4. Bericht von Thierry Wilhelm aus dem Iran und Indien



1. Teil


10 km vor der iranischen Grenze halte ich an, mache eine Rauchpause und schiesse Fotos vom Berg Ararat – dem Berg, an dem angeblich die Arche Noah gestrandet ist. Ein imposanter, über 5'000 Meter hoher Berg mit weisser Schnee-und Eiskappe. Da halten plötzlich zwei Motorräder mit holländischen Kennzeichen an. Der Moment, an dem ich Els und Merijn kennenlerne. Sie fährt eine Honda Transalp, er eine African Twin. Nach einem kurzen Schwatz, beschliessen wir über die Grenze und bis zur ersten Stadt zusammen zu fahren. Doch o weh… der Grenzbeamte hat ein Problem mit meinem Visum. Ich kann nicht rein weil mein Visum erst ab 1. November gültig ist – heute haben wir jedoch erst den 15. Oktober. Mensch bin ich doof, hatte ich doch glatt vergessen zu kontrollieren, ab wann mein Visum gültig ist, vor lauter Vorfreude auf den Iran. Der Grund ist eigentlich, dass Syrien und Jordanien kleiner sind, als ich dachte. Ich brauchte deshalb weniger Zeit dafür, als geplant.
Leider konnte ich das Visum an der Grenze nicht vorverschieben. Sie schickten mich zurück in die Türkei nach Erzurum. Dort ist das nächstgelegene Konsulat – schlappe 330 km entfernt. Also fuhr ich zurück nach Erzurum und zu meinem Erstaunen, hat der Beamte das Visum ohne Kosten 14 Tage vorverschoben. Yeah…! Am nächsten Abend war ich wieder in Dogubeyazit und tagsdarauf an der Grenze. Diesmal kam ich ohne Probleme in 90 Minuten über die Grenze.

Die Holländer traf ich 2 Tage später in der nächst grösseren Stadt, Tabriz, wieder. Ich wusste, in welchem Hotel sie abgestiegen sind. Sie warteten dort auf mich, nachdem ich ihnen per Mail mein Kommen mitgeteilt hatte.  Fortan reisten wir zusammen…

Meine Ankunft in Tabriz gab mir einen ersten Eindruck des Verkehrs in Städten Irans., und wie! Da es im Iran bereits um 17:15 Uhr einnachtet, kam ich im Dunkeln an. Mich traf der Schlag als ich in der Stadt ankam: ein riiiiesen Verkehrschaos. Als fährt kreuz-und quer, kämpft um jeden Zentimeter und das Ganze in atemberaubenden Tempo. Zwischen den Autos flitzen unzählige Motorräder mit haarsträubenden Manövern – ohne Helm und oft ohne Licht! Im Iran sind Motorräder über 250 ccm verboten. Meistens sieht man billige chinesische 125er mit den tollsten Fantasiemarken. Und nun muss ich in diesem Chaos das Hotel finden! Es ist ein Abenteuer. Links und rechts rauschen Autos und Motorräder vorbei, oft begrüssen mich Leute aus dem Auto oder vom Motorrad aus: „Hello“, „where are you from“, „welcome to Iran“ usw. und lenken mich ab. Ich muss die Himmelsrichtung (GPS) im Auge behalten, Strassennamen versuchen zu entziffern und vorallem auf den Verkehr achten. Volle Konzentration! Ich frage mich durch und gefühlte 2 Stunden später finde ich dank gütiger Hilfe eine Motorradfahrers, der mich zum Hotel führt, den Zielort. Uff… denke ich, überlebt! Ich denke für mich, dass Teheran die wahre Hölle wird, wenn es hier bereits so chaotisch zu und her geht…

Leider können wir unser Wiedersehen nicht mit Bier begiessen. Alkohol gibt’s nicht im Iran. Ok, es gibt ihn, aber nur im Untergrund und sehr versteckt. Ich erfahre später in vielen Gesprächen, dass die iranische Jugend alles macht, was verboten ist. Parties, Alkohol, Drogen… alles vorhanden, aber eben, alles versteckt.

