtig auf. Er ist dann Wissensträger und darum wichtig für die anderen, die ja so was von neugierig sind. Er geniesst diesen Status augenscheinlich genüsslich. Das alles ist ja eine Zeit lang lustig und amüsant, aber, je nach Gemütslage, kann es auch sehr mühsam werden. Nur ganz selten hat man ein wenig Privatsphäre. So gross Indien auch ist, es ist einfach überbevölkert – zu viele Menschen, zu viele Fahrzeuge. Vielleicht nervt das sie selber auch und ist deshalb möglicherweise eine Erklärung, warum die so ungeduldig im Verkehr sind. Ich kann mir auf jeden Fall keinen Reim drauf machen, wieso die Inder so gemeingefährlich unterwegs sind. Einer sagte mir mal, das sei eine Art anzugeben. Es muss auf jeden Fall eine Art Ventil sein. Sind doch die Inder im Allgemeinen eher ruhig, gelassen und (mehr oder weniger) höflich zueinander (zumindest in derselben Kaste), doch sobald sie ein Fahrzeug besteigen, passiert irgendwas in ihrem Hirn. Ist es aufgestauter Frust? Möglich, denn die Inder sind gesellschaftlich in vielen Regeln und ungeschriebenen Gesetzen gefangen. So werden von ihnen gewisse Verhaltensweisen aus religiösen und gesellschaftlichen (Kasten!) Gründen verlangt. Das fängt schon bei der sexuellen Unterdrückung an. So sieht man z.B. nur in Grossstädten von jungen Päärchen, dass sie sich Händchen geben. Und auch das eher selten. Das berühren des anderen Geschlechts ist wie in islamischen Ländern verboten oder zumindest verpönt. Das muss ja frusten, erst recht, wenn sie ausländische Touristen sehen, die Arm in Arm herumschlendern oder sich, um Gottes willen, auch noch küssen! Ein kleines Beispiel: Mir wurde verschiedentlich erzählt, dass an Wochenenden Bussweise Inder an die Strände von Goa geschleppt werden, um halbnackte Ausländerinnen anzuschauen. Da werden richtige Touren organisiert! Ich selbst habe ja in Goa erlebt, wie die Strände sich an Wochenenden mit bis zum Hals zugeknöpften Inder gefüllt haben. Da werden dann mit ihren Handies Fotos von Ausländerinnen im Bikini oder, wenn sie Glück haben sogar „Oben ohne“, geschossen. Eine Trophäe, die dann stolz seinen Freunden gezeigt werden! Mehrere Inder haben mir erzählt, dass sie eigens nach Goa kämen, um ausländische Touristinnen zu jagen, um sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Das geht mit Inderinnen unmöglich. Vor der Hochzeit kein Sex! Ganz einfach...

 

Zurück zur Strasse. So ist für mich möglich, dass ein gewisser Frust an ihrer verrückten Fahrweise schuld ist. Oder ist es schlicht Fatalismus? Man kann ja sein Schicksal nicht abwenden und ausserdem wird man in Indien als Hindu sowieso neu geboren. Also was soll’s? Vollgaaaas!!!

