3. Bericht von Thierry Wilhelm aus Syrien und Jordanien


3. Bericht von Thierry Wilhelm aus Dogubeyazit an der iranischen Grenze


16. Oktober 2010



Bereits habe ich Syrien und Jordanien hinter mich gebracht. Was für eine Erfahrung! Doch der Reihe nach…

Noch in Antakya in der Türkei, ca. 50 km von der Grenze entfernt, lerne ich ein schweizer Päärchen, welches ebenfalls mit dem Motorrad unterwegs ist, im selben Hotel kennen. Wir erforschen gemeinsam die wunderbare Altstadt Antakyas, welche an einen Berghang liegt. Enge Gässchen und überall sehr freundliche Leute. Dasselbe hätte ich in Lateinamerika niemals gemacht – vor allem nach Sonnenuntergang nicht -, denn man streift durch enge Gassen und schaut den Leuten buchstäblich in die gute Stube rein. Überall spielen Kinder, das Leben findet vorwiegend auf den kleinen Plätzchen statt, die sich immer wieder auftun. Wir werden überall freundlich begrüsst und interessiert befragt. Wie höher wir steigen, desto toller die Aussicht. Am oberen Rand angekommen, finden wir ein nettes Plätzchen zum picknicken und wir geniessen dort oben den Sonnenuntergang und den Muezzin, der über die Stadt hallt. Ein grandiose Stimmung (siehe später ein Filmchen auf meiner Webseite dazu).

Am Abend streifen wir nochmals durch den Suq. Ich brauche neue Schuhbändel und frage deshalb einen jungen Mann nach einem Geschäft. Er sagt mir nicht etwa, wo ich es finden könne, sondern kommt gleich mit und organisiert mir den richtigen Bändel. Als ich bezahlen will, sagt der junge Mann: „Lass stecken, ich übernehme das“. Mir ist das natürlich nicht recht und insistiere. „Nein, nein“, sagt er, „es ist mir eine Ehre, dass du von so weit her kommst und meine Stadt besuchst!“. Wow, hat man da noch Worte?

Wir fahren zwei Tage später gemeinsam an die Grenze, bzw. die zwei etwa 2 Stunden früher, ich mag nicht so früh aufstehen. Wir hatten ein Hotel in Aleppo, der ersten syrischen Stadt, vereinbart, wo wir uns wieder treffen wollten. Als ich an die Grenze kam, waren die zwei ziemlich entnervt immer noch am rotieren. Sie hatten kein „Carnet de Passage“ dabei, was ihre Einreise ziemlich verzögerte. Sie konnten schlussendlich ein temporäres Carnet lösen. Ich erledigte meinen Papierkram ziemlich entspannt und nach anderthalb Stunden war ich bereits durch – die anderen zwei hampelten immer noch mit den Beamten. Ich fuhr los und setzte mich kurz nach der Grenze in den Schatten und machte Pause. Da kamen sie endlich angefahren! Über 3 Stunden benötigten sie!

Syrien – endlich! Ich war sehr gespannt, was mich erwartete. Die Landschaft änderte gewaltig. Es wurde immer „steppiger“ und öder. Bis Aleppo waren es schlappe 50 km, einen Katzensprung. Doch wie näher wir kamen, desto „wusliger“ wurde es auf der Strasse. Und kaum in Aleppo eingefahren, brach das ultimative Chaos aus! Ein wildes Gehupe und Gedränge. Ich liess mich nicht davon beirren und suchte geduldig die Innerstadt und das Hotel, das wir ausgesucht hatten (wir fuhren getrennt, denn sie benötigten nach der Grenze eine längere Pause, um sich vom Stress zu erholen…! Sie schaffen es aber auch und trafen kurz nach mir im Hotel ein. Das Hotel war ziemlich heruntergekommen und schmutzig. Eine Enttäuschung, aber günstig (Fr. 12.00/Nacht) .

Aleppo war super! Sie ist zwar die bevölkerungsreichste Stadt Syriens, aber die Altstadt mit ihren Suqs (Bazare), der prächtigen, über der Stadt thronenden Zitadelle, dem wunderschönen Christenviertel mit alten, herrschaftlichen Wohnhäusern und dem herrlichen, arabischen Essen, machen diese Stadt zu einem absoluten Highlight einer Syrienreise. Der Suq soll der schönste und grösste im Orient und sogar weltweit sein! Eine 12 (!) Gassenkilometer lange und überdachte Zauberwelt!  350(!) fast lückenlos überkuppelte und überwölbte HEKTAR Marktfläche, nebst 22 Karawansereien! Dieser Sup sei 15(!) Mal grösser als der grosse Bazar von Istanbul! Das sind extreme Zahlen und es fühlt sich auch so an. Schon nach kurzer Zeit hat man sich verlaufen und verstrickt sich immer tiefer in den Gassen. Einfach herrlich diese Symphonien von verschiedensten Düften! Wahrlich eine Zauberwelt… Übrigens, die Altstadt mitsamt Zitadelle und Suqs sind als Weltkulturerbe von der  Unesco aufgenommen worden. Kein Wunder, wenn man das alles sieht…