Im Iran herrscht für die Frauen den Zwang- es ist Gesetz! - mindestens ein Kopftuch, den Hijab, zu tragen. Allerdings widerstrebt es der jugendlichen Frauen und Mädchen sehr, dieses Gesetz zu befolgen. Entsprechend sieht man – anders als in arabischen Ländern – viele junge Frauen und Mädchen den Hijab sehr locker zu tragen. Keck hängt er oft Mitte Kopf oder sogar noch weiter hinten. Einige färben sich die Haare und sind z.T. sehr stark geschminkt. Man spürt den Widerwillen richtiggehend. Ein stiller Protest. Sie tragen farbige Hijabs und moderne Kleidung. Und trotzdem dominiert auf der Strasse die Farbe Schwarz, denn die älteren und verheirateten Frauen tragen den schwarzen Schador, den Ganzkörperumhang. Offenbar werden die Frauen, sobald sie verheiratet sind, von ihren Männern dazu gezwungen, den Schador zu tragen. Das ist eine Vermutung, denn ich weiss es nicht genau. Auf meine Frage hin, bekam ich eher ausweichende Antworten. Sie würden es freiwillig tragen, denn ein Hijab würde ja genügen, aber ich zweifle es an, denn zu viele Frauen tragen ich. Wenn ich sehe, wie möglichst locker die jungen Frauen herumlaufen und einen stillen Protest kundtun um dann später, wenn sie verheiratet, sollen sie urplötzlich erzkonservativ sein? Irgendwie passt es nicht zusammen…

Auffallend ist ebenfalls, dass im Gegensatz zu Syrien und Jordanien, die Frauen mit einem reden. Manche rufen ein scheues „Hello“ zu und schenken einem ein Lächeln. Andere sind mutiger und führen ein Gespräch in meist ordentlichem Englisch. Es fällt auf, dass sie meistens besser Englisch können, als die Männer. Die Frauen sind hier ganz offensichtlich viel selbstbewusster als ihre arabischen Schwestern. Man sieht sie hier auch in Läden oder Hotels arbeiten, was in arabischen Ländern praktisch nie vorkam. Dort wurde ich durchwegs nur von Männern bedient. Frauen sah man höchstens beim Einkaufen.

Überhaupt spürt man die Unzufriedenheit der Menschen mit der Situation im Lande. Ausser einem einzigen, älteren Mann, äusserten alle Gesprächspartner überraschend offen ihren Unmut über die Regierung, den Präsidenten und den Mullahs. Es hat nichts mit der Religion an sich zu tun, sie möchten ganz einfach freier sein. Wir kratzen ja lediglich an der Oberfläche und können die Zusammenhänge und Zwänge nicht vollumfänglich erfassen, aber man spürt, dass es unter der Oberfläche kräftig gärt. Es würde mich nicht wundern, wenn es irgendwann wieder eine Revolution gibt. Die soziale Bombe tickt… Ein Taxifahrer fragte uns - wie viele andere auch - wie es uns im Iran gefalle. Wir sagten natürlich „super“! Daraufhin sagte er: „No! No super! Very bad! We hate Ahmadinedschad (der Präsident)  and the Mullahs!“ Die Taxifahrer repräsentieren die Volksseele gewöhnlich am besten. Seine Meinung deckte sich mit vielen, mit denen wir gesprochen haben. Gespräche sind relativ einfach zu haben, denn die Leute sind ganz scharf darauf, mit uns zu diskutieren und auch ihre Englischkenntnisse anzuwenden. Offiziell dürften sie nicht mit Touristen reden (sagte uns ein Iraner), aber die Polizei kümmert sich nicht darum.

Eine andere Geschichte zeigt, wie eingeschüchtert die Menschen vor der Polizei und Militär ist. In Teheran hielten wir an einem grossen Kreisel an und wollten uns orientieren und nach dem Weg fragen. Da war ein Gebäude, das wie eine Bibliothek aussieht. Ein paar Militärs gingen ein und aus. Als sie uns vor der Türe entdeckten, kam ein Offizier heraus und lud uns ins Haus ein. Els und ich gingen mit, Merijn bewachte die Motorräder, die mittlerweile bereits von einigen Neugierigen begutachtet wurden. Die Bibliothek entpuppte sich als Militärbibliothek mit nur einem Thema: Alles Bücher ausschliesslich über den 8-jährigen Krieg mit Irak! Der Offizier war sehr nett, setzte uns herrliche Trauben vor und offerierte uns Tee. Er wollte ganz genau wissen, woher wir kämen. Er holte sogar Karten heraus und wir mussten zeigen, wo unsere Länder liegen. Auch wollte er wissen, was wir vom iranischen Militär halten und sollten es sogar aufschreiben, was wir natürlich nicht machten. Was sollten wir auch sagen? Es kam uns logischerweise etwas komisch vor. Aber er war die ganze Zeit wirklich nett und hatte grosse Freude, sein spärliches Englisch zu üben. Er liess uns für eine halbe Stunde nicht mehr zum Büro raus. In der Zwischenzeit wurde Merijn draussen von einigen gewarnt, dass wir nichts mit dem Militär zu tun haben sollten. Es sei gefährlich und unberechenbar… Aber wir waren ahnungs- und harmlose Touristen und machten uns überhaupt keine Gedanken darüber. Es war ja auch alles kein Problem. Aber es zeigt den grossen Respekt und möglicherweise auch Angst vor dem Militär im Iran.