Wie auch immer, aber für einen ausländischen Verkehrsteilnehmer wie mich, bedeutet es einen täglichen Überlebenskampf – im wahrsten Sinne des Wortes! Was soll man noch sagen, wenn ein Lastwagen oder Bus oder Auto zum überholen ansetzt, wenn ich mit voll aufgeblendetem Xenon-Fernlicht, Dauerhupe (2 Klang, 118 Db!) und wildem Armschwenken entgegenkomme und so anzeige, dass nun nicht unbedingt der richtige Moment zum überholen ist? Und was macht er? Er blendet ebenfalls auf, hupt und... überholt trotzdem! Und mir bleibt nichts anderes übrig als voll in die Eisen zu steigen und weg von der Strasse in den Dreck! Dies ist nicht ein Einzelfall sondern kommt täglich mehrmals vor. Logisch geht einem mit der Zeit die Galle hoch. Ein Motorradfahrer wird einfach nicht ernst genommen. Der hat ja immer Platz irgendwo. Nur bin ich viel breiter als die kleinen Mopeds, die hier herumkurven, und brauche entsprechend mehr Platz. Aber das sehen sie nicht ein und verdrängen mich genau so. Was ebenso nervig wie gefährlich ist, ist das hinter einem Fahrzeug hervorkucken. D.h., etwas versetzt vom Vordermann fahren, damit man nach vorne sieht. Das geht ja noch, wenn das nur ein einzelner macht. Dann fährt er mit den Räder ungefähr in der Mitte der Fahrbahn und ragt etwa eine halben Meter auf die Gegenfahrbahn. Aber wenn das ein Zweiter und Dritter macht, dann fährt der Dritte so ungefähr auf deiner Seite und eine ganze Wand kommt auf dich zu. Diese Situation kommt ständig vor. Zum kotzen...

 

Dasselbe mit dem Überholen von hinten. Wenn es einer überhaupt schafft, mich von hinten zu überholen, dann macht er das unter grösster Gefahr. Da ich schneller als alle anderen Motorräder bin, ja eigentlich als alle Verkehrsteilnehmer, passiert es sehr selten. Man muss höllisch aufpassen. Wenn man zu sehr links fährt (bei Linksverkehr) und nur ein bisschen Platz zur Mitte offen lässt, drängt garantiert ein Auto oder sogar Lastwagen oder Bus neben dich – halb auf der Gegenfahrbahn fahrend – und drängt dich an den Strassenrand. Dann fährt er ein paar Zentimeter hinter dem zu überholenden Fahrzeug (meistens ein Lastwagen) und halb auf der Gegenfahrbahn bis er wirklich überholt. Um dieses Verdrängen möglichst zu vermeiden, fahre ich selbst in der Fahrbahnmitte und mache mich möglichst breit. Und wenn es einer trotzdem versucht, so habe ich schon manche Kämpfe ausgetragen. Ich habe festgestellt, dass man im indischen Verkehr mit viel Selbstbewusstsein, Frechheit und Mut unterwegs sein muss, ansonsten man ganz einfach verdrängt und ständig überholt wird. Es hilft natürlich enorm, wenn man ein grosses Motorrad mit entsprechendem Schub und PS hat. Da staunen die drängelnden Automobilisten sehr, wenn das bedrängte Motorrad einfach mal beschleunigt, ein paar Lastwagen überholt und er selbst im Verkehr hängen bleibt. Das ist der Moment, wo ich dann unter dem Helm lache. Gewisse wollen das nicht auf sich sitzen lassen und versuchen sich an mir anzuhängen, doch ein Motorrad schlüpft halt leichter durch den Verkehr. Allerdings muss ich mich oft zusammenreissen um nicht allzu riskant zu überholen. Es ist ja immer noch eine Reise und ich habe ja viel Zeit, um anzukommen. Und trotzdem... ihr wisst, was ich meine...!

 

Von all den Tieren auf der Strasse, habe ich bis jetzt noch gar nichts erwähnt.  Das ist ein Faktor, der hier in Indien noch um einiges ausgeprägter als sonst wo ist. Noch nirgends habe ich sooooo viele Tiere auf der Fahrbahn erlebt wie hier. Das machen vorallem die Kühe aus, die in Indien ja heilig sind und sich alles erlauben dürfen. Die schlafen sogar auf der Überholspur einer Autobahn und niemand würde sie vertreiben. Auch habe ich noch nie und nirgends so viele Affen auf der Strasse erlebt. Sobald man durch Wälder fahrt, muss man mit ihnen rechnen. Nicht selten erschrak ich, als ich um eine Kurve fuhr und plötzlich vor einer Horde Affen stand. Zum Glück sind sie sehr flink und spritzen geschwind auseinander. Der Schreck sitzt trotzdem in den Knochen. Man muss einfach mit allem rechnen...