Ich lerne weitere (Rucksack-)Traveller aus Holland, England und der Schweiz im Hotel kennen und verbringe die nächsten 2 Tage mit ihnen. Wir haben grossen Spass beim durchstreifen der Stadt. Am 3. Tag unternahm ich einen Töffausflug in die Umgebung von Aleppo. Es gibt Geisterstädte und vor allem das Simeonskloster zu besichtigen. Der heilige Simeon war der erste sogenannte „Säulenheilige“ der christlichen Geschichte – er lebte seine letzten 30 (!) Jahre auf einer 4m2 grossen, 19 Meter hohen Säule!!! Man stelle sich das einmal vor. Nach seinem Tod errichtete man rund um die Säule eine gewaltige Kirchenanlage. Die Säule stand dabei im Mittelpunkt eines Oktogons, einem riesigen Kuppelbaus, von welchem sich in jede Himmelsrichtung je eine Basilika erstreckte. Sehr beeindruckend das Ganze…

Nach Aleppo ging’s über die Berge runter ans Mittelmeer zur Stadt Lattakia. Es ist eine moderne und liberale Stadt mit sehr vielen jungen Leuten. Es wird Alkohol getrunken und getanzt. Das sieht man in anderen Städten nicht, bzw. nicht so offensichtlich. Lattakia war für mich aber nur Ausgangspunkt um die wunderbare Kreuzritterburg „Saladin Castle“ zu besichtigen, welche etwa 25 km entfernt in den Bergen steht. Sie heisst Saladin, weil dieser Herrscher die Kreuzritter besiegte und die Burg eroberte. Die Lage dieser Burgen ist immer umwerfend: hoch auf einem Berg oder Hügel stehen sie immer an strategisch günstigen Punkten. Auch diese Burg hat sich sehr gelohnt zu besichtigen.

Danach ging’s weiter nach Hamah. Etwa 20 km vor der Stadt halte ich an und mache zwei Bilder von der Strasse und der Landschaft. Da hält ein Roller neben mir mit zwei Jünglingen, die mein Motorrad anschauen und mit mir quatschen wollen. Wir unterhalten uns etwa 2 Minuten, als plötzlich ein Pickup quer vor mir rasant anhält, vier finstere Typen rausspringen und mich umringen. Au Scheiss, was gibt’s denn jetzt? Ich dachte erst, die meinen, ich hätte ein Problem und so winke ich ab und sage „no problem, everything ok“. Der Boss der vier sagt mir ziemlich barsch: „give me camera!“ Ich denke: Scheisse, wollen die mich berauben? Darauf sagt er: „Police, no fotos“ Die Typen waren in zivil und ich wollte einen Ausweis sehen, doch er verstand mich nicht. Er verlangte nachhaltig meine Kamera und bedrängt, wie ich war, händigte ich sie aus. Er wollte meine Bilder sehen. Ich zeigte ihm, wie man blättert. Er sagte wieder “no foto, no foto!“ Darauf hin packte er die Kamera ein und deutete mir, ich solle dem Pickup folgen. Die Jungs hatten sich in der Zwischenzeit verzogen. Verdammt, was soll das am Ende geben? Mir kamen Horrorszenarios in den Sinn und ich befürchtete schon das Schlimmste. Ich war nun ziemlich nervös. Zumal er nochmal anhielt und sich mit zwei Typen auf einem kleinen Motorrad unterhielt. Beide waren in zivil und hatten ein Maschinengewehr mit aufgepflanztem Bajonett in der Hand. Scheisse, wo bin ich nun
wieder hereingeraten? Ich folgte den Pickup und nach etwas 10 Minuten hielt vor einer Militärkaserne. Mir war inzwischen klar, dass ich militärisches Gebiet versehentlich fotografierte und da werden die Syrier sehr nervös – ich könnte ja ein israelischer Spion sein (von schweizer Kennzeichen am Motorrad haben die offenbar keinen Schimmer!). Ich musste warten und 3 Typen bewachten mich. Ich muss aber sagen, dass sie recht höflich waren. Ich fühlte mich nicht bedroht. Einer bot mir noch eine Zigarettte an. Der Chef ging in die Kaserne und holte eine höheren Offizier, der etwas Englisch konnte. Sie studierten meinen Pass ganz genau. Einer entdeckte mein GPS und verlangte, dass ich es sofort ausschaltete. Ich befürchtete in diesem Moment, dass sie mir das GPS wegnehmen. Ich schnallte es ab und versorgte es schnell im Tankrucksack – aus den Augen, aus dem Sinn, dachte ich. Sie schauten sich meine Fotos in der Kamera an. Ich erklärte ihnen, wo was war. Sie erkannte dann aber, dass es ganz einfach normale Touristenfotos waren. Ich hatte zum Glück die Bilder vom Crak des Chevaliers, Saladinsburg und Lattakhia noch nicht auf den Laptop heruntergeladen. Letztendlich musste ich lediglich die zei letzten Bilder löschen und gut wars. Sie erkannten, dass ich ein ganz normaler Tourist war. Ich fragte mich, was wohl gewesen wäre, wenn ich einen amerikanischen Pass gehabt hätte…?
Derjenige, der sich wie der Boss aufführte wollte noch wissen, ob ich Videos gemacht hätte und wollte nochmal das GPS sehen. Shit, er hat es nicht vergessen. Sie studierten mein GPS genau und erkannten, dass man damit keine Videos machen kann. Am Schluss entschuldigte sich der Englisch sprechende Offizier für die Unannehmlichkeiten und sagte: „Welcome in Syria“! Uff, das ging nochmal gut. Ich befürchtete nämlich, dass sie mein gesamtes Gepäck auseinander nehmen werden und ich für Stunden blockiert sein werde. Letztendlich kam ich glimpflich davon und es lehrte mich, bevor ich eine Landschaft fotografiere, genau zu beobachten, ob ich irgend was militärisches entdecken kann. Aber die Geschichte jagte mir einen gehörigen Schrecken ein. Man kennt ja Horrorszenarien aus dem Kino oder von sonstigen Gruselgeschichten aus den Medien. Man hat in solchen Situationen eine blühende Fantasie, kann ich euch sagen…
Noch vor Dunkelheit erreichte ich darauf doch noch Hammah. Hamah ist eine konservativen Stadt im Zentrum des Landes. Höhepunkt sind die berühmten Wasserräder. Sie gelten als die weltgrößten Wasserräder und erzählen die Geschichte der ersten Technik der Bewässerung. Sie funktionieren noch heute! Als das Wasserrad erfunden wurde, war dies ein Meilenstein in der Technik. Sie erleichterten die Bewässerung der Felder und wurden lange Zeit dafür genutzt. Die Wasserräder sind aus Holz und werden vom Fluß angetrieben. Heute haben sie nur noch dekorative Zwecke und sind Anziehungspunkt für viele Touristen. Sie sollen bei genügend Wasser im Fluss Orontes immer noch funktionieren, aber leider hatte es so gut wie kein Wasser im Fluss. Im Gegenteil, es stinkte erbärmlich nach abgestandenem, verfaultem Wasser. Aber diese Wasserräder sind schon sehr eindrücklich zu sehen und ich war froh, dass ich diesen Umweg auf mich nahm.
Von Hamah aus fuhr ich direkt zur nächsten, gewaltigen Kreuzritterburg - der Crac des Chevaliers.  Diese hatte es wahrlich in sich. Als herausragendes Symbol der Kreuzritterzeit ist sie Bestandteil des Weltkulturerbes der Unesco. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder restauriert und bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts militärisch genutzt. Sie ist heute in einem sehr guten Zustand und man kann sich darin hervorragend die Zeit der Ritter (und Nachfolgemächte) vorstellen. Ich kam mir vor wie ein kleiner Bub, der erstmals in Ruinen herumkraxelt und sich vorstellt, wie das Leben darin wohl war. Ich fand es herrlich und gehört zu meinen Highlights der Syrienreise.