Oder im prächtigen Golestan-Palast, in Teheran, in dem mehrere Museen untergebracht sind, sprach uns eine ältere Frau an und fragte uns, ob wir französisch könnten. Ich bejahte und sie fing an, die alten Zeiten zu loben und wie doch früher, viel früher, alles viel kultivierter, eleganter und schöner gewesen sei. Und fragte sich, was aus dem schönen Persien geworden sei und fing an sich bitterlich zu beklagen, wie doch unfrei die Menschen heute im Iran seien. Es war sehr eindrücklich. Sie fing beinahe an zu weinen…

Es waren vier Museen in dem Palast untergebracht. In einem davon arbeitete eine junge Studentin. Sie sprach ausgezeichnet Englisch. Anfangs erklärte sie mir die Ausstellungsgegenstände. Alte Radios, Rechenschieber- und maschinen, Funkgeräte, Schreibmaschinen usw. Wir waren alleine im Raum uns sie begann mich zu fragen, woher ich komme, was ich arbeite usw. Auch sie begann, sich über die Zustände zu beschweren und wie schwierig eine Zukunft für die Jugend im Iran sei. Sie wolle nach Deutschland auswandern und dort studieren gehen. Industrie-Management! Sie war sehr hübsch, dezent geschminkt und auch ihr Hijab hing beinahe nur noch auf ihrem zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren am Hinterkopf. Innert einer halben Stunde zwei völlig verschiedenen Generationen mit dem gleichen Klagen… Wenn das nicht einiges aussagt über die soziale Situation im Iran?

Trotzdem, die Leute sind ausserordentlich freundlich und neugierig. Noch nie habe ich so viele Einladungen in die privaten Häuser erhalten um einfach Tee zu trinken, essen oder um gleich zu übernachten. Es ist ehrlich unglaublich, wie toll die Gastfreundschaft in diesem Land ist. In diesem Ausmass habe ich das wirklich noch nie erlebt. Man spürt eine ehrliche Freude und Stolz darüber, dass man ihr Land besuchen kommt. Sie sind sich sehr bewusst, dass der Ruf von Iran im Ausland, speziell im Westen sehr schlecht ist und sie geben sich alle Mühe, diesen Ruf zu widerlegen. Das gelingt ihnen mehr als gut. Ausserdem gilt in islamischen Ländern ein Gast zu haben, einen Segen Gottes, bzw. Allahs. Entsprechend freuen sie sich ehrlich über jeden Gast. Davon könnte sich der Westen eine dicke Scheibe abschneiden!