 

Hier noch ein Bild einer typischen Verkehrssituation, wie sie es auf der Strasse sehr oft vorkommt:

 

 

Der Lastwagen halb auf meiner Seite und dahinter tauchen plötzlich Kühe auf, die die Strasse überqueren wollen. Ein alltägliches Bild!

 

Auch das sind ganz alltägliche Bilder:

 

 

 

 

 

Ich lege nun keine Pausentage mehr ein, sondern versuche so rasch als möglich vorwärts zu kommen. Alles gleicht sich mehr oder weniger, immer noch ist die Landschaft eher langweilig, die Hitze gross und der Verkehr ätzend. Es gibt daher keinen Grund, irgendwo zu pausieren. Der einzige Grund wäre mein Hintern, der sich langsam aber sicher meldet! In Bophal muss ich mich entscheiden, welche Strasse ich Richtung Delhi nehme. Eine führt über Agra (mit dem Taj Mahal). Aber da war ich schon und ich erinnere mich zu gut an das Verkehrschaos in der riesigen Stadt. Ebenso ist die Autobahn nach Delhi eine grosse Baustelle mit viel Verkehrsstau. Also die andere Alternative über Jaipur. Ich war zwar auch dort schon, aber ich sehe auf der Karte, dass die Kleinstadt Bundi auf dem Weg liegt. Ich hatte von anderen Traveller gehört, dass Bundi schön und lohnenswert sei. Ein ehemalige Fürstenstaat mit Palast und Fort, wie es in Rajasthan oft zu sehen ist. Ok, das tönt gut und so gibt es noch was zu besichtigen, bevor ich nach Delhi komme.

 

Tatsächlich erweist sich auch Bundi als total süsse Stadt mit toller, engverwinkelter Altstadt, wie es eben typisch ist für Rajasthan. Auch hier sind viele Häuser blau angemalt, wie in Jodpur. Der Palast ist recht schön, aber leider kaum renoviert und so ist alles ziemlich heruntergekommen. Zudem kann man leider nur etwa 1/5 der Anlage besuchen, der Rest sei zu gefährlich, weil einsturzgefärdet. Sehr schade. Doch das Flair in der Altstadt und auf dem Markt ist super und auch sehr fotogen. Die Menschen sind auffälligerweise viel freundlicher als die letzten Wochen zuvor im Zentrum und im Süden des Landes. Ich sehe viel mehr lachende Gesichter und werde auch viel mehr angesprochen. Ok, man muss auch sagen, dass die Bewohner mit viel mehr Touristen zu tun haben, als auf meiner vergangenen Strecke. Doch Bundi ist klein und hat beileibe nicht das Ausmass an Touristenströmen wie in den viel bekannteren Jodphur, Jaiphur oder Jaisalmer. Wie auch immer, es tut gut, ein paar Tage Pause zu machen und mit freundlichen Leuten zu schwatzen. Ich rühre das Motorrad für 3 Tage nicht mehr an, sondern schaue mir den Palast genau an, schlendere oft durch die Gassen und den Markt und schiesse viele Fotos. Die Kinder sind ganz wild darauf, fotografiert zu werden, was natürlich sehr dankbar ist. Auch werde ich mehrmals von Leuten in ihr Privathaus eingeladen. Das kam bisher sehr selten vor....

 