Vom Crac des Chevaliers aus waren es nur ca. 100 bis nach Damascus. Damascus… wie oft hat man schon von Damascus in den Nachrichten, aber auch in der Schule gehört. Und nun fuhr ich dort ein! Es war ehrlich gesagt kein erhebendes Gefühlt, denn der gleiche Wahnsinn auf der Strasse wie in Aleppo, herrschte hier vor. Ein Chaos! Mann o Mann, wie soll ich hier ein geeignetes Hotel in der Nähe der Altstadt finden? Die Beschilderung zur Altstadt ist lausig und ich fahre vorwiegend nach Gefühl. Irgendwann finde ich sie und ich halte an einem grösseren Platz an. Da kommst sofort ein Taxifahrer herangerannt und fragt mich in bestem Englisch, ob ich ein Hotel suche. Ich dachte, komm, es viel einfacher, einfacher hinter ihm her zu fahren und mich zu einem Hotel zu lotsen. Das dritte, das er mir zeigt, nehme ich. Es liegt im Christenviertel und ist nur wenige Gehminuten von der Altstadt entfernt. Vor allem hat es wireless internet , ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Ich zahle etwas mehr, denn wifi haben in Syrien bis jetzt nur die besseren Hotels. Überhaupt ist Internet so eine Sache in Syrien. Von der Regierung wird es leider beschränkt. Gewisse Seiten wie Facebook oder Youtube sind geperrt (angeblich wegen terroristischen Verschwörungen, die sich auf diesen Seiten treffen!). Ausserdem ist es meistens ätzend langsam. Da war im Gegensatz dazu die Türkei ein Paradies, jedes noch so billiges Hotel hatte wifi (sogar meistens im Zimmer!) und es lief immer mit guter Geschwindigkeit.

Auch die Altstadt von Damascus ist ein absoluter Highlight! Ähnlich zu jenem in Aleppo. Allerdings gefiel mir diejenige von Aleppo sogar noch besser, aber ich will jetzt nicht kleinlich sein. Ein Höhepunkt in Damascus ist der Besuch der Omayyaden-Moschee. Die Römer errichteten an diese Stelle ungefähr 31 vor Christus ihren Jubitertempel, welchen sie im 4. Jhdt. durch eine christliche Kirche ersetzten. Später, nachdem die Araber das Gebiet erobert hatten, wurde daraus eine Moschee. Sie sollte die grösste der islamischen Welt werden und diente vielen Moscheen als Vorbild. Weitergehende Infos findet ihr hier:

www.martinkessler-art.ch/asien/syrien/SYR%20-%20Damaskus%20%20Omayyaden-Moschee.pdf

Auch hier in Damascus ist der Besuch der Suqs ein super Erlebnis. Doch auch hier: die Suqs in Aleppo empfand ich noch schöner und vor allem authenitscher. Es treiben sich Unmengen von Touristen in Damascus herum, was das Bild leider verfälscht.

Nach 3 Tagen Damascus, einer gehörigen Portion Smog in den Lungen und genug vom dauernden Gehupe und den Menschenmassen, zog es mich wieder weiter. Ich sollte ja noch einmal nach dem Jordanien-Trip hier vorbeikommen…

Von Damascus an die jordanische Grenze sind es etwa 150 km oder 2 Stunden Fahrt.

Der Grenzübergang nach Jordanien war einfach. Die jordanischen Grenzer konnten sogar ganz gut Englisch und waren sehr hilfsbereit. 45 Minuten und ich war in Jordanien.