Allerdings, einmal mehr, bremst und trübt die Regierung auch hier den natürlichen Drang der Menschen, gastfreundlich zu Fremden zu sein. Wir mussten nämlich erfahren, dass es sogar verboten ist, ohne vorgängige Bewilligung, Fremde zu sich nach Hause einzuladen. Offenbar wissen das viele Nicht oder scheren sich einen Deut um dieses Gesetz. Doch wurde es zum unserem grossen Leidwesen für eine äusserst nette Frau, die uns zu sich eingeladen hatte, zum Verhängnis. Das ging folgendermassen: Wir machten einen Trip in die Wüste, wo wir in einer alten Karawanserei übernachten wollten. Als wir dort am späten Nachmittag ankamen, es war gerade Freitag – der freie Tag von Moslems, war ziemlich viel los (es ist ein beliebtes Ausflugsziel, um dort das Wochenende – Donnerstagabend/Freitag – mit der ganzen Familie zu verbringen), sprach uns eine Frau um die 40 an. Sie redete ausgezeichnet Englisch. Im Verlauf des Gesprächs lud sie uns zu sich nach Esfahan ein. Sie hüte ein Haus von einem schweizer Schriftsteller, der aber praktisch nie da sei. Wir könnten dort übernachten und die Motorräder in den Innenhof stellen. Perfekt, dachten wir! Wir wollten sowieso einige Tage in Esfahan verbringen, da die Stadt sehr schön ist und viel zu bieten hat. Also nahmen wir an. Sie schrieb uns Adresse und Tel.-Nr. auf und wir verabschiedeten uns.
Ich ging nach dem Wüstentrip zurück nach Teheran, denn ich hatte auf der indischen Botschaft mein Visum bestellt. Es dauert eine Woche, bis man es ausgehändigt bekommt. Wir wollten uns danach in Esfahan bei der Frau wieder treffen. Als ich drei Tage später nach Esfahan kam, fand ich mit Hilfe eines hilfsbereiten Motorradfahrers die Adresse von der Frau. Sie führte mich danach zu dem Haus des Schriftstellers, wo sich Els und Merijn bereits gemütlich eingerichtet hatten. Sie sagten mir, dass es möglicherweise Probleme mit der Polizei gäbe und erzählten mir, was sich ereignet hatte:
Demnach gingen Els und Merijn am Tag zuvor zur Touristenpolizei, um ihr Visum zu verlängern. Die Frau selbst gab ihnen den Tipp mit der Touristenpolizei. Es sei kein Problem. Und so schien es anfangs auch zu sein. Dann fragte die Polizei nach dem Hotel. Els sagte, dass sie in keinem Hotel seien, sondern privat übernachten. Da wurde die Polizei hellhörig und fing an, nachzubohren. Ja bei wem denn? Wie lautet die Adresse? Wie sie dazu kämen? Ob wir die Familie kennen würden? Usw. Sie wurden so eindringlich, dass sie schliesslich die Tel.Nr. geben mussten. Die Polizei rief umgehend an und befahlen der Frau, sofort herzukommen. Die beiden Holländer wurden dann entlassen, mit dem Befehl, ein in ein Hotel zu gehen. Das Visum war nicht verlängert.
Nun sassen wir also zusammen und beschlossen, gleich morgen früh ein Hotel zu suchen. Nachts um 22 Uhr klopfte es an der Tür – wir lagen bereits im Bett – die Frau stand vor der Tür und sagte, wir müssten sofort in ein Hotel, jetzt! Die Polizei suche die beiden Holländer und klappere jedes Hotel ab. Sie bekomme ansonsten grosse Probleme!  Scheisse, gemütlich im Bett, am lesen und nun plötzlich Hektik. Alles zusammenpacken und abfahrbereit machen… Hätte das nun wirklich nicht bis morgen warten können? Sie erzähle uns, dass sie auf der Polizei ein Papier unterschreiben musste. Sie musste sich damit verpflichten, dass sie nie mehr Fremde ohne schriftliche Bewilligung der Polizei in ihrem Haus beherbergen würde!
Sie zeigte uns noch den Weg zu einem Hotel und verabschiedete sich dann von uns. Wir wissen nicht, was für Konsequenzen die Geschichte noch für die Frau nach sich zog. Auf jeden Fall hinterliess es für uns ein beklemmendes Gefühl und sie tat uns sehr leid. Sie war ja soooo nett und herzlich zu uns. Wir hoffen mal, dass es sich mit dem Unterzeichnen des Papiers erledigt hatte uns sie nicht noch eine Busse zu bezahlen hatte. Sie sagte auf jedenfall: „no problem, don’t worry“. Und so hielten wir uns zu unserem Trost an diese Worte…

Umso erstaunlicher war für uns, wie viele private Einladungen wir auf der ganzen Reise und überall im Land erhalten hatten. Es ist wirklich traurig festzustellen, dass die Volksseele und natürliche Drang zur Gastfreundschaft durch die Regierung unterdrückt wird. Zum Glück gelingt ihr das nicht sonderlich und offenbar verfolgt sie es auch nicht mit Nachdruck. Es ist vielleicht ein kleines Detail, aber dass überhaupt ein solches Gesetz besteht, zeigt irgendwie auch, dass die Regierung nicht auf solidem Fundament steht und ihrem eigenem Volk nicht traut. Das erklärt auch die grosse Polizeipräsenz, die Geheimpolizei (wie uns erzählt wurde) und das omnipräsente Militär. Das erklärt die Angst und Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung und zeigt grosse Missstände im Lande auf. Diese Umstände sind wirklich sehr traurig, denn die Perser sind ein sehr selbstbewusstes Volk, äusserst freundlich, intelligent und tolerant. Ich habe viele Stimmen gehört, die sich die Zeiten des Schahs zurück wünschen. Da sei alles viel einfacher gewesen und den Leuten ging es besser. Aber der Fehler des Schahs war, dass er sich zu wenig um das Volk gekümmert habe uns sich zu sehr an Amerika angelehnt hatte. Er wurde als Marionette Amerikas angesehen. Er habe die persische Seele verraten. Ich bin gespannt, wie es mit dem Land weitergehen wird, aber eines ist mir bewusst geworden: Die Iraner werden von der Welt total verkannt und völlig falsch dargestellt. Mr. Bush sei dank – von wegen Achse des Bösen! Wenn man die Iraner auf die Amerikaner anspricht und fragt, was sie von ihnen halten, so sagte man uns, dass man die Amerikaner gerne hat. Sie scheinen sehr genau unterscheiden zu können, was politische Propaganda und was Realität ist. Sie sagen, die Amerikaner sollen doch bitte den Iran besuchen kommen und sich ein eigenes Bild machen. Wir trafen einen amerikanischen Touristen und fragten ihn, was denn seine Erfahrungen mit den Menschen seien. Er geriet ins Schwärmen von der Freundlichkeit, die ihm entgegenschlug und meinte, dass er sehr traurig und beschämt über die offizielle amerikanische Haltung gegenüber dem Iran sei…