Eine weitere typische Eigenheit, die Bundi vorweisen kann, sind die sogenannten „Treppen- oder Stufenbrunnen“. Das sind Brunnen, in die man nicht einfach einen Kessel runterlässt, sondern man kann über Treppen runtersteigen und dort Wasser aus einem grossen Becken schöpfen. Bundi kann heute noch ein paar von den ursprünglich 50 Brunnen vorweisen. Die meisten sind nur noch Drecklöcher oder mit Abfall übersät, einer ragt jedoch heraus: Der „Rani Ji Ki“-Baori (Baori=Brunnen), benannt nach  der Frau des Maharajas, die den Brunnen erbauen lies. Dieser wird gerade renoviert, ist jedoch mit einem Gitter normalerweise verschlossen. Ich hatte das Glück, dass das Eingangsgitter offen stand, da sich gerade Arbeiter darin befanden. Ich nutze die Gelegenheit und schlüpfte herein. Niemanden störte sich daran und ich konnte in aller Ruhe ein paar Fotos machen. Ein schöner mit Pavillons bestandener Park umgibt den Eingang zu diesem 1699 erbauten Baori. Mit seinen reich verzierten Torbögen und schönen Wandreliefs sieht der 46 Meter in die Tiefe führende Treppenschacht eher wie der Eingang zu einer unterirdischen Palastanlage aus. Man kann sich unschwer vorstellen, welch lebhaftes Treiben sich früher, als der Baori neben seiner Funktion als Wasserquelle auch noch beliebter Treffpunkt war, entlang der 70 Treppenstufen abspielte.

 

Ein paar Bilder davon:

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Nachdem ich etwas länger in Bundi verweilte als eigentlich vorgenommen, startete ich 3 Tage später zu meinen zwei letzten Etappen bis nach Delhi. Letzte Zwischenstation war Jaipur. Die Strasse war nach wie vor sehr mühsam und wie näher ich kam, desto dichter wurde der Verkehr. Immerhin ist Jaipur eine 2,5 Millionen-Stadt und auch Hauptstadt vom Bundestaat Rjasthan. Da die Distanz von Bundi nach Jaipur lediglich ca. 190 km beträgt und auch die Temperaturen mit 38 Grad wieder etwas erträglicher sind, nehme ich die hinterhältigen Angriffe auf mein Leben heute etwas gelassener. Im Laufe des Nachmittags komme ich in Jaipur an und logiere diesmal im Hotel, das mir verschiedentlich empfohlen wurde, das letzte Mal aber, als ich im Dezember in Jaipur vorbeikam, ausgebucht war. Ein cooles, gepflegtes und etwas alternatives Hotel MIT wifi! Ich genoss den Rest des Nachmittags auf der sonnigen Dachterrasse mit ausgezeichnetem Essen und ein paar Biers. Am nächsten Morgen sollte ich die letzte Etappe nach Delhi in Angriff nehmen – endlich!

 

Endlich fand ich wieder einmal eine richtige Autobahn vor – mit vier Spuren und getrennten Fahrbahnen. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich dermassen über Autobahnen freuen würde! Endlich konnte ich wieder lockere 80 bis 100 fahren und hatte immer genügend Platz und die langsamen Lastwagen zu überholen. Aber Achtung! Man darf sich auch auf Autobahnen nicht allzu sehr in Sicherheit wähnen. Denn auch hier kommen immer mal wieder Geisterfahrer entgegen oder es liegen Kühe auf der Strasse rum oder zwei Bauern halten einen Tratsch auf ihren Traktoren ab und dazu stehen (!) beide auf ihren jeweiligen Überholspuren!!! Ein Problem auf den Autobahnen ist, dass alle paar Kilometer der Mittelgrünstreifen geöffnet ist, um ein u-turn zu machen, also zu wenden. Oder eine Ausfahrt auf der anderen Seite zu erreichen. Aus diesem Grunde muss man immer damit rechnen, dass von der Gegenseite her Fahrzeuge die Fahrbahn queren. Gefahr droht also auch von rechts (bei Linksverkehr) und das ausgerechnet auf der Überholspur. Somit wechseln die Bauern oder Anwohner die Fahrbahnseite um eine Aus-oder Zufahrt auf der Gegenseite zu erreichen, und fahren als Geisterfahrer bis zur Zufahrt. Wenn sie ganz links fahren, also am Fahrbahnrand, dann geht das ja gerade noch, aber einige meinen, sie müssten auf der Überholspur fahren, weil das ja ihre angestammte linke Seite, also die richtige Seite ist!!!! Entweder strohdumm oder völlig ignorant so was...! Eigentlich müssten sie an der Aus-oder Zufahrt vorbeifahren, dann auf die andere Fahrbahnhälfte wechseln und das Stück von der richtigen Richtung her wieder zurückfahren um dann links abzubiegen. Also immer aufpassen, ob der Lastwagen da vorne in die gleiche Richtung fährt, still steht oder sogar entgegenkommt...!