Ich fuhr als erstes in die etwa 50 km von der Grenze entferne Stadt Jermash. In Jermash war eine römische Stadt und es gibt wunderbare Ruinen zu bestaunen. Ich investierte einen Tag.

Tagsdarauf ging’s nach Amman, die Hauptstadt Jordaniens. Ich war allerdings enttäuscht von der Stadt. Wieder ein riesiges Puff, sprich Verkehrschaos und nicht viel kulturhistorisches zu erforschen ausser einem römischen Amphitheater und eine Zitadelle auf einem Hügel. Einzig die Lage von Amman ist super. Sie ist auf verschiedenen Hügel verstreut. Der Anblick aus etwas Distanz sieht toll aus, aber aus der Nähe ist alles schmuddelig, kaputt, staubig. Ich beschliesse, nur eine Nacht zu bleiben und tagsdarauf an das Tote Meer zu fahren.

Ich freue mich, an den tiefsten Ort der Erde zu kommen. Amman liegt auf ca 900 M.ü.M. Wie tiefer ich komme, desto heisser wird’s. Untern am Meer zeigt mein Thermometer unglaublich 43 Grad an. Ich laufe aus…! Doch was für eine Enttäuschung die Region um das Tote Meer doch ist. Alles ist staubig, steinig, gelb-grau, öde. Eine einzige Strasse führt dem Meer entlang. Alles ist eine Geröllwüste, nicht Grünes. Es gibt lediglich zwei offizielle Badstrände, wo sich alle Touristen zusammendrängen. Es ist auch der einzige Ort, wo man etwas essen kann. Ich stellte mir vor, dass ich am Meer übernachten und etwas schwimmen gehen werde. Die einzigen Hotels, die dort anzutreffen sind, sind 4- und 5-Sterne-Kästen und es sieht alles andere als einladend aus. Ich bin ernüchtert. Einzige Freude ist, dass mein GPS mir – 391 Meter anzeigt. Ich fotografiere es um es festzuhalten. Darauf esse ich was in diesem Tourispot und beschliesse gleich weiterzufahren bis zum Roten Meer. Zum Glück ist Jordanien ein kleines Land und die Distanzen daher eher mässig gross.

So fahre ich durch bis nach Aqaba am Roten Meer. Wie weiter südlich ich komme, desto „wüstiger“ wird es. Ich meine diesmal wirklich Wüste, so wie unsereins sich eine Wüste vorstellt. Mit Sand und so. Es ist sehr heiss und es wird immer einsamer. Ich bin quasi alleine unterwegs. Da die Strasse entlang der israelischen Grenze entlang führt, gibt es ab und zu eine Militärkontrolle. Aber die Soldaten scheinen sich über mein Erscheinen zu freuen. Ist es doch eine Abwechslung, eine grosses Motorrad zu sehen. Einer, mit Maschinengewehr um den Hals gehängt fragt, ob er etwas Gas geben dürfe und er dreht mit leuchtenden Augen am Gasgriff.

Es ist bereits Dunkel, als ich in Aqaba ankomme. Ich sah etwa 30 km vor Aqaba einen schönen Sonnenuntergang in der Wüste, doch graute mir, im Dunkeln eine Unterkunft suchen zu müssen. Ich fand sie ein paar Kilometer südlich von Aqaba, direkt am Strand. Ich wollte ein paar Tage ausspannen und im Roten Meer tauchen gehen.

Das Hotel war super. Mit Swimming-Pool und Internet und gleich über die Strasse war der Strand. Und mit Fr. 30.00 war es auch noch realtiv günstig. Ich traf Deutsche, Ungarn Franzosen im Hotel an und hatte somit auch noch etwas Unterhaltung.
Die Tauchgänge waren eher enttäuschend, nachdem was ich alles gehört hatte. Ich machte deshalb lediglich 2 Tauchgänge. Vermutlich bin ich bereits zu verwöhnt. Einzig ein relativ grosses Frachtschiffwrack war interessant zu betauchen. Ich fragte meinen Tauchguide, weshalb es hier mässig toll ist zu tauchen. Er meinte, dass es von Egypten aus viel besser sei, weil Aegypten am offenen Meer liege und wir hier lediglich an einem kleinen Seitenarm seien. Es seien Ihnen hier auch keine Tauchboote erlaubt, weil wir hier in einem Vierländereck liegen. Tatsächlich ist wenige Kilometer südwärts die saudiarabische Grenze. Die Stadt Aqap grenzt an Israel und gleich gegenüber sieht man Aegypten. Also durften wir nur vom Strand aus tauchen gehen. Das erklärt manches.

Nach 3 Tagen Pause fahre ich wieder nordwärts. Das Ziel ist die famose und sagenumwobene Stadt „Petra“, die vollständig in Felsen gehauen ist. Die Fahrt führt in die Berge, die Landschaft ist aber nach wie vor sehr trocken und karg und es ist kaum etwas Grünes zu sehen.