Ich fühlte mich aber überall sehr sicher. Aggression war nirgends zu sehen. Im Gegenteil. Die Leute rufen uns von überall ein „Hello“ oder „what country?“ zu. Beim Spazieren, während der Fahrt durch Städte und sogar auf der Autobahn bei Tempo 100! Echt wahr, viele Automobilisten verlangsam ihre Fahrt, fahren neben uns her, fotografieren uns mit ihrem Natel und rufen uns Unverständliches zu. Es ist auch schon vorgekommen, dass sie uns beinahe von der Strasse schieben, beim Versuch zu kommunizieren. Einer wollte mir eine Banane rüberreichen, einer eine Tüte Chips – und das alles in vollem Tempo! Da ich, bzw. wir immer mit Licht fahren, sehen uns die Fahrer schon von weitem und entsprechend setzt eine wildes Lichtgehupe und/oder Gehupe ein. Überhaupt ist die Hupe ein äusserst beliebtes Kommunikationsmittel. Man setzt es ein um
-    zu warnen, und zwar im Sinne von „Achtung ich komme!“
-    um einfach „Hallo“ zu sagen
-     als Taxifahrer Kunden anzuhupen
-    oder „mach mal da vorne!“
-    wenn man nicht 2 Sekunden vor Umschalten der Ampel auf Grün bereits losfährt
-    oder um einem einfach aus dem Weg zu hupen

Überhaupt ist das Tempo ein grosses Thema. Die Iraner scheinen immer im „Rennmodus“ zu fahren. Sei es auf offener Strasse oder, und das ist noch viel schlimmer, mitten in der Stadt. Das ist das Gefährliche im Stadtverkehr. Ich habe schon viele Städte mit unglaublich viel Verkehr erlebt, aber nirgends in solch einem Tempo – bis alles hoffnungslos verkeilt ist. Dann setzt das grosse Gehupe ein und langsam entwirrt sich die Kreuzung bis zum nächsten „Knäuel“ wieder.

Als ungeübter Fussgänger ist es eine fast unüberwindbare Mutprobe, die Strasse zu überqueren. Da rasen die Autos und Motorräder in horrendem Tempo auf einem zu und da soll man loslaufen? Höchst ungemütlich! Dabei spielt überhaupt keine Rolle, ob auf Zebrastreifen oder nicht. Der Fussgänger ist ganz einfach das schwächste Glied in der Hierarchie der Stärke und dementsprechend (fast) nicht beachtet. Aber, nach einer gewissen Zeit und Beobachtung, stellt man fest, dass es doch ein System gibt: Man läuft einfach auf die Strasse raus, lässt ein Auto oder Motorrad vorbei, läuft wieder eine Autobreite, lässt wieder ein Fahrzeug vorbei und hangelt sich so langsam auf die andere Seite. Der Verkehr berechnet das Forwärtsbewegen und fährt dementsprechend vor oder hinter einem vorbei. Doch gebremst wird nicht oder nur im äussersten Notfall. Dafür kassiert man ein wildes Gehupe! Am schlimmsten ist es in Teheran, aber nur weil es dort die Grösste Menge an Fahrzeugen gibt (10 Mio. Einwohner), gefahren wird im ganzen Land im selben verrückten Tempo. Wenn man selber im Verkehr ist, gilt nur eins: Gas geben und mitschwimmen. Das ist das Sicherste. Nach einer gewissen Zeit, kapiert man das System und gewöhnt sich daran. Jedoch, einmal in Teheran, fuhr ich vollbepackt durch den Verkehr um die Stadt Richtung Esfahan zu verlassen, überholte mich so ein verrückter Motorradfahrer auf seiner 125er und just vor mir stand eine Fussgängerin auf dem Fussgängerstreifen. Er bremste abrupt und da es regnete, rutschte er aus und fiel direkt vor mein Vorderrad. Ich sollte noch erwähnen, dass viele dieser 125er eine grosse Windschutzscheibe haben. Ich wollte also ausweichen, rutsche aber auf seiner grossen Windschutzscheibe, die direkt vor meinem Vorderrad zu liegen kam, aus und kam ebenfalls zu Fall. Auf wundersame Weise kam der Verkehr sofort zum Stillstand und viele kamen sofort angerannt und halfen mir, das Motorrad wieder aufzustellen. Es passierte zum Glück wie durch ein Wunder nichts weiter. Aufstellen, bedanken und weiterfahren. No big deal…