 

Da sich auch heute die Distanz mit 250 km in Grenzen hält und ich erst noch praktisch die ganze Strecke auf einer 4-spurigen Autobahn fahren kann, erreiche ich Delhi relativ rasch. Einmal mehr habe ich einen Tipp von meinem Freund Lambert, der indische Tourguide. Er hat einen Freund, der in Delhi zwei Hotels gepachtet hat und mich vorangemeldet. Entsprechend werde ich freudig empfangen und bevorzugt behandelt. Es ist schon fast peinlich. So was von arschschleckerisch. Aber ich schaue darüber hinweg und geniesse den ausgezeichneten Service. Immerhin handelt es sich um ein 3-Sterne-Hotel, das sich ganz in der Nähe des berühmten Connaught-Platz, dem gefühlten grössten Kreisverkehr der Welt. Also sehr gut gelegen und alles was man braucht in der näheren Umgebung. Das Hotel hat eine sichere Garage und es ist überhaupt kein Problem, mein Motorrad unterzubringen. Ich muss ja das Land für mind. 2 Monate verlassen bevor ich ein neues Visum erhalte und nun beginnt die Jagd nach der richtigen Information, ob ich das Land ohne Motorrad überhaupt verlassen kann und ob ich das Motorrad länger als 6 Monate im Land belassen kann. Zu meiner freudigen Überraschung habe ich wenige Telefonate später bereits eine Antwort, der ich vertrauen möchte. Man hilft mir mit meinem Problem grosszügig und eifrig. Ein Freund des Rezeptionisten ist Inhaber eines Tourbüros, das auf organisierte Motorradtouren in Indien und Nepal spezialisiert ist. Er spricht logischerweise ausgezeichnet Englisch und versteht mein Problem bestens. Er meint, es sei überhaupt kein Problem. Er hätte diese Situation mit einigen anderen Motorradreisenden schon durchgespielt. Das einzig Wichtige sei, dass das Carnet de Passage noch über die Zeit hinaus gültig ist. Jippihhh, das war die Antwort, die ich hören wollte. Er tönte auch sehr überzeugt und deshalb will ich ihm glauben. Das ging schnell...

 

Der sehr nette und hilfsbereite Hotelmanager erlaubt mir ohne zu zögern, das Motorrad in der Garage für die nächsten 3 Monate stehen lassen zu dürfen. Ich müsste mir überhaupt keine Sorgen machen. Auch mein ganzes Gepäck wird in den  Aufbewahrungsraum  gestaut. Ich kaufe noch eine Decke, um das alles einzupacken. Auch besorge ich mir in der nahe gelegenen Motorrad-und Autozubehör-Strasse (sehr praktisch!) eine „Motorradgarage“ aus Stoff um die BMW von neugierigen Blicken zu schützen. Ein schönes „Royal Enfield“-Emblem ist auf der Blache aufgedruckt und führt zusätzlich in die Irre.

 

Ich schmiere noch den Wächter grosszügig und nun kann ich mir sicher sein, dass meinem Baby nichts passieren wird. Ich erkundigte mich vorher beim Wächter, wie den sein Arbeitspensum aussieht. Demnach arbeitet er 28 Tage am Stück und hat dann 2 Tage frei!!! Geschlafen wird auf einer Pritsche in der Garage (gleich neben meinem Töff!). Das sollten sich mal unsere Gewerkschaften vor Augen führen! Ein weiterer Beweis, was für ein schönes Leben wir in unserer Schweiz führen... Wie dem auch sei, dies ist der richtige Mann um zu schmieren. Seine Augen glänzten und er war überglücklich über die 500 Ruppies, die ich ihm gab. Das wird wohl für ihn ein ganzer Monatslohn sein, für mich bedeutet es einen Einsatz von Fr. 9.50 und ich weiss, dass er das Motorrad wie seinen Augapfel hütet, denn ich habe ihm einen weiteren Schein versprochen, wenn nach meiner Rückkehr alles in Ordnung ist.