Petra kann als eines der absoluten Höhepunkte aller Ruinen, die ich bisher gesehen habe (und das waren nicht wenige), bezeichnen. Viele kennen den Film „Indian Jones und der letzte Kreuzzug“ mit Sean Connery als Vater des Indiana Jones. In diesem Film spielen die Schlussszenen vor dem berühmten Felsentempel in Petra.
Leider, wie in allen archäologischen Topausgrabungsorten, trampeln sich die Touristen auf den Füssen rum. Das ist das einzig wirklich nervende an diesen Besichtigungen. Immer steht doch irgend so ein Trottel im Bild… Die individuellen Reisenden gehen ja noch, schlimm sind die Reisegruppen. Die Cars fahren beinahe Karawanenartig an und en jeder spuckt an die 40 bis 50 Touris aus. Und man würde nicht glauben, wie viele betagte Menschen unterwegs sind! Ich würde das Durchschnittsalter der Touris an diesen historischen Orten bei 60 schätzen! Es ist unglaublich! Und alle folgen wie eine Schafherde dem Reiseführer und blockieren ewig einen Raum, einen Gang oder einfach den perfekten Winkel für ein Foto!!! ICH HASSE REISEGRUPPEN!!! Da sitzt man gemütlich auf einem Turm oder in einem Raum und lässt die Stimmung auf sich einwirken und da trampelt so eine Gruppe herauf oder hinein und fertig ist’s mit der guten Stimmung, grrrrr!!!!

Nach einer Übernachtung in Wadi Musa, der Stadt neben Petra, fahre ich am nächsten Morgen weiter nördlich nach Madaba. Ich fahre den „Kings Highway“, welche sich als wunderschöne, über sanfte Hügel und durch Täler schlängelt. Es ist eine Nebenstrasse und wird nur von den lokalen Anwohner benutzt. Der Hauptverkehr fährt auf der ein paar Kilometer weiter östlich liegenden Autobahn. Es ist eine wunderbare Fahrt, die ich sehr geniesse.

Als ich, etwa 1 Stunde von Madaba entfernt von der oberen Kante eines grossen Canyon, bzw. Tals mit Stausee langsam den Berg herunterfahre, sehe ich am Strassenrand ein kleine, sehr einfache Raststätte und einen Typ der mich wild zu sich winkt. Ich denke, dass eine Teepause gar nicht so schlecht wäre. Ich halte an und mache Pause. Der Typ heisst Sam und kann überraschend gut Englisch. Er ist ein recht wild dreinschauender Kerl, 42 Jahre alt. Er war beim jordanischen Militär und Spezialist für Hydraulik an Kampfjets. Er wurde in den USA weitergebildet, darum sprach er auch so gut Englisch. Er hatte die Schnauze voll vom Militär, dem sozialen Druck, der Religion, der Gesellschaft und so weiter. Ein Aussteigertyp. Vor 4 Monaten hat er sich dieses kleine Plätzchen von der Regierung gepachtet und führt nun dieses kleine Café mit etwas Souvenirverkauf an Touristen. Er redete wie ein Buch, machte ständig Witze und war hocherfreut mich zu treffen. Er lud mich nach mehreren Tassen Tee ein, bei ihm zu Nacht zu essen und zu übernachten. Es sei Abends immer alleine und würde sich für einmal über Gesellschaft sehr freuen. Er war wirklich ein liebenswerter und warmherziger Kerl. Ein französisch/italienisch Päärchen hielt mit ihrem Mietauto ebenfalls an und gesellte sich zu uns. Auch ihnen machte er das Angebot. Wir entschlossen uns alle gemeinsam, dort zu übernachten. Das sei doch ein tolle Gelegenheit. Zumal die Aussicht von der Kante runter in das Tal mit dem Stausee wirklich wunderschön war. Sam nannte sein Café deshalb auch ganz unbescheiden: „Grand Canyon Café“.

Wir schauten uns einen grossartigen Sonnenuntergang an und danach grillierte und Sam ein Nachtessen: Poulet mit gegrillten Tomaten, Zwiebeln und Pfefferschoten. Dazu das übliche Fladenbort, das überall in Syrien und auch Jordanien gegessen wird. Wir schliefen auf einer seiner vielen Couches unter einem Beduinenzeltdach, sprich grossen, aus Schafswolle gefertigte Decken. Der Sternenhimmel war schlicht grandios, da wir weit weg von Lichtquellen waren. Ich erwachte rechtzeitig um den Sonnenaufgang zu sehen, der ungefähr um halb sechs stattfindet. Nach einem einfachen Frühstück verabschiedete ich mich um ca. 8 Uhr und fuhr weiter gen Madaba. Es war ein tolles Erlebnis beim amüsanten und ultralieben Sam zu übernachten. Er hörte nicht auf Geschichten zu erzählen und über die Regierung herzuziehen. Aber vor allem jammerte er ständig, dass er auf seine grosse Liebe wartet, die eines Tages ganz bestimmt an seinem Café anhalten wird! Er hätte ja sooooo viel Liebe zu vegeben. Beim Abschied umarmte er mich kräftig, dürckte seinen Kopf auf meine Brust und begann doch tatsächlich zu weinen an. Ich glaube er meinte es wirklich so, wie es aussah – ein herzensguter Mensch!

Da ich so früh dran war, konnte ich vor Madaba noch einen kleinen Umweg einbauen. Ich war nur wenige Kilometer Luftlinie östlich vom Toten Meer (ich fuhr ja parallel zur Strasse, die entlang dem Toten Meer führt wieder nordwärts). Dazwischen liegt eine langgezogene Bergkette. Ich sah auf der Karte, dass es eine Strasse gibt, die über die Berge zum Meer führt und eine andere wieder zurück nach Madaba. Eine Zusatzschlaufe quasi. Auch sah ich, dass es auf dieser Strasse eine Burg zu besichtigen gäbe. Zum Glück machte ich diesen Umweg, den die Gegend war superschön. Eine wunderschöne Aussicht auf das Tote Meer öffnete sich und diesmal sah das Meer viel schöner aus, als aus der Nähe! Die Strasse führt runter in eine Schlucht und schraubte sich steil auf der anderen Seite wieder hoch. Viele Kurven und alleine unterwegs. Es war traumhaft! Die Burg sah ich mir nur aus der Ferne an, konnte man doch nur hinauflaufen und in meinen Motorradstiefen wollte ich mir das nicht antun. Zudem sah ich vom Gegenhang aus deutlich, dass es nicht viel zu sehen gäbe, ausser der Aussicht natürlich. Ich bevorzugte, die Fahrt auf dieser Superstrasse weiter zu geniessen und fuhr weiter.