Eine Eigenheit der LKW- und Autofahrer im Iran ist, Motorradfahrer nicht ernst zu nehmen. Da fahr z.B. ich in der Kolonne im selben Tempo wie die Autos und werde trotzdem überholt. Man quetscht sich einfach neben das Motorrad, ist ja Platz genug! Voll ätzend! Man muss sich einfach seeeehr breit machen und ja nicht ganz rechts fahren, ansonsten wirst du konstant überholt. Daran muss man sich erst gewöhnen. Überhaupt ist frech fahren angesagt, sonst hast du verloren… Und ehrlich gesagt, macht es nach einer Eingewöhnungsphase auch Spass! Vergiss alle Regeln, die du zu Hause auf jeden Fall einhalten musst. Hier stört sich absolut keiner darüber, nicht mal die Polizei…!


2. Teil

Zurück zu Reise. Der Iran liegt viel höher, als ich mir das vorgestellt hatte. Ausser in der Wüste im Südosten und am Meer im Süden, liegt man konstant zwischen 1'100 und 2000 M.ü.M. und überquert auch hin und wieder mal einen Pass bis auf 2'600 Meter. Ich war sehr froh, meinem Zeitplan voraus zu sein und nicht noch später eingereist zu sein. Sobald die Sonne untergegangen ist, wird es bitter kalt. Zum Glück hatten wir bis auf 3 Regentage immer schönes Wetter. Wir durchquerten herrliche Bergwelten, fuhren durch weite Täler und unendliche Ebenen. Wir durchquerten weite Wüsten und Steppen. Leider konnten wir den Norden mit Bergen bis an das kaspische Meer nicht besuchen, da es dort bereits sehr kalt und nass war. Auch hörten wir von bereits einsetzendem Schneefall. Schade, denn es soll eine wunderschöne und sehr grüne Gegend sein. Deshalb dominierte auf unserer Tour die Farben gelb und ocker. Aber doch aufgelockert mit grünen Abschnitten in den zentralen Bergen. Wir durchquerten viele Dörfer, die fast vollumfänglich in Lehm gebaut sind, was eine sehr spezielle Atmosphäre hervorruft. Man fühlt sich zum Teil um Jahrhunderte zurückversetzt. Und in der Tat, das Leben dieser Menschen auf dem Lande hat sich wohl seit ewigen Zeit kaum verändert. Ausser vielleicht, dass modernere Traktoren und Strom dazugekommen sind. Es gibt wunderschöne, alte Stadtkerne wie z.B. in Yazd oder Kashan, die immer noch aus Lehm bestehen. Sehr eindrücklich und stimmungsvoll. Viele enge Gassen, Durchgänge und darin  kleine Läden. Viele der Gassen sind überdacht, wie in einem Bazar, in die kleine Kuppeln eingebaut sind die Licht hereinlassen. In Kashan übernachteten wir in einem alten Stadthaus, das zu einem Hotel umgebaut wurde. Diese vornehmeren Stadthäuser haben einen sehr stimmungsvollen Innenhof, in deren Mitte meistens ein grosses Wasserbecken mit Wasserspiel steht. Drum herum Bäume, Blumen und halbhohe Sitz/Liegeplätze, wo man gemütlich isst, plaudert oder liest. Sehr gepflegt!

Eine Eigenheit von Yazd ist, dass dort sein Jahrhunderten sogenannte Windtürme stehen. Das ist so was wie eine Klimaanlage. Der Turm, der aussieht wie ein viereckiger Kamin hat Schlitze, in denen der Wind „eingefangen“ wird. Die Räume darunter werden im heissen Sommer herrlich gekühlt! Auch hielt und hält man immer noch grosse Wasserzisternen kühl. Ein einfaches Rezept.