 

Ein weiterer Freund von Lambert führt ein Reisebüro in Delhi. Ich kontaktiere ihn, damit er mir einen günstigen, baldmöglichsten Flug auf die Philippinen organisiert. Auch das steht innert Tagesfrist. ..

 

Das indische Gesetz schreibt seit dem Bombenattentat in Bombay im Jahre 2006 vor, dass man nach Ablauf der Visumlaufzeit das Land für mindestens 2 Monate verlassen muss, bevor man ein neues Visum erhält. Das wusste ich von Anfang an und mein Plan war ursprünglich, dass ich diese 2 Monate in Sri Lanka verbringen werde. Da nun aber der Fährbetrieb, nach dem Krieg auf Sri Lanka, noch nicht in Betrieb genommen wurde und ich nicht mit vielen Mühen und Kosten per Luftfracht und Flugzeug rüber wollte, hatte ich mich entschlossen, zu meiner Freundin zu gehen. Sicher kein schlechter Entscheid, hätten wir uns doch volle 2 Jahre nicht gesehen. Dazu dämmerte mir, dass ich, wenn ich Juni oder Juli von Sri Lanka wieder zurück nach Indien zurückkommen würde, ich fast das ganze Land in der Monsunzeit hätte durchqueren müssen. Das wäre sicherlich eine Qual gewesen. Und nun, da ich das Land bereits durchquert habe, weiss ich, was mich erwartet hätte und ich bin sehr froh darüber, dass ich nun bereits in Dehli bin. Es wird viel einfacher sein, den nächsten Teil der Reise, der Norden mit Kashmir und der Himalayaregion, von Delhi aus zu starten. Delhi befindet sich schliesslich bereits weit im Norden und von dort aus ist es ein Katzensprung bis nach Kashmir, na ja, mehr oder weniger...

 

Nun bin ich also für 3 Monate in den Philippinen bei meiner Freundin und erhole mich von der indischen Intensität in unserem Haus. Was für eine Disziplin und Ruhe auf den Strassen! Herrlich! Endlich hört das ewige und nervige Dauergehupe auf, die Menschen fahren auf ihrer Fahrbahnseite und überholen nicht erst im letzten Moment...

Auch habe ich nun wieder schön Zeit, um meine Webseite aufzudatieren und auch einem anderen Hobby zu frönen: das Tauchen. Auch werde ich mich auf der indischen und pakistanischen Botschaft in Manila um ein neues Visum kümmern. Ich werde mich also erst wieder im August mit meinem nächsten Bericht melden, denn diese 3 Monate gelten nicht zur eigentlichen Reise, da ich ja hier stationär bin. Die Philippinen werde ich dann dokumentieren, wenn ich MIT dem Motorrad angekommen bin und das Land bereisen werde. Das wird planungsmässig ab Juli 2012 sein.

 

Im nächsten Bericht werde ich dann von Kashmir und, sollte ich ein weiteres Visum von Pakistan erhalten, vom Karakorum Highway, der berühmten Strasse, die Pakistan mit China verbindet und an ein paar Achttausender entlang führt. Es ist die höchstgelegene Fernstrasse der Welt! Sehr spektakulär, aber dazu mehr, wenn ich sie (hoffentlich) tatsächlich befahren haben werde...

 

In der Zwischenzeit wünsche ich euch einen tollen und unfallfreien Sommer. Bis dann...

 

Liebe Grüsse aus Tagbilaran, Bohol, Philippinen

 

Euer Thierry

 

 

6. Mai 2011

 
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