Immer wieder sieht man im ganzen Land Beduinen, die mit ihren Schafherden herumziehen. Wenn sie in der Nähe einer Strasse sind, hocken sie am Strassenrand und achten darauf, dass kein Schaf auf die Strasse rennt. Und auch hier so ich Beduinen. Da ich ziemlich alleine unterwegs war, fiel ich diesen Beduinen natürlich sofort auf und sie winkten mich heran, ein Teeglas hochhaltend – eine Einladung zum Teetrinken! Das wollte ich mir nicht entgehen lassen und hielt an. Wir hockten am Strassenrand und versuchten zu kommunizieren. Es waren ungefähr 6 Männer und Burschen. Einer der jungen konnte ein paar Wörter in Englisch. Es war trotzdem lustig und ich trank mehrere Glas Tee. Nach ca einer halben Stunde machten wir Abschiedfotos und ich fuhr weiter. Es war einmal mehr herzlich und äusserst freundlich.

In Madaba besuchte ich die St. Georgskirche mit ihrer berühmten Bodenmosaikkarte. Das Madaba-Mosaik ist die älteste im Original erhaltene kartografische Darstellung des sogenannten Heiligen Landes und insbesondere Jerusalems. Sie stammt aus dem mittleren 6. Jahrhundert n. Chr. Die Mosaikkarte ist das erste geografische Bodenmosaik der Kunstgeschichte! Wenn ich schon so nahe daran vorbei kam, wollte ich mir das auch anschauen. Ich fand die Karte wirklich sehr interessant und bemerkenswert, wenn man bedenkt, wann diese Karte hergestellt wurde.

Nach einer Nacht in Madaba fuhr ich am nächsten Morgen über Amman direkt weiter zur Grenze und zurück nach Damascus. Das war an einem Tag locker zu bewältigen, denn wie gesagt, die Länder sind nicht so gross. Das waren ca. 450 km. Die Grenzüberquerung war wiederum sehr locker und in weniger als einer Stunde war ich wieder in Syrien.

Ich war lediglich etwa 8 Tage in Jordanien, aber es reichte locker, um das Wichtigste zu sehen und mir einen Eindruck zu verschaffen. Mir fiel auf, dass die Leute wirklich sehr, sehr gastfreundlich, ehrlich interessiert und warmherzig sind. Allerdings kann ich das nur von den Männern sagen, denn mit Frauen kommt man so gut wie nie in Kontakt. Ausnahme sind  Christinnen, aber die sind krass in der Minderzahl. Überall wird man von Männer bedient, sogar das Putzpersonal in den Hotels ist männlich. Frauen spielen im öffentlichen Leben keine Rolle! Aber dasselbe kann ich auch von Syrien erzählen, die Länder sind sich sehr ähnlich. Allerdings mögen sich die beiden nicht so und in beiden Ländern wird gegenseitig über den anderen hergezogen. Doch die Gastfreundschaft und Herzlichkeit ist beiden gemeinsam. Wie oft wurden mir die zwei Äpfel, die ich auf dem Markt kaufen wollte, einfach geschenkt! Oder es wurde mir gleich noch ein halbes Kilo Trauben dazu geschenkt.

Auch sind beide Länder sehr sicher. Zum Beispiel konnte ich mein Motorräder praktisch nie in einer Garage oder Innenhof parkieren. Fast immer stand es über Nacht auf der Strasse. Die Leute sagten mir immer: „no problem!“. Die Leute rühren Fremde Sachen nicht an, nicht mal Kinder. Zumindest habe ich es nicht gesehen. Aber es geschah wirklich NIE irgendetwas. Das hätte ich mir in Lateinamerika nie träumen lassen… Auch fühlte ich mich abends oder in kleinen Nebengassen nie unsicher oder bedroht. Immer gibt’s ein Lächeln und keine dunklen Blicke!

Weiter ist mir aufgefallen, dass es so gut wie keine Motorräder in Jordanien gibt. Sehr selten sieht man mal einen Roller oder Scooter. Im Gegensatz zu Syrien, wo es sehr viel kleine Motorräder (bis 250 ccm) gibt. Entsprechend war das Aufsehen, wenn ich mit meiner vollbepackten Maschine irgendwo anhielt…

Da Essen ist ähnlich wie in Syrien. Viel Kebab, aber nicht wie bei uns. Sie servieren kleine Fleischwürfel (Lamm, Rind und Huhn) auf einem Haufen Reis im Teller. Dazu gibt’s gebratene Tomate, Zwiebel und Pfefferschote. Salat und Suppe wird auch viel gegessen. Dazu  bekommt man manchmal auf der Strasse herrliche Falafel (in Syrien mehr gesehen als in Jordanien). UND: super leckere Fruchtsäfte und „smoothies“ (mit Milch gemixt) gibt’s überall! In Syrien wie in Jordanien. Davon könnte ich leben!
Einzig die Frühstücke hängen mir langsam zu Halse raus. Immer gibt’s Schafskäse, Oliven, Tomaten, ein oder zwei gekochte Eier, Fladenbrot, manchmal auch Butter und Konfitüre oder Honig, selten auch  Homos (der Kichererbsenbrei = sehr lecker!) oder saurer Joghurt. Dazu der obligatorische Tee oder auch Nescafé.