Die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten im Iran sind ganz eindeutig die Moschee, Schreine und Mausoleen. Im Gegensatz zu Syrien und Jordanien, sind sie hier noch viel ausgeschmückter und noch viel mehr verziert. Sie machen einen gewaltigen Eindruck. Man wird total verzaubert und kann es kaum fassen, wie detailverliebt und  aufwendig diese Moscheen gebaut wurden. Ein bestimmtes Mausoleum möchte ich ganz speziell erwähnen, nämlich dasjenige von „Shah Cheraq“ in Shiraz. Hier liegt Seyyed Mir Ahmad, ein Bruder vom 8. Imam Reza. Der Raum, wo sich das Grab befindet, ist vollständig mit Spiegelmosaiken ausgestattet, so dass das Licht des grossen Leuchters eine dermassen grosse Fülle von Licht erzeugt, dass man sich dieser unglaublichen Atmosphäre auch als Nichtgläubiger nicht entziehen kann. Deshalb heisst dieses Heiligengrab auch „Shah des Lichts“. Es ist einfach wunderschön und atemberaubend. Leider darf man keine Fotos machen, so dass ich euch das nicht zeigen kann. Ich werde dieses Bild und den Eindruck nie mehr vergessen! Allerdings muss man als Tourist einige Überredungskunst anwenden, damit man überhaupt reingelassen wird…

Es gäbe noch von vielen wunderschönen Bauwerken zu berichten, doch führt das zu weit. Schaut euch die Fotos an, das sagt alles…

Eine letzte Episode möchte ich noch erwähnen. Seit Shiraz hat sich uns noch ein irisches Päärchen, Helen und Ian, angeschlossen. Sie fährt eine BMW GS 650 und er hat eine Triumph Tiger umgebaut. Er wollte einen Dieselmotor und hat deshalb einen 800ccm Motor von einem Smart eingebaut!
So fuhren wir also seit Shiraz zu fünft. Sie hatten Angst, Pakistan alleine zu durchqueren und waren sehr glücklich darüber, uns anschliessen zu können. Von Shiraz ging es also über Yazd und Bam an die pakistanische Grenze.

Bevor wir aber von Yazd aus nach Bam fuhren, wollten wir noch einmal in der Wüste campieren. Wir zweigten von der Hauptstrasse ab und überquerten eine superschöne Bergkette. Auf der anderen Seite lag die weite Wüste, in der wir campen wollten. Wir wussten aus dem Lonely Planet, dass es dort schöne Sandskulturen geben soll. Wir passierten das letzte Dorf und stachen in die Wüste. Es gibt eine geteerte Verbindungsstrasse zu einer Stadt. Von dieser bogen wir in ein Wüstencamp, das völlig verlassen war. Dort hörte diese Seitenstrasse auf und wir fuhren ein Stück auf dem harten Sandboden, bis wir eine passende Stelle gefunden hatten. Wir fanden die Skulpturen leider nicht, aber die Gegend war trotzdem superschön mit vielen Sandhügeln und Verwehungen. Es war ein toller Abend in absoluter Ruhe mit keinem einzigen, von Menschen erzeugtem Geräusch. Weit und breit keine Menschenseele…