Auffallend ist auch, dass man Frauen in allen möglichen Verschleierungsarten sieht, ja sogar immer wieder gänzlich unverschleierte. Das zeigt, dass in Jordanien, aber auch in Syrien, eine grosse Toleranz zu anderen Religionen herrscht. Ich hatte sogar das Gefühl, dass die Leute stolz auf ihre Toleranz sind. Gut, ich war zu wenig lange in den Ländern um tiefer in der Volksseele zu forschen, aber der Eindruck hat sich ergeben und wurde auch bestätigt wenn ich mal ein (seltenes) Gespräch über Religion hatte. Tatsache ist, dass man nebst vielen Moscheen auch immer wieder Kirchen sieht. Es gäbe auch wenige Synagogen, gesehen habe ich aber keine.

Zurück in Damascus, steige ich im selben Hotel ab, wo ich das erste Mal war. Ich bleibe nur eine Nacht, denn mein Ziel ist nun Palmyra und der Osten Syriens. Auf der Fahrt durch die syrische Wüste Richtung Palmyra mache ich halt im „Bagdad Café 66“, das an der Strecke liegt. Ich hatte davon im Vorfeld gelesen. Es liegt auf halbem Weg zwischen Damascus und Palmyra. Die Strasse führt direkt weiter nach Bagdad. Es hat sich unter Touristen einen Namen gemacht, da es ein sehr gemütlicher Laden mit einem Haufen lustigem Sammelsurium ist. Die syrischen Betreiben sind äusserst freundlich und sehr geschäftstüchtig. Ein toller Ort, um eine Pause in der langweiligen Wüstenöde zu machen.

Am Nachmittag fahre ich in Palmyra ein. Das tolle war, dass man, bevor man ins benachbarte kleine Städtchen Tadmur einfährt, man erst quasi mitten durch die Ruinen der römischen Stadt durchfährt. Ein tolles Gefühlt!

Palmyra ist eine Oase mitten in der Wüste und lag an der wichtigen antiken Handelsstrasse. Sie wurde deshalb sehr reich und entsprechend prachtvoll war die Stadt. Heute sieht man noch die prachtvolle Säulenstrasse, ein super renoviertes Amphitheater, der riesige und beeindruckende Baal-Tempel und tolle Gräbertürme in „Tal der Gräber“. Aber die vielen Säulen stechen vor allem ins Auge. Von der nahegelegenen Burg, hat man einen super Überblick über die Stadt, bzw. Ruinen. Da das Ganze mitten in der Wüste steht, vermittelt einem ein ganz spezielles Gefühl. Es wirklich mal was Anderes. Ich war sehr beeindruckt. Da auch hier viele Touristen herkomen, beschloss ich an nächsten Morgen um 6 Uhr aufzustehen und mir den Sonnenaufgang reinzuziehen. Ich hatte die Ruinen beinahe für mich allein. Und da die ganzen Ruinen offen daliegen, sprich nichts eingezäunt ist, und es keinen Eintritt kostet, konnte ich mit dem Motorrad in Seelenruhe durch die Ruinen kurven und tolle Fotos schiessen. Die Ruinen verstreuen sich über Kilometer und man brächte zwei Tage um alles abzuschreiten. Aber mit dem Motorrad war das natürlich einfach und erst noch super. Aber auch ich brauchte den ganzen Tag, um mir alles anzuschauen. Am Abend zog ich mir – zusammen mit Hunderten anderen Touristen, von der Burg auf dem Hügel den tollen Sonnenuntergang rein. Ein sehr schönes Erlebnis!

Von Palmyra aus fuhr ich am nächsten Morgen weiter bis zum Fluss Euphrat und der daran liegenden Stadt Raqqah. Die Stadt gibt nichts her, aber 50 km davon entfernt, steht die arabische Burg „Qalaat Jabar“ auf einer Halbinsel im Aratsee, welcher ein Stausee ist. Die Burg selbst ist ziemlich zerstört, man sieht nichts vom „Innenleben“. Lediglich die Aussenmauern sind zu sehen. Eigentlich ist es die Lage, die die Burg interessant machen. Aber, um ehrlich zu sein, hat sich der Umweg von 2 x 50 km nicht wirklich gelohnt, denn ich musste wieder zurück nach Raqqah fahren um auf die Strasse Richtung Grenze zu kommen.

Nach ca. 220 km erreichte ich das Grenzstädtchen Qamishli. Ich wollte dort nochmals übernachten und erst am Morgen über die Grenze zurück in die Türkei fahren. Ich rechnete mit langen Grenzformalitäten.

Ich sollte mich täuschen. Nach lockeren 45 Minuten war ich wieder in der Türkei. Mein heutiges Tagesziel war, so weit wie möglich nordwärts zu kommen, denn ich musste Ostanatolyen durchqueren um nach Dogubeyazit an der iranischen Grenze zu kommen.

Ich wusste, das sich mich in heiklem Gebiet befinde, denn die irakische Grenze liegt nur wenige Kilometer entfernt und ich befinde mich mitten in kurdischen Gebiet. Und was für Spannungen zwischen Kurden und Türken existieren, weiss man ja aus der Presse. Auch wurde ich mehrmals gewarnt, dass es in diesem Gebiet Spannungen gibt und ich aufpassen soll. Entsprechen fühlte ich mich nicht so richtig wohl in meiner Haut und ich wollte einfach so schnell wie möglich mich von der Grenze entfernen.

Die Fahrt hinein ins Kurdengebiet ist aber allererste Sahne! Nach zwei Militärkontrollen habe ich freie Fahrt in die Berge. Es geht hoch und höher, komme bis auf 1'900 Meter. Es ist eine grandiose Landschaft! Die Strasse windet sich Kurve um Kurve die Berge hoch und runter. Nach der syrischen Wüste und heissen Temperaturen wechselt die Landschaft nun dramatisch! Auch wird es immer kühler. Die Temperaturen fallen auf 14 Grad! Ich fröstle und schalte erstmals die Griffheizung ein.

Ich erreichte an diesem Tag die Stadt Siir, die auf 1'700 M.ü.M. liegt. Ich fahre in die Stadt ein und tatsächlich gefiel mir die Stimmung in dieser, einen heruntergekommenen, ärmlichen Eindruck machenden Stadt, nicht. Wie immer suche ich das Zentrum um ein Hotel zu finden. Ich irre durch die Stadt und gerate in „komische Quartiere“. Alle Leute schauen mit sehr unterschiedlichen Gesichtsausdrücken auf mich, als sie mein Motorrad hören und sehen. Es geht von freundlich Winken bis zu bösen Blicken. Ich fühle mich nicht wohl. Da sehe ich in so einer Quartierstrasse einen brennenden Reifen und grössere Steinbrocken quer über die Strasse. Viele Jugendliche und Kinder sind auf der Strasse. Ich nähere mich, sehe dass ein alter Renault 12 angehalten wird und diskutiert wird. Ich mache keine Anstalten zu halten und fahre zwischen den Steinen durch. Da höre ich plötzlich Schreie hinter mir und dann sehe ich im Rückspiegel einen Haufen Steine, die mir hinterher geworfen werden. Oh shit, oh shit, denke ich. Nicht gut und gebe Gas. Zum Glück trifft mich keiner. Aber mein Eindruck hat sich in diesem Augenblick bestätigt. Die Stimmung ist gereizt in dieser Stadt! Scheisse, es ist bereits am Eindunkeln und ich muss hier übernachten. Endlich treffe ich wieder auf eine Hauptstrasse und fahre glücklicher weise tatsächlich ins Zentrum. Auch finde ich auf Anhieb ein Hotel. Ich halte an und bin sogleich Umringt von Gaffern, Männer, Jugendliche und Kinder. Zum Glück sind sie freundlich. Sie sind einfach überrascht, einen Traveller auf einem grossen Motorrad in ihrer Stadt zu sehen. Zum Glück gibt’s ein Zimmer führ mich. Die jugendlichen Rezeptionisten sind nett und verscheuchen die Kinder um mein Motorrad. Ein Hotelgast kann ein paar Brocken Englisch und hilft mir. Glücklicherweise  hat die neben dem Hotel angebauten Teestube einen Hinterhof und ich darf mein Bike dort abstellen. Phuuu, bin ich froh, das Bike von der Strasse zu haben. Ich verziehe mich ins Zimmer und kommen nur noch einmal für ein Nachtessen raus. Ich bin sehr froh darüber am nächsten Morgen aus der Stadt zu verschwinden…

Nach zwei weiteren Tagen Fahrt durch die Berge, über eine weite, auf 2'000 Meter liegenden Hochebene, vorbei am grossen Van-See (1'600 M.ü.M.) und letzlich über einen Pass auf 2'600 M.ü.M., den ich bei 6 Grad und Regen überquere, erreiche ich Dogubeyazit – meine letzte Station in der Türkei. Hier bin ich nun und warte auf die Zusendung eines neuen Satz Reifens, der mir aus Istanbul zugeschickt wird. Ich ruhe mich hier etwas aus, schreibe den Bericht und arbeite an meiner Webseite.


Dogubeyazit liegt am Fuss des Berges „Ararat“, dem mit 5'165 Meter höchsten Berg der Türkei. An diesem Berg soll die Arche Noah gelandet sein! Es ist also ein in der christlichen Geschichte sehr wichtiger Berg und Ort. Ich bin allerdings nicht wegen de Arche Noah hier, sonder weil dies der Weg zum Iran ist. Zudem sehe ich bis jetzt gar nichts vom Berg, weil es schwer bewölkt ist und es regnet…. Vielleicht kann ich ja bis zum meiner Abfahrt noch einen Blick auf den Berg erhaschen.

In ein paar Tagen geht’s dann rüber über die iranische Grenze. Ich bin ja sehr gespannt, was mich im Iran erwarten wird. Man weiss ja so gut wie gar nichts über dieses Land. Ich freue mich sehr, dieses Land erschliessen zu können.

Man sagt mir hier, dass der Winter dieses Jahr ungewöhnlich früh einbricht und es eigentlich schon zu kalt für diese Jahreszeit ist. Wir sind hier auf 1'600 M.ü.M. und ich kann bereits Schnee an den herumstehenden Bergen sehen. Der Iran liegt höher als man weiss und denkt, und deshalb stelle ich mich von nun an auf Kälte ein. Na ja, für nichts habe ich meine warmen Sachen nicht mitgeschleppt…

Meine Eindrücke vom Iran werdet ihr in meinem nächsten Bericht lesen können. Bis dahin alles Gute und bis zum nächsten Mal-

Euer Thierry


 
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