Am nächsten Tag fuhren wir die ca. 160 km bis nach Bam. Bam wurde vor 5 Jahren von einem gewaltigen Erdbeben heimgesucht und beinahe vollständig zerstört. Davon habt ihr sicher gehört und gelesen. Es war ein Desaster. Wir wussten aus von „Horizons Unlimited“, die Motorradreisenden-Webseite, dass es ein Motorradfreundliches Hostel gab und das der Besitzer überlebt hatte. Wir hatten die  Koordinaten und fanden das Hostel schnell. Der Besitzer, Akbar, ist ein 67-jähriger Mann und äusserst freundlich. Er redet ausgezeichnet Englisch. Er hatte das Erdbeben wie durch ein Wunder überlebt, den das Beben fand morgens um 5 statt und wie viele andere schlief er zu dieser Zeit. Das ganze Hostel wurde zerstört und er verlor alles. Zum Glück hatte seine Familie, die etwas ausserhalb wohnt, überlebt. Aber sein Hostel war sein ein und alles. Er lebt getrennt von seiner Frau. Es war eine arrangierte Ehe und er lieb seine Frau überhaupt nicht, aber eine Scheidung gibt’s im Islam nicht. Deshalb steckt er seine ganze Energie in das Hostel. Er ist der perfekte Gastgeber und er liebt den Kontakt mit den Ausländer. Er erzählte uns den ganzen Abend bis in die Nacht hinein Geschichten und Anektoden. Es war total lustig und unterhaltsam. Ein superlieber Typ. Seit 5 Jahren steckt er jeden Rappen, bzw. Rial, in den Wiederaufbau des Hostels. Es ist immer noch ein grosse Baustelle, ab er hat immerhin wieder 8 Zimmer, die er vermieten kann. Da er so ein toller Mensch ist und alle Gäste begeistert von ihm sind, bekam er viel Hilfe von früheren Gästen, die sich sofort Sorgen um ihn machten, als das Erdbeben bekannt wurde. Er weinte, als er von der aussergewöhnlichen Hilfe von früheren Gästen erzählte. Einige reisten sogar sofort nach Bam und halten tatkräftig beim Aufbau mit. Er sagt, ohne diese Hilfe, hätte er es niemals geschafft. Heute kann er wieder lachen und glücklich sein. Sein grösster Schatz sind die Gästebücher – 5 an der Zahl und gross und dick!. Sie lagen unter dem Schutt des zusammengebrochenen Hauses. Er erzählte, dass 5 Leute, 10 Tage lang nach diesen Büchern gruben. Er war total glücklich, als er sie wieder hatte. Stolz zeigte er sie uns und wir lasen viele Einträge aus den vergangenen 18 Jahren. Und immer wieder eine Anektode zu diversen Gästen. Es war eine tolle Erfahrung, diesen aussergewöhnlichen Menschen kennenzulernen…

Am nächsten Morgen wollten wir die letzte Etappe zur Grenze in Angriff nehmen. Doch nun fing das Übel mit den Polizeieskorten an! Akbar hat die Pflicht, wie jeder Hostelbesitzer, die Gäste der Polizei zu melden. Wir wollten morgen um 6 los, damit wir die letzten 400 km an einem Tag schaffen. Zu unserer Überraschung, war die Polizei pünktlich vor der Tür und nahm uns in Empfang. Der Tag entwickelte sich zum mühsamsten Tag im Iran! Wir erlebten 12 (!) Eskortenwechsel und schafften nur 300 km in 12 Stunden! Die letzte Stadt vor der Grenze heisst Zahedan. Da es eindunkelte, quartierten sie uns in ein staatliches, total unfreundliches Hotel ein. Gleich vis-à-vis der Polizeistation. Wir mussten jeweils hinter dem Polizeiauto, bzw. -pickup, das mit 3-5 mit Maschinengewehren ausgerüstete Polizisten besetzt war, herfahren. Diese fuhren zwischen 40 und 60 km/h und schliefen dahinter fast ein. Total mühsam! Wir konnten ihnen leider auch nicht davonfahren, denn sie sammelten unsere Pässe in Bam ein und reichten diese jeweils der nächsten Eskorte weiter. Immer wurde von den Beamten dafür unterschrieben und gegengezeichnet. Sie nahmen ihren Job sehr ernst…

Am nächsten Morgen wurde noch ein Deutscher, der mit einem umgebauten Mercedes-Lastwagen nach Nepal unterwegs war, zur Karawane dazugestellt. Es war ein 72-jähriger, total mühsamer Mensch, der ausschliesslich Deutsch konnte und alle in Deutsch bequatschte und immer am reklamieren war. Wir hatten ihn schon sehr bald satt! Aber er sollte uns noch bis rein nach Pakistan begleiten und erst in Quetta loswerden. Aber das war erst 4 Tage später…

Da gerade ein muslimischer Feiertag im Gange war, bzw. 3 Tage, wussten wir, dass die Grenze um 12 Uhr schliesst. Es waren noch 95 km zu fahren, von Zahedan aus. Wir drängten die Eskorte immer wieder schneller zu fahren, doch bleiben sie stur. Nach weiteren 4 Wechsel erreichten wir endlich um 11:20 Uhr die Grenze und konnten den Papierkram gerade noch erledigen. Bis wir dran kamen, war 12:30 Uhr, aber als letzte wurden wir doch noch abgefertigt. Es wurde uns versichert, die pakistanische Seite sei offen. No Problem…

Hinter dem letzten Schlagbaum, nahm uns die pakistanische Seite in Empfang und bescherte uns mit dem Ersten Eindruck pakistanischer Gastfreundlichkeit. Doch dazu mehr in meinem nächsten Bericht…

Herzliche Grüsse aus Lahore, Pakistan
Euer Thierry

 
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